Debatte in Biel

23. Februar 2019 18:26; Akt: 23.02.2019 18:26 Print

Dürfen grüne Politiker in die Ferien fliegen?

Ein Bieler Politiker, der sich für grüne Anliegen einsetzt, postet auf Facebook Fotos von einer Flugreise. Von rechts werden nun Fragen zu seiner Glaubwürdigkeit aufgeworfen.

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Grüne Politik predigen, aber selber nach Übersee in die Ferien fliegen? Kürzlich löste der linke Politiker Roland Gurtner eine kontroverse Debatte aus. Er setzt sich vermehrt für Klimaschutz ein, postete aber auf Facebook Fotos einer langen (Flug-)Reise aus Übersee. Daran störte sich der Bieler BDP-Stadtrat Reto Gugger und warf auf der Social-Media-Plattform die Frage auf: «Wie glaubwürdig ist für dich ein Politiker, der regelmässig Beiträge zum Thema Umweltschutz und Klimaveränderung verfasst – und dann fleissig Reisebilder aus Chile und von der Osterinsel postet?» «Die Diskussion ist ziemlich kleinlich. Dass vor allem Politiker, die sich selber nicht für die Umwelt einsetzen, nun die Moralkeule schwingen, kann ich nicht verstehen», so Gurtner gegenüber 20 Minuten. Dennoch sei klar, dass ein Politiker, der sich für grüne Anliegen einsetzte, ein gutes Vorbild sein müsse. Er selber verzichte seit 35 Jahren auf ein Auto und lebe strikt vegetarisch. «Problematisch für die Glaubwürdigkeit wird es dann, wenn ein Politiker Wasser predigt und Wein trinkt. Das heisst, wenn ein Politiker sich häufig so verhält, dass es der Kernbotschaft der eigenen Partei widerspricht», sagt Politologe Georg Lutz. «Keiner von uns, auch kein Politiker, lebt vollkommen konsequent und so, dass es zu hundert Prozent der eigenen Ideologie entspricht», sagt der Politologe. Es sei demnach nichts Verwerfliches dabei, sich für Dinge einzusetzen, die man selber nicht eins zu eins so umsetze. Für Christian Imark, SVP-Nationalrat und Umweltpolitiker, ist das ein bekanntes Phänomen. Von linker Seite werde den Leuten häufig eingeredet, wie schlimm der Klimawandel sei und wie man sich dagegen zu verhalten habe. «Auch in der Bundespolitik wird das Flugzeug ständig schlechtgeredet. Selber aber steigen Politiker regelmässig ins Flugzeug, mit der Ausrede, die Reise per Zug dauere viel länger. Als ob das nicht auch für das Volk gelte», sagt Imark. Umweltpsychologe Elmar Grosse Ruse sagt, dass beim Fliegen der Verzicht am grössten sei. Während man beim Auto auf ein Elektrowagen umsteigen könne und es immer mehr Fleischersatzprodukte gebe, könne die Reise nach Bali nur per Flugzeug unternommen werden. Es gelte deshalb, die eingene Bedürfnisse zu hinterfragen.

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Grüne Politik predigen, aber selber nach Übersee in die Ferien fliegen? Kürzlich löste der linke Politiker Roland Gurtner eine kontroverse Debatte aus. Der ehemalige Bieler Stadtrat und Mitbegründer der Bürgerbewegung Passerelle setzt sich seit jeher für Umwelt- und Klimaschutz ein. Nun aber postete er auf Facebook Reisefotos, unter anderem aus Chile.

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Dürfen grüne Politiker auch mal in die Ferien fliegen?

Daran störte sich der Bieler BDP-Stadtrat Reto Gugger und warf auf der Social-Media-Plattform die Frage auf: «Wie glaubwürdig ist für dich ein Politiker, der regelmässig Beiträge zum Thema Umweltschutz und Klimaveränderung verfasst – und dann fleissig Reisebilder aus Chile und von der Osterinsel postet?»

«Strenge mich an, ein gutes Vorbild zu sein»

Wie das «Bieler Tagblatt» schreibt, mischten sich zahlreiche Lokalpolitiker in die Debatte ein und sprachen sich für oder gegen Gurtner aus. Und was sagt er selber dazu? «Die Diskussion ist ziemlich kleinlich. Dass vor allem Politiker, die sich selber nicht für die Umwelt einsetzen, nun die Moralkeule schwingen, kann ich nicht verstehen», sagt der ehemalige Stadtrat zu 20 Minuten. Dennoch sei klar, dass ein Politiker, der sich für grüne Anliegen einsetze, ein gutes Vorbild sein müsse.

Er selber verzichte seit 35 Jahren auf ein Auto und lebe strikt vegetarisch. «Ich strenge mich an, gemäss meinen Überzeugungen zu leben. Das heisst aber nicht, dass ich keine Ausnahmen machen darf», sagt Gurtner. In Europa reise er ausschliesslich mit dem Zug. Wolle er aber eine neue Kultur und fernere Länder kennen lernen, sei das kaum möglich. «Ab und zu erlaube ich mir deshalb eine Flugreise.»

