Digitalisierung

29. Oktober 2019 12:07; Akt: 29.10.2019 15:54 Print

Neue Lehren, eine Chance für schwache Schüler?

von P. Michel - Systemgastronomiefachmann statt Fotolaborantin: Eine Auswertung zeigt, wie sich die Lehrberufe in den letzten Jahren gewandelt haben.

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Fast die Hälfte der Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren entscheidet sich für eine Lehre. Die Auswahl der Berufe, die ihnen dabei zur Verfügung stehen, hat sich in den letzten 15 Jahren stark verändert, wie eine Auswertung des Staatssekretariats für Berufsbildung (SBFI) für 20 Minuten zeigt. Die Digitalisierung sorgt dafür, dass ganz neue Lehrprofile entstehen, während traditionsreiche Berufe verschwinden.

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Eine Auswahl der 13 neuen Berufe, die innert 15 Jahren entstanden sind:

Fachmann Kundendialog EFZ (2011)
Lernende dieser dreijährigen Ausbildung arbeiten in Callcentern, führen Umfragen durch oder nehmen Beschwerden entgegen. Die Lehre wurde geschaffen, um die «Wertschätzung eines Contact-Center-Mitarbeiters zu erhöhen». Zudem werde der Kundendialog immer wichtiger für jedes Unternehmen, so der Verband.

Fachfrau Bewegungs- und Gesundheitsförderung EFZ (2012)
Der Fitness- und Gesundheitstrend schlägt sich auch in der Berufsbildung nieder: In der Ausbildung lernt man etwa, «gesunden Lebensstil zu erkennen und zu fördern» oder Fitnessprodukte zu verkaufen. Die Absolventen arbeiten in Fitnesscentern, aber auch in Hotels oder Wellnesscentern.

Systemgastronomiefachmann EFZ (2013)
Sie stehen bei McDonald’s oder im Migros-Restaurant in der Küche, sind aber auch für den Lebensmitteleinkauf oder die Qualitätskontrolle verantwortlich. Die Branche rechnet auch wegen des zunehmenden Take-away-Trends mit guten Aussichten: «Die Berufsleute sind gesuchte Fachleute.»

Entwässerungstechnologin EFZ (2014)
Das Wissen für den Kanalunterhalt lernten Mitarbeiter zuvor «on the job». Da jedoch die Anforderungen an den Umweltschutz, die Sicherheit und an IT-Systeme stark gestiegen sind, lancierte die Branche eine «imagefördernde» Lehre. Schwerpunkt ist die Reinigung der Kanäle sowie deren Untersuchung mittels einer ferngesteuerten Kamera.

Hotel-Kommunikationsfachmann EFZ (2017)
Sie sorgen nicht nur für reibungslose Buchungen, sie können auch Weinempfehlungen abgeben und einen Post auf der Facebook-Seite absetzen. Die Branche schuf den Beruf, um Personen mit Büro- sowie Gastrowissen auszubilden.

Eine Auswahl der Berufe, die ausgestorben sind:

Etuismacher (2015)
Lernende befassten sich mit der Herstellung von Koffern und Etuis – etwa eines Geigenkoffers.

Fotolaborantin (2013)
Ein Opfer der Digitalfotografie ist der Beruf des Fotolaboranten: Filmentwicklung und Papierabzüge sind heute schlicht nicht mehr gefragt. Ein Teil der Ausbildung wurde in den Beruf Mediengestalter Digital und Print integriert.

Kuvertmaschinenführerin (2011)

Auch das Bedrucken von Couverts oder anderen Materialien hat heute keine Konjunktur mehr: Der Beruf wurde aufgehoben, weil moderne Maschinen diese Arbeit übernehmen.

Metalldrückerin (2015)
Metalldrücker formten in Handarbeit Werkzeuge. Zuletzt entschied sich pro Jahr eine Person für diese Lehre, weshalb sie gestrichen wurde.

Schuhreparateur EBA (2018)
Ihr Job bestand im Reparieren von Konfektions- und Massschuhen. Wegen «fehlendem Interesse» löste sich diese Lehre auf. Offenbar konnten sich weder genug Betriebe noch junge Erwachsene dafür begeistern.


«Digitalisierung gefährdet Berufschancen nicht»

Für Bildungsforscher Jürg Schweri vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung zeigt die Gegenüberstellung von neuen und alten Lehrberufen, dass die Digitalisierung die Berufschancen von Schulabgängern kaum gefährdet und Angst vor zunehmender Arbeitslosigkeit unbegründet ist.

«Manche industrielle Berufe verschwinden tatsächlich – es entstehen aber genauso neue Lehren, einfach verstärkt im Dienstleistungsbereich.» Dies biete auch weiterhin Chancen für schwächere Schüler: So könne etwa jemand, der früher Metalldrücker hätte lernen können, die Anforderungen für Systemgastronomiefachmann erfüllen.

