Flexibles Arbeiten

23. Juli 2016 08:57; Akt: 23.07.2016 08:57 Print

Dorfbüros sollen Pendler-Problem lösen

von J. Büchi - Ein Start-up will die Lösung gegen verstopfte Züge gefunden haben: Gemeinschaftsbüros am Wohnort für Mitarbeiter verschiedener Firmen.

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Ins Büro pendeln war gestern - zumindest, wenn es nach Start-ups wie VillageOffice geht. Als Alternative bieten sie sogenannte an, die vom Wohnort aus bequem in maximal einer Viertelstunde erreichbar sein sollen. Die Gemeinschaftsbüros sollen das Pendler-Problem in der Schweiz entschärfen. Weil Züge und Strassen zur Rush Hour regelmässig verstopft sind, schlug Verkehrsministerin Doris Leuthard ein vor. Kritiker bezeichnen die Massnahme jedoch als unfair für Angestellte mit fixen Arbeitszeiten. Wenn mehr Menschen würden, wäre der Andrang auf die Züge und Strassen ebenfalls geringer. Allerdings ist der Druck auf den urbanen Wohnungsmarkt schon heute hoch und die Mieten entsprechend teuer. Auch andere Lösungen zur Entschärfung des Pendler-Problems wurden schon disktuiert. So etwa «Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass jeder auf der Strecke Zürich-Winterthur unbedingt einen Sitzplatz haben muss», sagte Gewerbepräsident Hans-Ulrich Bigler (FDP). Laut Verkehrsexperte Rolf Steinegger taugt diese Idee jedoch nur im Nahverkehr. Wenn die Luxusklasse mit den geräumigen Abteilen aufgegeben würde, gäbe es mehr Platz in den bestehenden Zügen, argumentieren die Jungsozialisten. Die Platzersparnis wäre laut dem Fachmann aber gering. Zu Spitzenzeiten einfach mehr Züge einsetzen? «Wenn sie könnten, würden die SBB den Viertelstundentakt zwischen Bern und Zürich lieber heute als morgen einführen», so Experte Rolf Steinegger. Allerdings sei das auf dem bestehenden Netz nicht ohne Ausbauten möglich. Mehr Waggons bieten Platz für mehr Menschen - logisch. Allerdings seien bereits für die heutigen 400-Meter-Züge auf den Hauptachsen längere Perrons nötig. Noch längere Züge würden «die Städte sprengen», sagt Steinegger. Anstatt die Autofahrer mit Gebühren zu belasten, müsse die Infrastruktur ausgebaut werden, argumentiert der Gewerbeverband. Die Kapazität neuer Strassen ist laut dem Experten aber schnell wieder aufgefressen. Zudem würde der Zersiedelung Vorschub geleistet. Die vollen Züge und verstopften Strassen gehörten zu den Hauptargumenten im Abstimmungskampf zur Masseneinwanderungsinitiative. Laut Steinegger ist das Verkehrsaufkommen aber grösstenteils hausgemacht: «Es sind vor allem die Schweizerinnen und Schweizer, die immer häufiger und weiter unterwegs sind.»

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Eine richtig befriedigende Lösung für das Pendler-Problem scheint es nicht zu geben: Mobility Pricing? Unfair für Angestellte, die an fixe Arbeitszeiten gebunden sind. Längere Züge und häufigere Verbindungen? Kaum machbar. Umzug in die Städte? Heizt die Wohnungsnot weiter an.

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Insgesamt 2086 Teilnehmer

Ein weiterer Lösungsvorschlag lautet Home Office: Wenn mehr Leute im heimischen Wohnzimmer arbeiten, nimmt der Andrang auf Züge und Strassen ab. Doch auch dieses Modell ist umstritten: Zwischen Wäschekorb und Kaffeemaschine zu arbeiten sei unproduktiv, zudem fehle der soziale Austausch, so die Kritik.

Ein Laptop reicht

Als Alternative propagiert das Start-up VillageOffice das sogenannte Co-Working: Damit die Menschen näher an ihrem Wohnort arbeiten können, erstellt die Genossenschaft ein schweizweites Netzwerk an Gemeinschaftsbüros in Dörfern, kleinen Städten und Agglos. Dort sollen Mitarbeiter verschiedener Firmen arbeiten – und soziale Kontakte pflegen. Ziel sei, dass man diese von zuhause in maximal 15 Minuten erreiche, sagt Vorstandsmitglied Susanne Mosbacher: «Es ist nicht mehr zeitgemäss, wie zur Zeit der industriellen Revolution jeden Morgen in die städtische Fabrik zu fahren.» Laut einer Studie gibt es in der Schweiz 2,4 Millionen Personen, die ihre Arbeit mit einem Laptop von einem beliebigen Ort aus erledigen können.

In vielen grösseren Städten gibt es bereits Co-Working-Spaces, die meist von Selbständigen und Kreativen genutzt werden. Ziel sei es, das Angebot für normale Büroangestellte zu öffnen, so Mosbacher. Kostenpunkt: rund 30 Franken pro Tag und Person. Geht es nach VillageOffice, sollen die Firmen diese Kosten tragen. «Ich gehe davon aus, dass diese Variante die Firmen mindestens 20 Prozent günstiger kommt als ein Arbeitsplatz in einem heutigen Grossunternehmen», so Mosbacher.

