Camp Roj

29. Oktober 2019 04:48; Akt: 29.10.2019 08:24 Print

Diese Schweizerin entführte Töchter zum IS

von Ann Guenter - Sahila F.* (30) folgte mit ihren Töchtern dem IS. 20 Minuten hat die Genferin in Syrien aufgespürt. Sie behauptet, ein Schweizer Diplomat habe ihre Kinder zurückführen wollen.

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Sie ist in Genf geboren und aufgewachsen, hat dort die Handelslehre gemacht. Heute sitzt die 30-jährige Schweizerin in einem Internierungslager in Nordsyrien. Sahila F.* war Ende 2016 den Verheissungen des «Islamischen Staates» gefolgt – zusammen mit ihren beiden ebenfalls in Genf geborenen Töchtern. Malika* (13) und Nalia (7)* kennen den ruhigen Schweizer Alltag, kennen Sicherheit, Komfort, Schule und Kindergarten. Jetzt hausen sie in einem Zelt, ohne Zukunft, in einem Camp zusammen mit 400 Frauen und Kindern.

«Ich bereue, dass ich meine Kinder all dem aussetze, dass wir überhaupt nach Syrien kamen», sagt Sahila zu 20 Minuten. Dass sie aber ihre beiden Kinder aus der Schweiz in den Krieg entführt hat, bestreitet sie. Es sei doch klar, dass eine Mutter ihre Kinder niemals und nirgends zurücklasse.

Bereits im März 2017 eröffnete die für die Terrorismusbekämpfung zuständige Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen die dreifache Mutter. Kurz zuvor sollen die beiden Väter das alleinige Sorgerecht erhalten haben. Damals sollen der Bund und die Genfer Behörden geprüft haben, ob eine Rückführung der Kinder möglich sei. Die beiden betroffenen Väter, einer aus Marokko, einer aus Algerien, seien bereit gewesen, ihre Töchter auf eigene Faust zu retten.

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«Schweizer Diplomat bot meinen Töchtern Rückkehr an»

Dass ihr in der Schweiz wegen Entführung und der Reise zum IS Verhaftung und Passentzug drohen, weiss Sahila angeblich nicht. Sie könne im Camp keine Nachrichten empfangen oder TV schauen. Auf die Frage, ob die Schweizer Behörden mit ihr in Kontakt getreten seien, sagt Sahila: «Ein Schweizer Diplomat hat uns dieses Jahr einmal besucht und angeboten, dass Malika und Nalia nach Genf zurückkehren könnten – aber nicht ich und auch nicht mein Baby Shamina*. Das kommt natürlich nicht in Frage.»

Shamina ist eineinhalb Jahre alt und in Syrien geboren. Der Vater ist ein mittlerweile gefallener tunesischer IS-Kämpfer. Die 13-jährige Malika sagt kaum hörbar: «Ich will bei Mamman bleiben.» Auf Anfrage schreibt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA, keine Angabe zu Einzelfällen machen zu können (siehe Box).

Verletzte Tochter genest langsam

Sie wolle auch nicht unbedingt in die Schweiz zurück, sagt Sahila. «Ich will lieber nach Algerien. Ich will in ein Land, in dem ich nicht wie in der Migros in Genf wegen meines Hijabs angespuckt werde.» Sie habe sogar Angst, nach Genf zurückzukehren. «Wenn Neonazis erfahren, dass ich beim IS in Syrien war, töten sie mich.» Deshalb will sich Sahila auch nicht fotografieren lassen.
Malika sitzt still neben ihrer Mutter. Neben sich hat sie Krücken abgelegt. Die 13-Jährige ist letzten Frühling bei Gefechten um die letzte syrische IS-Stadt Baghuz durch einen Splitter einer Granate an der Hüfte verletzt worden. Mittlerweile wurden sie im Kurdengebiet operiert, die Genesung schreite langsam voran, sagt die Mutter.

20 Minuten hatte im Frühjahr aus dem umkämpften Baghuz berichtet – von den Luftschlägen und Gefechten, von der Kälte, vom fehlenden Essen, von den elenden, besiegten Gestalten, die nicht selten unter Beschuss der eigenen IS-Leute aus der Zeltstadt gehumpelt waren. Es gibt ein Video, das Tochter Malika zeigt: Komplett in schwarz gehüllt, erzählt sie mit kindlicher Stimme, dass sie aus der Schweiz komme.



