Unfrommer Gottesmann

05. April 2013 12:33; Akt: 05.04.2013 12:48 Print

Dieser Pfarrer sagt: «Gott existiert nicht»

von Deborah Sutter - Der 65-jährige Klaas Hendrikse predigte 30 Jahre lang in Holland – als überzeugter Atheist. Heute Abend tritt der Pfarrer in Zürich auf. Im Interview erklärt er, wie er mit dem Widerspruch lebt.

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Klaas Hendrikse (65) war 30 Jahre lang evangelischer Pfarrer. Sein Buch «Glauben an einen Gott, der nicht existiert» ist nun auch auf Deutsch erschienen. (Bild: TVZ)

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Herr Hendrikse*, Sie glauben nicht an Gott und sind Pfarrer – geht das überhaupt?
Klaas Hendrikse: Wie man sieht, ja. Aber es ist nicht so, dass ich nicht glaube. Ich glaube an Gott, bin aber überzeugt davon, dass er nicht existiert. Ich hatte auch noch nie eine Gotteserfahrung. Ich bezeichne mich als Atheisten, da ich nicht an das traditionelle Bild eines allmächtigen, barmherzigen und allgegenwärtigen Gottes glaube.

Woran glauben Sie denn dann?
Gott ist für mich ein Wort, das für die menschliche Erfahrung steht. Das, was zwischen Menschen geschieht, wenn sie solidarisch sind, sich einander öffnen. Und gewohnte egoistische Verhaltensmuster ablegen. Das ist zumindest das, was ich in der Bibel lese.

Wie sieht eine typische Predigt von Ihnen aus?
Ich predige nicht aus der Bibel, sondern aus meinem oder Ihrem Leben. Ich spreche die Zweifler an, diejenigen, die sich verabschieden möchten von dem, was die Kirchen von Gott behaupten, aber nicht von seinem Glauben. Und damit erreiche ich die Leute: Im Gegensatz zu anderen Gottesdiensten waren meine immer sehr gut besetzt.

Sie sind in einer atheistischen Familie aufgewachsen, haben zunächst Wirtschaft studiert – wie sind Sie dann doch noch zur Theologie gekommen?

Mein Vater sagte immer: Der Glaube an einen Gott ist Unsinn. Doch als ich ihn bei seinen Touren als Tierarzt zu den einfachen Bauern auf dem Land begleitete, sah ich, wie überzeugt diese so taten, als ob es einen Gott gebe. Dieser felsenfeste Glaube hat mir grossen Eindruck gemacht. Ich kam zum Schluss: Das kann kein Unsinn sein. Mit 28 habe ich dann mit dem Theologiestudium begonnen, immer mit der Frage im Hinterkopf: «Wie ist es möglich, dass so viele Menschen so tun, als gäbe es Gott?»

Und, hat sich an Ihrer Einstellung etwas geändert?
Nein, aber mittlerweile habe ich Verständnis für diese Menschen. Ich kapiere es zwar nicht, aber ich kann es nachvollziehen. Ich bin wie gesagt ein gläubiger Atheist. Abschliessende Antworten kann und will ich aber nach wie vor nicht bieten.

Wie reagieren Ihre Pfarrkollegen oder Gemeindemitglieder auf Ihre Thesen?
Als mein Buch vor einigen Jahren auf Niederländisch erschienen ist, forderten viele meinen Ausschluss vom Kirchendienst. Ich bin nun einmal kein Pfarrer für rechtgläubige, orthodoxe Menschen, sondern für liberale. Die Gemeinden, die mich in den 30 Jahren angestellt hatten, wussten im Voraus immer, mit wem sie es zu tun hatten. Zudem bin ich überzeugt, dass es viele andere Pfarrer gibt, die genauso denken wie ich und zweifeln – sich aber nicht getrauen, es zuzugeben.