Detektiv holt Kinder zurück

12. März 2019 08:37; Akt: 12.03.2019 10:31 Print

Er ist die letzte Hoffnung verzweifelter Eltern

von P. Michel - Ein Privatdetektiv erzählt im Interview, wie er entführte Kinder im Ausland ausfindig macht und zurückbringt.

Bildstrecke im Grossformat »
H. R. ermittelt seit 1983 international gegen Kindsentführer. «Die arabischen Länder sind eine grosse Herausforderung. Die Familien sind in Clans organisiert, fühlen sich im Recht und halten zusammen.» Im Interview erzählt er: «Die Reaktionen der Kinder sind meiner Erfahrung nach aber gemischt. 90 Prozent fragen: Und wann kommt Mami oder Papi nach? Sie müssen sich erst an die neue Situation gewöhnen.» Mit 92 Staaten ist die Schweiz über das Haager Kindsentführungsübereinkommen vertraglich verbunden. Entführt ein Elternteil das Kind in eines dieser Länder, können die Schweizer Behörden eingreifen und ein Verfahren auf Rückführung einleiten. Entführt ein Elternteil das Kind in einen Staat, der das Haager Abkommen nicht unterzeichnet hat, kann der Bund rechtlich die Rückkehr des Kindes nicht verlangen. Dies war bei den beiden Mädchen aus Interlaken, die der Vater nach Ägypten entführt hatte, der Fall. Betroffenen Eltern bleiben folgende Möglichkeiten: Sie können durch eine rasche Strafanzeige die Ausreise oder Durchreise verhindern. Eine weitere Chance ist, durch einen Anwalt vor Ort einen Gerichtsentscheid für das Sorgerecht durchzusetzen. Die Behörden kontrollieren am Flughafen nicht systematisch, mit welchen Absichten Eltern mit ihren Kindern ausreisen. «Das sieht das Gesetz nicht vor», sagt Schickel. Bei einer akuten Gefährdung könne die Kinderschutzbehörde Kesb oder ein Gericht eine Ausreisesperre das Kind verhängen. «Und Betroffene können immer auch direkt die Flughafenpolizei verständigen.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr R.*, Sie ermitteln seit 1983 als Privatdetektiv international gegen Kindsentführer. Welcher Fall ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Eine Mutter aus Österreich hatte uns beauftragt, ihr einjähriges Baby zu finden. Der Kindsvater hatte sich mit dem Kind in die Türkei abgesetzt. Dabei war ihm das Kind zuvor völlig egal, er riet der Frau zu einer Abtreibung. Wir recherchierten zuerst im Umfeld des Vaters in der Türkei. Er hatte sich aus Furcht vor dem Auffliegen aber bereits mit dem Kind in den Libanon abgesetzt.

Und dann?
Wir sind ihm gefolgt und warteten eine gewisse Situation ab, die ich aus taktischen Gründen nicht nennen will. Dann konnten wir das Kind, das sich in einem Kindersitz befand, in unseren Gewahrsam bringen. Wir brachten das Kind mit dem Helikopter nach Zypern. Dies war nötig, da die Türkei das Haager Kindsentführungsabkommen nicht unterschrieben hat. Mit den dortigen Behörden konnten wir die Rückreise abwickeln.

Sie ermitteln auch für Schweizer Klienten. Welche Geschichte hat Sie hier bewegt?
Zurzeit arbeiten wir an einem grösseren Fall. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes darf ich dazu keine weiteren Angaben machen. Ich erinnere mich aber an einen Fall aus der Schweiz. Eine drogensüchtige Mutter, sie sich zudem prostituierte und sich im kriminellen Umfeld bewegte, entführte 2002 ihre beiden sechsjährigen Zwillinge in die Slowakei. Der Vater, ein Schweizer, besass das Sorgerecht. Da die Behörden ihm zu langsam arbeiteten – laut Haager Abkommen muss die Slowakei nach Prüfung des Falls der Rückführung einleiten –, beauftragte er uns.

Wie konnten Sie das Kind finden?
Ich flog in die Slowakei und beschattete die Frau zwei Wochen lang. Dabei stellte ich fest, dass die Zwillinge bei den Grosseltern lebten und die Entführerin sich in der Nähe eine Wohnung gemietet hatte. Als eines Tages der Grossvater mit den Kindern einkaufen ging, konnten wir ihn zur Rede stellen und festnehmen lassen. Mithilfe der lokalen Behörden konnten wir die Kinder dann sofort ausfliegen.

Wie reagierte der Vater bei der Rückkehr?
Er war natürlich überwältigt. Die Reaktionen der Kinder sind meiner Erfahrung nach aber gemischt. 90 Prozent fragen: Und wann kommt Mami oder Papi nach? Sie müssen sich erst an die neue Situation gewöhnen.

In welchen Ländern ist es besonders schwierig, entführte Kinder zu befreien?
Die arabischen Länder sind eine grosse Herausforderung. Die Familien sind in Clans organisiert, fühlen sich im Recht und halten zusammen.

Wer nicht auf die Behörden vertraut und sie engagiert, muss tief in die Tasche greifen. Ist das gerecht?
Das Honorar variiert. Die Untergrenze für Ermittlungen bei Kindsentführungen liegen aber im fünfstelligen Bereich, beginnend bei 20’000 Franken. Es ist uns bewusst, dass wir so Betroffene aus tieferen sozialen Schichten ausschliessen. Diesen Betroffenen wäre aber geholfen, wenn die Behörden konsequenter ermitteln ermitteln würden.

H. R.* arbeitet als Privatermittler bei der Zürcher Detektei Kurtz.