3 Szenarien

12. Oktober 2016 19:05; Akt: 12.10.2016 19:05 Print

Droht ohne AKW dreckiger Kohlestrom?

von P. Michel - Wie könnte der Strom, der durch den Atomausstieg wegfiele, kompensiert werden? Experten und Politiker rechnen drei Szenarien durch.

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Die Schweizer Atomkraftwerke lieferten letztes Jahr einen Drittel des Schweizer Stroms. Diesen Anteil gilt es zu ersetzen, wenn die Kernkraftwerke bis 2029 abgeschaltet würden, wie es die Atomausstiegs-Initiative der Grünen vorsieht. Wie könnte dieser Teil der Stromproduktion kompensiert werden?

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Finden Sie es zumutbar, dass beim Abschalten der AKW ein Viertel der Dächer mit Solarpanels bedeckt werden?
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«Dreckstrom» aus dem Ausland

Die Gegner des Initiative warnen bei einem Ausstieg aus der Kernenergie nicht nur vor zunehmenden Versorgungslücken, sondern befürchten auch mehr Importe von «dreckigem» Strom.

Denn wenn die inländischen Produzenten nicht genügend Strom liefern, kompensierten bereits heute Importe aus Deutschland und Frankreich die Ausfälle. Beide Länder setzen auf Kohle oder Kernkraft.

Die Befürworter der Atomkraft befürchten zudem, dass durch den wachsenden Anteil an erneuerbaren Energien die Versorgung unzuverlässiger wird. «Wenn die Sonne nicht scheint und auch kein Wind weht, bleiben wir von Kohlestrom oder auch ausländischem Atomstrom abhängig», sagt SVP-Nationalrat Christian Imark. Mit eigenen Atomkraftwerken sei man hingegen weniger den Produktionslaunen der erneuerbaren Energien ausgeliefert und könne über die Sicherheit der eigenen Kernkraftwerke bestimmen.

Dass die Schweiz in der Not auf ausländischen Kohlestrom ausweichen müsste, glaubt Unternehmer und ETH-Dozent Anton Gunzinger nicht: «Bis das letzte AKW vom Netz geht, werden erneuerbare Energien günstiger sein als Kohle oder Atomenergie, und die Wahl für Konsumenten und Industrie wird dann klar sein.»

• Hundert Prozent erneuerbarer Strom

Gunzinger ist überzeugt, dass erneuerbare Energien den wegfallenden Atomstrom «locker» kompensieren könnten. Dazu müssten nach seinen Berechnungen die Solar- und Windkraft sowie die Biomasse massiv ausgebaut werden. Demnach wäre es nötig, gleichzeitig mit dem Abschalten des letzten AKW bis 2029 über hundert Quadratkilometer Fläche mit Solarpanels zu überbauen, was einem Viertel der gesamten Schweizer Dachfläche entspricht.

«Zudem müssten 700 Windturbinen errichtet und bis zu 200 neue grössere Biomasse-Kraftwerke in Betrieb genommen werden», sagt Gunzinger. Doch die Umstellung wäre nicht gratis: Der Preis für eine Kilowattstunde Strom würde in diesem Szenario um etwa drei Rappen steigen. Gunzinger betont: «Der Aufwand für den Umbau entspricht etwa den Kosten für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle.»

Für SVP-Nationalrat Christian Imark sind diese Berechnungen «Träumereien». Einerseits seien für einen solchen Ausbau grosse Investitionen nötig, womit der Strom für Industrie und Konsumenten deutlich teurer würde. Er kritisiert auch, dass es Jahrzehnte brauche, bis die Kompensation greifen könnte. «Weil genau jene Kreise, die jetzt aus der Atomkraft aussteigen wollen, beispielsweise Windparks in den Bergen ablehnen, können wir langfristig nicht auf die Kernenergie verzichten.»

• Erneuerbarer Importstrom

Die Organisation Energiezukunft Schweiz geht davon aus, dass die entstehende Lücke durch den Atomausstieg mit sauberem Import-Strom gedeckt werden könnte. «Bereits heute ist jede dritte Kilowattstunde im europäischen Strommarkt aus erneuerbaren Quellen», sagt Geschäftsführer Aeneas Wanner.