Wasser predigen und Wein trinken

«Problematisch für die Glaubwürdigkeit wird es dann, wenn ein Politiker Wasser predigt und Wein trinkt. Das heisst, wenn ein Politiker sich häufig so verhält, dass es der Kernbotschaft der eigenen Partei widerspricht», sagt Politologe Georg Lutz. Es sei fragwürdig, wie geschickt es sei, wenn ein Klimaschutz-Politiker auf Facebook Flugreisen exzessiv zelebriere. «Die Verhältnismässigkeit ist wichtig», erklärt Lutz. Fliege ein solcher Politiker einmal nach Chile in die Ferien, lebe er aber sonst sehr umweltbewusst, etwa vegetarisch und ohne Auto, sei das punkto Glaubwürdigkeit kein riesiger Fauxpas.

«Keiner von uns, auch kein Politiker, lebt vollkommen konsequent und so, dass es zu hundert Prozent der eigenen Ideologie entspricht», sagt der Politologe. Es sei demnach nichts Verwerfliches dabei, sich für Dinge einzusetzen, die man selber nicht eins zu eins so umsetze. «Die Sozialdemokraten zahlen auch nicht freiwillig mehr Steuern, nur weil sie sich für mehr Steuergerechtigkeit einsetzen», sagt Lutz.

Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen

Für Christian Imark, SVP-Nationalrat und Umweltpolitiker, ist das ein bekanntes Phänomen. Von linker Seite werde den Leuten häufig eingeredet, wie schlimm der Klimawandel sei und wie man sich dagegen zu verhalten habe: «Auch in der Bundespolitik wird das Flugzeug ständig schlechtgeredet. Selber aber steigen Politiker regelmässig ins Flugzeug, mit der Ausrede, die Reise per Zug dauere viel länger. Als ob das nicht auch für das Volk gelte», sagt Imark.

Er finde es problematisch, die eigenen Grundsätze über Bord zu werfen. Auf jeden loszugehen, der in ein Flugzeug steige, sei aber auch nicht richtig, sagt Imark. «Das Beispiel zeigt, wie unehrlich die Klimahysterie ist. Ob wir es wollen oder nicht, der Mensch wird noch lange von fossilen Treibstoffen abhängig sein.»

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Soleil am 23.02.2019 18:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Entweder oder

    Fliegen kann er so viel er will, aber man kann ihn dann nicht mehr ernst nehmen, den wer etwas fordert oder vorschreibt sollte als gutes Beispiel vorangehen, alles andere ist Chabis

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  • Pan am 23.02.2019 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Scheinheilig

    Mir hat auch mal ein Grüner/Hippi gesagt dass er kein Auto braucht. Er kann überall mit dem Zug hin. Ein Auto ist unnötig das braucht niemand. 2 Monate später fragt er auf Facebook, ob jemand ein Auto hat, damit er ein Möbelstück transportieren kann..

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  • Regulator am 23.02.2019 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Frage

    Ein ganz klares NEIN.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Müller am 08.03.2019 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Ich schätze seine Ehrlichkeit!

    Lieber steht er zu seinen Flugreisen und macht es nicht heimlich wie alle anderen Grünen....

  • Grosspapi am 27.02.2019 08:37 Report Diesen Beitrag melden

    Wunderbare Diskussion!

    Diejenigen, die überhaupt nichts machen (wollen) werfen denjenigen, die etwas machen, vor, nicht konsequent zu sein. So wird das nichts mit dem Klimaschutz. Letztendlich läuft es tatsächlich auf die Frage hinaus, ob es noch statthaft ist, aus Neugier oder einfach, weil man es sich leisten kann, in ferne Länder zu reisen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Verneinung dieser Frage nicht sehr populär ist. Deshalb glaube ich nicht, dass wir das Klimaproblem aus eigener Kraft lösen werden.

  • Ikarus am 26.02.2019 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Umweltschonende Antriebe fördern

    Natürlich dürfen Grüne auch das Flugzeug benützen, sofern sie sich für umweltschonende Entwicklungen bei diesem Verkehrsmittel einsetzen wie Elektro- oder Wasserstoff nutzende Antriebe. Dasselbe gilt auch für die Benützung des Autos.

  • Roberto Tschegger am 26.02.2019 15:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    No go

    Nein dürfen sie nicht wäre ja ein ansolutes no go wegen des klimas und die grünen nicht mehr glaubhaft oder? Aber wir wissen doch alle das sie es trotzdem tun denn das ist ja etwas anderes !!!

  • Beoboy am 26.02.2019 14:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umweltverbesserer

    Denkt einfach im Herbst bei den Wahlen daran wen ihr in das Parlament wählt. Sicher nicht die grün-roten Allesverhinderer und möchte-gern Weltverbesserer.