«Meiden Sie Stosszeiten»

09. März 2020 09:55; Akt: 09.03.2020 09:55 Print

Diese Pendler müssen weiter in die vollen Züge

Der Bundesrat rät, dass Pendler wegen des Coronavirus Stosszeiten meiden. Das wird für Verkäufer, Pflegerinnen oder Schüler schwierig.

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Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG, betonte: «Wichtig ist wirklich, die Stosszeiten zu meiden, da sollen so gut wie möglich auch die Arbeitgeber mithelfen.» Sich regelmässig die Hände zu waschen oder aufs Händeschütteln zu verzichten, reicht nicht mehr: Am Freitag stellte Gesundheitsminister Alain Berset neue Empfehlungen im Kampf gegen das Coronavirus vor. Corrado Pardini, Leiter Sektion Industrie der Gewerkschaft Unia, fordert nun: «Jetzt müssen alle am gleichen Strick ziehen.» Überall dort, wo eine Flexibilisierung möglich sei, müssten Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden einen individuellen Arbeitsbeginn und Feierabend gewähren. «Pendler sollen dann zur Arbeit, wann sie wollen.» Auch für Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travail Suisse, ist selbstverständlich, dass die Arbeitgeber diese Empfehlungen umsetzen. «Ich gehe davon aus, dass es auch im Interesse der Arbeitgeber ist, die Empfehlungen des Bundesrats anzuwenden.» Adrian Wüthrich: Würden die Arbeitgeber nicht von sich aus Arbeitszeiten ermöglichen, die sich mit dem Pendeln ausserhalb der Stosszeiten vereinbaren liessen, würden entsprechende Forderungen von Mitarbeitern nach individuellem Arbeitsbeginn bestimmt auf offene Ohren stossen. Laut den Gewerkschaftsvertretern lassen sich die Empfehlungen in vielen Branchen problemlos umsetzen. «Banken und Versicherungen können sich gut anpassen. Auch in der Industrie kann man eine Maschine später einschalten als üblich», sagt Wüthrich. Schwieriger gestalte es sich bei Mitarbeitern, die im direkten Kundenkontakt stehen, wie zum Beispiel Coiffeure und Verkaufspersonal. «Eine solche Empfehlung setzt auch den Einbezug der Arbeitgeber voraus. Ohne zwingende Vorgaben an die Arbeitgeber werden sich die Pendler weiterhin in den öffentlichen Verkehr zwängen und sich so eher der Ansteckungsgefahr aussetzen müssen», sagt Karin Blättler, Präsidentin von Pro Bahn.

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Vermeiden Sie Reisen zu Stosszeiten: Mit dieser Empfehlung schaltete der Bundesrat im Kampf gegen das Coronavirus einen Gang höher. Zudem sollten Pendler auch ausreichend Abstand halten im Zug, Bus oder Tram. Während Gewerkschaften forderten, dass Firmen sich flexibel zeigen, wenn die Angestellten eine Stunde später zur Arbeit erscheinen, erklärte der Arbeitgeberverband: «Die Arbeitgeber sollen wann immer möglich flexible Arbeitsmodelle zulassen.» Doch der Verband betonte sogleich auch: «Für viele Tätigkeiten sind die Möglichkeiten aber wegen naturgemäss fixer Arbeits- und Öffnungszeiten limitiert.»

Diese Beschäftigten können dem täglichen Pendlerstrom nicht ausweichen:

Schüler und Studentinnen
Home-Office ist für Schülerinnen und Lehrer eher schwer umsetzbar. «Leider ermöglicht mir meine Schule keinerlei Möglichkeiten, und ich bin gezwungen, in den Pendelzeiten zu reisen», so ein Fachhochschüler. Er fände eine Massnahme bezüglich Schule angebracht, da gerade auch einige Junge mit dem Virus angesteckt worden seien.

Schülerin Jessica aus Sumiswald ergänzt: «Wie soll man denn das Pendeln um die Stosszeiten vermeiden, wenn man ins Gymnasium und deshalb den Zug nehmen muss?» Und Studentin Lea findet: «Als Student hat man gar keine Wahl. Die Vorlesungen beginnen um acht Uhr, dann bin ich halt voll im Puff drin ...» Während am Politikwissenschaftlichen Seminar der Uni Zürich nun Podcasts der Vorlesungen angeboten werden, müssen sich Pendler, die an die ZHAW nach Winterthur reisen, noch gedulden: «Eine Task-Force prüft derzeit, wie man die neuen Empfehlungen umsetzen kann», so Sprecherin Ilona Ammann.