Er rechnet damit, dass bis das letzte AKW abgeschaltet würde, in der EU ausreichend sauberer Strom für die Schweiz vorhanden wäre. «Und auch Schweizer Stromkonzerne werden noch mehr im Ausland in erneuerbare Kraftwerke investieren.» Laut einer Studie von Energiezukunft Schweiz könnten solche Öko-Strom-Importe zusammen mit der Förderung von inländischen erneuerbaren Energien bereits in sechs Jahren den ganzen AKW-Strom ersetzen.

SVP-Energiepolitiker Imark bleibt skeptisch. «Der Anteil an Kohle- und Atomstrom in unseren Nachbarländern ist hoch – und wird auch nicht so rasch sinken.» Er sieht das Problem von Importen darin, dass sich die Schweiz dem Preisdiktat des Auslands unterwerfen müsste. «Besonders in Zeiten der Knappheit wäre es nicht mehr sicher, ob ausländische Anbieter der Schweiz noch ausreichend Strom liefern würden.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 12.10.2016 19:33 Report Diesen Beitrag melden

    Mike

    Man könnte doch, wie in allen benachbarten Ländern Windanlagen in den oberen Bergregionen aufstellen...ach nein, das möchten die Grünen ja nicht. Ok, aber man könnt doch die Solarpannels am Walensee weiters verfolgen...ach nein, das möchten die Grünen ja nicht. Nun...aber man könnte doch die Stauseen etwas höher Stauen...hmmmm.....das wollen die Grünen wohl auch nicht. Ich würd sagen: Bleiben wir bei den AKWs, bis die Grünen wissen, wie sie den Energiebedarf decken wollen

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  • Rolf Müller am 12.10.2016 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Es würde gehen

    Es geht mit Solar, Wind und Wasserkraft. Und den "Umweltschützern" welche gegen jede Änderung sind sollte man den Strom abstellen. Auch unsere Politiker haben daran eigentlich kein Interesse. Sie erhöhen lieber Abgaben statt endlich mal vernünftige Lösungen zu präsentieren.

  • André Dünner am 12.10.2016 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist sicherlich machbar - sogar sauber

    Ich weiss zwar nicht wie oft dies bereits schon mal gesagt wurde, doch zum Beispiel, Costa Rica deckt seinen Strombedarf zu 100% aus erneuerbaren Ressourcen ab. Es gibt noch andere Länder wie Uruguay welche da ziemlich dicht darauf folgen. Und ein Land wie die Schweiz könnte so etwas nicht? Wo bleibt da der stolze Politiker von welchen einige bereits mehrfach über Technologien unterrichtet wurden die eine unabhängige Versorgung machbar sei? Nun gut, jeder hat so seine beratenden Fachleute. Gratuliere.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jürg Wehrli am 13.10.2016 15:58 Report Diesen Beitrag melden

    Vorsicht...

    ... wenn Experten rechnen. Die meisten täuschen sich eh. Zwangsläufig. Wer hätte die Überproduktion bei mittäglichem Solarstrom vor 10 Jahren vorhergesagt? Einen Tatsache, die konventionellen Stromerzeugern heute ziemlich Kopfzerbrechen bereitet. Das ist auch gut so. Ich vermutete schon vor 30 Jahren, dass der Atomstrom eines Tages wegen seiner immensen Kosten nicht mehr tragbar sein würde, von der Kohlekraft ganz zu schweigen. Auch als Nicht-Grüner gefällt mir der schrittweise Umbau der Wirtschaft und unseres Lebens Richtung "Öko" durchaus gut. Aber wir brauchen keine Hau-Ruck-Methoden.