Auch in Zukunft würden weitere neue Lehren entstehen, sagt Schweri. Der Kanton Bern listet bei einer Tagung zum Thema auf: Ökotrophologe (Ernährungsfachperson), Data-Scientist oder Packaging Manager (Verpackungsspezialistin). Bei einer weiteren Spezialisierung der Berufe sei es aber wichtig, sich nicht zu stark zu verzetteln, sagt Schweri: «Sonst schafft man Berufslehren, die zu spezifisch sind und den Lernenden auf dem Arbeitsmarkt zu wenig Mobilität erlauben.»

Machst du eine Lehre in einem neuen Beruf? Bist du begeistert? Oder findest du deine Ausbildung unnötig? Erzähle uns deine Geschichte.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tuxedo Camel am 29.10.2019 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Frage ...

    Mann muss echt 3 Jahre studieren um danach die Leute mit Werbeanrufe nerven zu können???

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  • Tamara Moser am 29.10.2019 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Ungerecht

    Die Lehrbetriebe erwarten alle ein kleines Genie als Lernenden. Wenn ich mit meinen Schülern die Inserate durchschaue steht da bei jedem einzelnen Beruf gewünscht Sek A. Von KV - Fachfrau Gesundheit alle wollen nur die Sek A Schüler und denken nicht mal im Traum daran den Sek B Schülern eine Chance zu geben.

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  • Tina S. am 29.10.2019 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Geduld fördern

    Es gibt keine schwachen Schüler man sollte sich als Unternehmen wieder mehr bemühen die Lehrlinge richtig einzuarbeiten und zu betreuen und sie nicht nur als billige Arbeitskräfte sehen an denen man Geld spart und ausnutzt. Übt mehr Geduld und einfühlungsvermögen ubd fördert sie dort wo ihre stärken liegen..und um diese rauszufinden muss man ihnen die Chance geben sich zu beweisen vielleicht auch mehrmals. Auch ein Schüler mit weniger guten Noten hat Qualitäten. Aber stattdessen stempelt man sie als Problem ab kein wunder sind die demotiviert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • karpas am 06.11.2019 07:28 Report Diesen Beitrag melden

    völlig legitim

    Warum Sek B Schüler nehmen, wenn es weitaus genügend Sek A Schüler gibt? Das ist nicht unfair sondern völlig logisch und in Ordnung, dass man sich für Personen mit dem höheren Abschluss entscheidet. Als Sek A Schüler ist man übrigens weitaus entfernt ein "Genie" zu sein. Ich habe die Sek A absolviert und wurde ausbildungstechnisch nur mittelmässig auf die Berufsschule (mit BM) vorbereitet. Wie das bei den "meisten" Sek B Schülern rauskommen würde ist beinahe selbsterklärend.

  • verstehichnicht am 01.11.2019 21:41 Report Diesen Beitrag melden

    Schwach - schwacher - am schwächsten

    Für schwache Schüler wurde die EBA Lehre geschaffen - was denn noch alles? Sollen die sich gar nicht mehr in der Ausbildung bemühen?

  • NoFuture am 01.11.2019 14:36 Report Diesen Beitrag melden

    NoPlan

    Lehre oder 3 Jahre auf indischem Lohnniveau eine Ausbildung ohne Jobaussicht machen? Mein Gott, da gibt es ja gar nichts was in 3 Jahren vermittelt werden kann (vielleicht max. 0.5 Jahre Anlehre). Produktive Betriebe verschwinden in der Schweiz (Auflagen und Kosten) und dafür werden Job-Lehren geschaffen die niemand braucht. Erfolgsmodell nur Dienstleistungen im Land kann nicht auf Dauer funktionieren.

  • Pedro am 01.11.2019 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    Titel für billige Hilfsarbeiter

    Das sind nichts anderes als Titel für Hilfsarbeiter die gar keine Ausbildung brauchen. Damit will der rechtsbürgerlich dominierte Staat nur, dass er anstatt "teuren" Hilfsarbeiter selbst die noch einmal zusätzlich ausnehmen kann und deren Jobs von solchen Pseudolehrlingen zum halben Preis erledigen lässt. Die Leute sollen so lange in die Schule bis sie eine richtige Lehre machen können.

  • Claudia M. am 31.10.2019 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Für jeden gibt es den passenden Beruf!

    Es gibt aber auch Voraussetzungen, die zu erfüllen sind. Geschenkt wird einem nichts! Zuerst mal überlegen, für was ich geeignet bin und Freude daran habe; keine utopischen Wünsche. Vielleicht über einen Umweg zum Ziel kommen; zweite Lehre. Dann braucht es den Willen etwas zu lernen, gut zu sein, Erfolg zu haben und lebenslang dazuzulernen; Weiterbildungen zu machen. Es ist ganz selten, dass jemand wirklich Erfolg hat mit einer Grundausbildung und ohne was dafür zu tun. Wer das nicht bieten und leisten will (kann), muss kleinere Brötchen backen.