Unflexible Jobs werden abgelehnt

Auch die Firma Regus, nach eigenen Angaben der «weltweit führende Anbieter von Arbeitsraumlösungen», nutzt die aktuelle Debatte, um mithilfe einer Studie die Nachfrage nach Gemeinschaftsbüros zu untermauern. Die Befragung mit weltweit 40’000 Teilnehmern zeige, dass die «Möglichkeit, näher am Wohnort zu arbeiten, immer mehr an Bedeutung gewinne», teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Laut der Erhebung würden zwei Drittel der Beschäftigten einen Job gar ablehnen, der kein flexibles Arbeiten ermöglicht.

Beim Arbeitgeberverband heisst es, Schweizer Unternehmen böten bereits heute sehr häufig flexible Arbeitsmodelle an. Das weitere Potenzial für zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten sei gering: Wo Kundenkontakt nötig sei, Öffnungszeiten bestünden oder Waren in einem zentralen Produktionsstandort gefertigt würden, seien dezentrale Lösungen ausgeschlossen. Es sei den Unternehmen selbst überlassen, ob sie für solche Arbeitsplätze bezahlen wollten, so Geschäftsleitungsmitglied Fredy Greuter. Er weist jedoch darauf hin, dass Menschen «soziale Wesen» seien, «die im Team häufig bessere Leistungen erbringen als alleine».

Experiment geplant

Mosbacher bekräftigt, gute Ideen entstünden «nicht im stillen Kämmerchen». Genau darin besteht für sie jedoch der Vorteil von Gemeinschaftsbüros: Personen aus anderen Branchen hätten oft einen anderen Blick auf die Dinge, argumentiert sie. In einem Pilotprojekt soll nächstes Jahr die Probe aufs Exempel gemacht werden: Gewisse Mitarbeiter interessierter Firmen dürfen in dieser Zeit frei wählen, ob sie im Büro, im Home Office oder in einem Gemeinschaftsbüro arbeiten wollen. Am Ende wird ausgewertet, wie sich die getroffene Wahl auf die geleistete Arbeit auswirkt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andy Gasser am 23.07.2016 09:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Home Office ist nicht so schwierig

    So schwierig ist Home Office auch wieder nicht. Man braucht ja nur 1 Zimmer, das man als Büro einrichten kann. Ohne Wäschekorb. Mit Kaffeemaschine

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  • Zeit_Genosse am 23.07.2016 09:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Skeptiker

    Wissen ist weiterhin der Rohstoff unserer Wirtschaft. Sicheres Arbeiten in Bezug Daten-/Informationssicherheit ist sehr wichtig und wird nicht in offenen Co-Working-Places stattfinden können. Für die Sharingeconomy mag das gut sein, doch der Daten-/Informationsschutz geht vielerorts vor. In der kleinräumigen Schweiz sind flexiblere Arbeitszeiten womöglich hilfreicher. Es ist nicht alles gut was gut tönt. Mobile Office Lösungen sind mit Bedacht zu wählen und sollen keine dörflichen Kaffeekränzchen werden.

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  • anerom am 23.07.2016 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ......

    ich denke dieses Angebot wird nicht stark genug genutzt denn schlussendlich könnte man ja Home Office machen. Für den Arbeitgeber würde diese Lösung nur Kosten verursachen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • hul am 25.07.2016 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitsplätze

    Wir sind einfach zu viele Leute. Das will offensichtlich niemand wahrhaben.

  • Blondine am 25.07.2016 05:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Kleider

    Ich will ja pendeln, damit ich meine teuren Kleider zeigen kann. Nur zuhause tragen sieht doof aus. Arbeiten muss ich, damit ich diese Kleider kaufen kann. Ein Teufelskreis.

  • Martial Kohler am 24.07.2016 22:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer möchte das nicht ?

    Für die es können richten, absolut positiv... Nur 70% der Arbeitenden, ausser Bosse und Selbständigen können das nicht. Gute Idee aber Utopie !!

    • Tommy am 27.07.2016 09:11 Report Diesen Beitrag melden

      Alte Chefs

      Bei vielen Unternehmen sind noch "Bosse" am Werk, die im letzten Jahrtausend ausgebildet worden sind und in Sachen Working-Space hinter dem Mond leben. Heutige Chefs sind da offener, daher ist es vielleicht im Moment eine Utopie, aber wer weiss in 10 Jahren ganz normal.

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  • mame am 24.07.2016 14:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wohnen und Arbeiten

    Das Problem ist doch so das es dort wo man wohnt keine stelle bekommt auch wenn alle anforderungen erfüllt werden Arbieten und Wohnen in der eigenen unterstützt man gar nicht

  • Sandra am 24.07.2016 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    Immer wieder

    Das Home Office ist doch ein alter Zopf, der aus Aemerika kommt. Das hat sich sowenig bewährt wie die verhassten Grossraumbüros. Stimmt immer nur für die Arbeitgeber.