«Im Camp Hol war es unislamisch»

Nach der Hölle von Baghuz kamen die vier für ein halbes Jahr nach Camp Hol – mittlerweile sind dort 72'000 Leute untergebracht, darunter auch viele westliche IS-Anhängerinnen. Sie leben dort weiterhin den «Traum» des IS-Kalifats und zwingen allen die perversen Gesetze und Regeln der Terrorsekte auf. «Es war dort schlecht. Es war unislamisch. Die Leute beim IS leben nicht nach dem Islam, sie respektieren die Religion nicht. Aber es war in Hol besser als in Baghuz», meint die Genferin.
Auch jetzt, im Lager Roj, hat die Schweizerin Angst. Ihre siebenjährige Tochter Nalia wollte während des Gesprächs mit 20 Minuten lieber im Zelt bleiben. «Wir alle verlassen unser Zelt kaum», sagt ihre Mutter. «Es ist besser, wenig Kontakt zu anderen Frauen zu haben. Im Camp ist es gefährlich.» Ausserdem fürchte sie sich auch vor den türkischen Angriffen und dem vorrückenden syrischen Regime.

Für die Genferin Sahila und ihre drei Töchter dürfte auch der Tod von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi kaum einen Unterschied machen. Sie werden weiter in Angst und Ungewissheit leben müssen.

*Name geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cat's Eye am 29.10.2019 05:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doppelbürger

    Ich bin Doppelbürger der sich an alle Regeln hält und weiss dies sehr zu schätzen. Doch solchen Leuten gehört der Pass entzogen, verbunden mit lebenslänglichem Rückkehrverbot..

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  • Expat am 29.10.2019 09:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht einknicken

    Die Frau darf auf keinen Fall in die Schweiz zurückkehren. Sie hat sich so sehr schuldig gemacht, dass ihr sicher auch das Schweizer Bürgerrecht entzogen werden kann. Wenn sie Ihre Kinder nun als Druckmittel für eine Rückkehr einsetzt ist das ihre Sache, die Schweiz soll hier bloß nicht einknicken. Sie wusste auf was sie sich einlässt im Kalifat.

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  • MKII am 29.10.2019 05:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Mitleid..

    ..wenn jemand solche Entscheidungen trifft.

Die neusten Leser-Kommentare

  • EMMM am 29.10.2019 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist nicht die einzige

    Die in Kriegsgebiete reist, und danach ihre Entscheidung bereut. Dabei habe ich doch nur Tickets ohne wiederkehr Verkauft, und mit der Riesigen Tafel konnte sogar selbst ein Blinder lesen, das es ein Kriegsgebiet ist. Ich habe sogar jedem eine Broschüre Verteilt, wie es dort wirklich ist. Aber die meisten wollten, mit ihren liebsten Kindern und Ehemänner dort Reisen, weil sie der Meinung sind, dort herrscht Bombenstimmung, und sie ihrem beitrag dazu leisten wollten.... Ob sie die Versicherung für den Grab abgeschlossen haben? Sorry, klingt zwar hart, aber was bitteschön haben die Leute den dort erwartet?

  • rakete am 29.10.2019 17:34 Report Diesen Beitrag melden

    Genf abgeben

    Nach Algerien passt. Genf ist eh verloren, sollten wir an Frankreich abtreten.

  • Agnes am 29.10.2019 17:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...nicht nachvollziehbar...

    Als Mutter von zwei Teenagern kann ich zwar nachvollziehen, dass die Pubertät nicht immer nachvollziehbare Entscheidungen der Kinder präsentiert, aber im Großen und Ganzen doch verhältnismäßig vernünftig. Alleine zwei Kinder von zwei Männern in so jungen Jahren ist schon happig, aber den Entscheid, mit den beiden Töchtern an einen Kriegsort zu ziehen, ist definitiv nicht nachvollziehbar! Wo waren die Väter der Kinder? Warum haben die nicht interveniert und versucht, ihre Töchter zu retten? 'Nur' Mädchen oder einverstanden mit dem Entschluss der Mutter? - Dass die Mutter die Mädchen nicht weggeben will, verstehe ich. Ich würde auch alles unternehmen, um meinen Kindern ein besseres Leben ermöglichen zu können, allerdings wäre ich nie wider besseres Wissen in ein Krisengebiet gegangen. Ich werde wohl nie nachvollziehen können, was so ein Kriegsgebiet in irgend einer Form anziehend macht. - Hoffentlich haben die Kinder Glück in der Zukunft! Das wünsche ich den Mädchen!

  • Tina müller am 29.10.2019 16:36 Report Diesen Beitrag melden

    Arme kinder

    Die Kinder sollten zu ihren Vätern....wäre definitiv das beste für die beiden...jemandem der so handelt müssen die Kinder erzogen werden sie liebt ihre Kinder nicht....und wenn man keine Lust hat auf die Schweiz gibt es genügend sichere Länder in die man auswandern kann....schade dass da nicht früher eingegriffen würde...

  • Susi Sorglos am 29.10.2019 16:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Brauchen wir hier nicht

    Eine Muslima, die drei Kinder von drei verschiedenen Männern hat? Was ist das denn für Eine? In ihrer Heimat würde sie wahrscheinlich deswegen verstossen werden! Bei uns wäre sie nur ein weiterer Sozialfall, der bis ans Lebensende absahnen würde!