Detailhandel
«Ich werde weiter pendeln. Ich arbeite im Verkauf und bei uns ist es leider unmöglich, den Stosszeiten auszuweichen», stellt Noemie fest, die von Lyss nach Biel zur Arbeit reist. «Die Planung und somit auch die Arbeitszeiten im Verkauf müssen bleiben, da wir an Öffnungszeiten gebunden sind», erklärt die Migros, betont aber auch, dass es viele verschiedene Jobs gebe, die nicht von Stosszeiten betroffen seien. Bei Aldi heisst es auf Anfrage, ein Grossteil der Verkaufsmitarbeitenden arbeite Teilzeit, was eine grössere Flexibilität ermögliche. «Zudem gelten in den meisten unserer Filialen Öffnungszeiten von 7 Uhr bis 20 Uhr, was dazu beiträgt, dass die meisten unserer Mitarbeitenden etwas ausserhalb der üblichen Stosszeiten ihren Arbeits- und Heimweg antreten.»

Öffentlicher Dienst
Schwierigkeiten, die Empfehlungen des Bundesrates umzusetzen, könnten auch Angestellte im öffentlichen Dienst haben. «Ich pendle jeden Tag mit Bus und Bahn nach Bern zur Arbeit. Ich arbeite im öffentlichen Dienst und habe feste Ansprechzeiten. Ich habe keine Wahl und muss weiter in vollen Zügen und Bussen pendeln», sagt eine Verwaltungsangestellte. Beim Bundespersonalamt heisst es, man habe die Departemente auf die Empfehlungen hin sensibilisiert. In einem Infobrief vom Freitag heisst es, die bestehenden Möglichkeiten betreffend flexiblen Arbeitszeiten, mobilem Arbeiten sowie Home-Office seien «im Sinne der Empfehlungen zu nutzen». Darüber entscheiden, ob die Angestellten auch später im Büro erscheinen können, müssen jedoch die einzelnen Departemente.

Gesundheitswesen
«Ich arbeite in der Langzeitpflege und kann meine Arbeitszeiten nicht ändern oder meine Arbeit von zu Hause aus erledigen», sagt Leserin Marina. Am Morgen sei sie zwar früh unterwegs, am Abend komme sie jedoch immer in den Stossverkehr. Das sie kaum Alternativen habe, halte sie sich an regelmässiges Händewaschen. Ähnlich dürfte es jenen Mitarbeitern in den Spitälern gehen, die derzeit wegen des Coronavirus gefordert sind. Andere Pendler, die ebenfalls wenig Spielraum haben, setzen auf ein 1.-Klass-Upgrade: Ich nehme den frühesten Zug und leiste mir ein Erstklassbillett von Zofingen nach Stettbach.»

(juu/pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pendler am 09.03.2020 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    Naja...

    ob ich den Bus und Zug um 6 Uhr oder 7 Uhr 30 nehme, spielt keine Rolle. Die Verkehrsmittel sind bis 9 Uhr morgens generell vollgestopft mit Passagieren. Genau das gleiche zwischen 15 Uhr Nachmittags bis 19 Uhr abends. Ausweichmöglichkeit besteht also in dem man um 5 Uhr morgens auf den ersten Zug geht und erst abends um 8 Uhr wieder nach Hause fährt. Ein Leben nur noch für die Arbeit, ganz im Sinne des Staates und der Wirtschaft...

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  • hugo am 09.03.2020 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    Tatsache ist, ....

    dass keiner irgend einen Plan hat.

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  • Alf am 09.03.2020 10:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mailand

    Wieso kommen die Züge von Mailand immer noch täglich in die Schweiz ???????

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Die neusten Leser-Kommentare

  • K. Arma am 11.03.2020 00:15 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist schlimmer als uns gesagt wird.

    Leider weiss ich aus meinen Quellen aus China dass das Virus schlimmer ist als allgemein angenommen. Der Vergleich mit der Grippe wird nur herangezogen, um die Leute zu beruhigen. Dass ist aber Äpfel mit Birnen verglichen. Also macht euch auf was gefasst......Viel Glück und organisiert euch selber. Unser Staat ist unfähig dazu.

  • Sandra F. am 10.03.2020 23:26 Report Diesen Beitrag melden

    Das wird nicht genügen

    Der Bundesrat ist nur noch peinlich. Mit den Massnahmen werden in spätestens 10 Tagen Italien überholt haben was die Anzahl infizierte anbelangt. Die können dann jammern es unterschätzt zu haben.

  • Bühler Rita am 10.03.2020 23:12 Report Diesen Beitrag melden

    Spass

    Wow Leute ich hab ne Idee Fahrrad fahren

  • Andreas Nobel am 10.03.2020 22:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unüberlegte Aussage

    Wieder so eine unüberlegte Aussage vom Bundesrat. Der soll zuerst denken und dann sprechen.

  • A. Schneider am 10.03.2020 22:37 Report Diesen Beitrag melden

    Covid-19 sagt danke

    Der Covid-19 Virus sagt: "So schön wie in der Schweiz habe ich es nirgends." Habe auf meiner Weltreise nirgends solch eine Gastfreundschaft gefunden wie hier. Überall wollen sie mich vertreiben, nur hier wollen sie mich behalten. So kommt es wenn die Regierung und ihre Ämter nur Kosten verursachen und nichts bringen.