Mörgeli unter Beschuss

27. März 2013 21:37; Akt: 28.03.2013 10:34 Print

Doktortitel im Dutzend «verschenkt»

Neue Vorwürfe gegen Christoph Mörgeli: Der im September entlassene Uni-Professor soll Doktortitel quasi verschenkt haben. Die Doktoranden hätten in ihren Arbeiten nur alte Texte abgeschrieben.

storybild

Christoph Mörgeli unter Beschuss: Der Uni-Professor soll für praktisch reine Übersetzungen Doktortitel verschenkt haben. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Im September 2012 entliess die Universität Zürich ihren Professor Christoph Mörgeli. Vorausgegangen war eine öffentliche Schlammschlacht über eine interne Beurteilung, die dem SVP-Nationalrat eine «ungenügende» wissenschaftliche Leistung attestierte. Ungenügend waren offenbar auch mehrere Dissertationen, die Mörgeli und der langjährige Direktor des medizin-historischen Instituts der Uni, Beat Rüttimann, zwischen 1994 und 2012 durchgewunken haben.

«Professor Mörgeli gab mir in seinem Büro einen alten Text aus seinem Archiv mit der Aufforderung, den Text zu übersetzen», sagt ein ehemaliger Doktorand in der «Rundschau» anonym. «Ich musste nur noch einen Übersetzer suchen. Dafür gab es bei Christoph Mörgeli den Doktortitel. Wissenschaftlich musste ich rein gar nichts leisten.»

Über ein Dutzend der rund 60 Dissertationen unter Mörgelis Leitung bestehen laut der SRF-Sendung grösstenteils aus abgeschriebenen Texten. Bei einer der Arbeiten waren von vollen 100 der 120 Seiten unverändert von altem Deutsch in eine moderne Sprache übersetzt worden. Anderen sei nicht einmal ein Literaturverzeichnis beigelegen.

Plagiats-Expertin fordert eine Untersuchung

Plagiats-Expertin Michelle Bergadaa von der Universität Genf hat die Dissertationen begutachtet - sie reagiert ungläubig: «Ich bin schockiert.» Sie fordert, dass die Uni Zürich jetzt alle von Mörgeli und Rüttimann betreuten Doktorarbeiten untersucht und die Titel allenfalls entzieht.

Wissenschaftler Mörgeli betreute fast 20 Jahre lang solch wissenschaftlich zweifelhafte Dissertationen: Mörgeli empfahl von 1994 bis 2012 jeweils in den betreffenden Dissertations-Gutachten, Doktoranden den begehrten Doktortitel auszustellen.

«Sind Sie eigentlich vom Affen gebissen?»

An den Universitäten Bern und Basel wäre ein solcher Vorgang undenkbar, wie die Verantwortlichen dieser Institutionen gegenüber der «Rundschau» erklärten. Auch wenn der Weg zum begehrten Doktortitel bei Medizinern in der Regel deutlich kürzer sei als bei Geistes-Wissenschaftlern - die mitunter Jahre brauchen - stellten die Enthüllungen der «Rundschau» eine neue Dimension dar. Dass eine blosse Übersetzung von alten Texten ausreiche, um den Doktortitel zu erlangen, sei ein Hohn.

Christoph Mörgeli selber nahm in der «Rundschau» Stellung zu den Vorwürfen. «Sind Sie eigentlich vom Affen gebissen?», gab Mörgeli dem verdutzten Moderator Sandro Brotz zur Antwort, als dieser ihn fragte, ob er nun zurücktreten werde. Zuvor hatte er den SRF-Mitarbeiter, der den Beitrag über die verschenkten Doktortitel recherchiert hatte, als ehemaligen Autoren der «linksextremen Wochenzeitung» zu verunglimpfen versucht. Auf die konkreten Vorwürfe ging Mörgeli kaum ein und stellte immer wieder Gegenfragen. Weiter witterte er eine politische Kampagne: Linke und seine Ex-Kollegen wollten ihn durch eine neue Amtsgeheimnisverletzung diskreditieren.

Mörgelis langjähriger Wegbegleiter und Direktor des medizin-historischen Instituts, Beat Rüttimann, nahm gegenüber der «Rundschau» keine Stellung.