  • Beobachter am 13.10.2016 15:16 Report Diesen Beitrag melden

    Partizia die bezahlte Lobbyistin

    Vorsicht Partricia die hier das Feld zu dominieren scheint, ist eine von der Branche bezahlte Lobbyistin. Sie streut Halbwahrheiten, damit wir nicht für das Abschalten der überalterten und bereits abgeschriebenen AKW stimmen. Zudem ist das Argument der Branche von den hohen Kosten einer vorzeitigen Abschaltung absurd, die AKW sind bereits abgeschrieben, die Marktpreise sind tief und der Weiterbetrieb wird hohe Kosten verursachen, da in die Sicherheit und Modernisierung investiert werden muss

    • Gugguseli am 13.10.2016 15:32 Report Diesen Beitrag melden

      Vielleicht einfach ein Vernunftmensch

      Sorry aber viele der von Patrizia erwähnten Fakten sind im Internet nach zu lesen. Oder evtl ist sie eine Frau vom Fach. Eine solche behauptung wie du sie aufstellst solltest du auch belegen können. Möchte im Gegenzug gerne wissen wievielen der hier die PV und Windanlagen über den grünen Klee lobenden schreiber von den 2 Millionen der Initianten und deren Lobbyisten bezahlt werden.

    • Beobachter am 13.10.2016 17:02 Report Diesen Beitrag melden

      Manipulation

      Stimmt im Internet steht Vieles, Wahres und Falsches sowie Manipulatives. Gerade Leute vom Fach können gezielte Halbwahrheiten streuen, um bei den Menschen Ängste auszulösen und ihnen den Mut zu nehmen. Das Tragische ist, das wir solche Leute bspw. über unsere Stromrechnung finanzieren.

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  • Ulrich Heimberg am 13.10.2016 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    Supergau

    Bei all den alternativen Energieerzeugungen droht uns kein möglicher Supergau. Das sollte Antwort genug sein !

  • Zukunft ist Erneuerbar am 13.10.2016 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    Politik und BFE sind Bremsklotz

    Der Ausbau von Photovoltaik wird durch Politik und BFE ausgebremst. Jeder der ein Dach hat kann zum sauberen lokalen Produzenten werden, Industrie, Private und Genossenschaften. In Deutschland wird heute Photovoltaikstrom für unter 10 Rappen / kWh produziert. Halbe Kosten wie der Einkauf des schweizerischen Atomstromes. Die AKW's sind nur hinsichtlich ihrer Lobby besser! Die wollen den Ausbau regenerativer Energie verhindern - mit Schmiergeld für die Politik!

  • Amazing A. am 13.10.2016 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber....

    ...Atom als Kohle, immerhin ist es die effektivste Art und sehr Platzsparend, nur weil 2 Vorfälle bekannt geworden sind heisst das noch lange nicht das es so gefährlich ist...

    • E. T. am 13.10.2016 14:26 Report Diesen Beitrag melden

      2? Wirklich "Amazing"

      Zwei Vorfälle? Sellafield (Windscale) schon vergessen? Und befragen Sie mal die Bürger im hessischen Biblis oder im norddeutschen Brunsbüttel nach Strahlenkrankheiten. Meldungen von Störfällen in AKW's sind immer mit dem Satz verbunden "Bedenkliche Werte wurden nicht erreicht". Das kann man glauben oder auch nicht. Bei Störfällen (Brand) in einem Kohlekraftwerk, muss man eventuell mal die Fenster geschlossen halten. Das nutzt Ihnen bei einem AKW-Störfall herzlich wenig. Ein Tanz auf der Rasierklinge, Hauptsache der Strom ist billig, nach uns die Sintflut.

    • M. Z. am 13.10.2016 15:03 Report Diesen Beitrag melden

      nur 2 und hier geschieht so was ja nicht

      Einer der chwersten Atomzwischenfälle geschah in der Schweiz. Dank dem Umstand, dass dieser Reaktor im Berginneren lag, wurde eine grössere radioaktive Verseuchung der Umwelt verhindert. Wäre dieser wie die aktuellen AKWs nicht im Berg gebaut worden, könnte heute vermutlich in einem Teil der Westschweiz weder gewohnt noch Lebensmittel hergestellt werden. Vermutlich wären auch die Flussläufe durch die Schweiz dann verseucht worden. Basel evtl. ebenfalls nicht mehr normal bewohnbar... Hier ein Artikel:

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