Den «Rundschau»-Beitrag finden Sie unter diesem Link, zum Gespräch mit Christoph Mörgeli auf dem heissen Stuhl geht es hier.


(Quelle: Twitter/Peter_Jost)

(hal/jam)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas Durrer am 27.03.2013 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer stoppt diesen Irrsinn?

    Im Blick ist zu lesen:"Obwohl von der Universität wegen angeblich schlechter Leistungen und Illoyalität gekündigt, ist er dort weiterhin tätig. «Ich leite zwei Kurse und betreue im Moment vier Doktoranden.»" Wahrscheinlich werden die Doktoranden eher von Leo oder Babelfish betreut... Die SVP-Exponenten versuchen sich aktuell im Spiel, wer denn mehr gegen unsere Grundwerte verstösst... Mörgeli hat wohl nun wieder den Lead!

  • Marc am 28.03.2013 00:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Missbrauchter Recherchejournalismus

    Richtig und notwendig die Dissertationspraxis einmal unter die Lupe zu nehmen und zwar in allen Fakultäten. Aber hier wurde dies missbraucht um einen in Ungnade gefallenen Prof in die Pfanne zu hauen. Schade.

  • Greg am 27.03.2013 22:29 Report Diesen Beitrag melden

    Wer glaubt dem "Anonymen"? :-)

    Wer glaubt, ein Arzt sei so dumm, seine eigene Dissertation in Frage zu stellen und den Titel zu verlieren, dem ist nicht mehr zu helfen. Diese anonyme Aussage kommt von einem Schauspieler... Geht ein Licht auf über den TV-Journalismus? :-)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Karl K. am 28.03.2013 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Das letzte Wort ist noch lange nicht...

    ...gesprochen! Ich gehe davon aus, dass Mörgeli eine Klage gegen SRF bzw. den Moderator und Unbekannt (Drahtzieher im Hintergrund) einreichen wird! Der Moderator machte Fehlbehauptungen, war dem Thema nicht gewachsen und hatte null Beweise! Es geht hier eindeutig um eine Demontage von Mörgeli. Es war eine vorgeführte Persönlichkeitsverletzung höchsten Grades und ich hoffe, dass der Beschuldigte rechtliche Schritte einleiten wird!

  • Anna am 28.03.2013 16:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Amüsant

    Lach, die haben sich schön gezofft!

  • Dicht am 28.03.2013 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Überall so!

    Ich kann diesen Aufschrei nicht verstehen! Diese Praxis ist weit verbreitet: als universitärer Mitarbeiter, der auch Dissertationen betreut weiss ich, dass überaus oft am Schluss der "DissVater/ die DissMutter" hand anlegt beim Schreiben. Bei einigen Kandidaten ist dies auch ratsamer, sonst wird die ganze Energie, die man selbst in ein Projekt reingesteckt hat verpuffen & die ganzen schönen Resultate sind für die Katz. Dito bei den schönen neuen "Masterarbeiten" - die meisten werden durch die etablierten geschrieben und durch die Kandidaten eingereicht - Schein & Sein...

  • Michael Palomino Ale am 28.03.2013 16:04 Report Diesen Beitrag melden

    Einen Übersetzer bezahlt? - Ungeeignet

    Eine gute Übersetzung eines wissenschaftlichen Textes ist sehr wohl eine grosse, intellektuelle Leistung, und der Inhalt des Textes wird sehr wohl auch memoriert. Ob dafür ein Dr.-Titel gegeben werden kann, muss untersucht werden - ist auch eine Frage der Menge. Wenn der Prüfling aber einen Übersetzer bezahlt und gar nichts in seinem Hirn abläuft, dann hat der Prüfling sich selber disqualifiziert: Für eine Universität ungeeignet. Titel weg und Hausverbot. Der Geheimdienst kann doch alle Handys und Computer ausspionieren und kontrollieren, wer wirklich übersetzt. Wurde vergessen zu spionieren?

  • Patient am 28.03.2013 15:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wen wunderts...

    ...dass solche doktoren schlechtere arbeit abliefern als jeder automechanik welcher aber im gegensatz zum glück nur an autos rumbastelt.