Genderneutrale Erziehung

11. Februar 2019 21:55; Akt: 11.02.2019 21:55 Print

Dürfte Ihr Sohn dieses Kleid tragen?

von B. Zanni - Für seine Forderung, Söhne Röcke tragen zu lassen, erhält Vater Nils Pickert breite Unterstützung. Kritiker sehen darin unpassende Extravaganz.

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Vater Nils Pickert macht Eltern in einem aktuellen Tweet eine klare Ansage: «Wenn dein Sohn in einem Secondhand-Laden ‹das tollste Kleid der Welt entdeckt›, brich ihm nicht das Herz.» Sie sollten ihm nicht das Lächeln aus dem Gesicht wischen und ihm nicht sagen, das Kleid sei nur für Mädchen, sagt Pickert. «Frag ihn einfach, ob er es anprobieren will.» Im Schrank seines Sohnes hängt jetzt ein rotes Kleid mit T-Shirt-ähnlichen Ärmeln. Pickert: «Bisher hat er es noch nicht getragen, weil es zu kalt ist. Sobald es wärmer wird, zieht er es vermutlich an.» Nils Pickert sagt zu 20 Minuten, sein vierjähriger Sohn habe sehr wohl gemerkt, dass in seiner Kita vor allem die Mädchen Röcke und die Jungs Hosen tragen. «Trotzdem gibt es für ihn keine Kleiderregeln.» Angesprochen habe ihn das Kleid wegen der Farben und den Rüschen. Nadja Pieren, SVP-Nationalrätin und Leiterin einer Kita, sagt: «Männer in Frauenkleidern wären extravagant und werden wahrscheinlich nie zur Normalität. Das passt einfach nicht zu unseren Werten und Normen.» Ein privates Foto von Vater und Sohn ging 2012 um die Welt: In einem roten Rock und den Sohn in einem roten Kleid mit Spaghetti-Trägern an der Hand spazierte Nils Pickert durch die Stadt. Pickert wollte damit seinem damals fünfjährigen Sohn, der gern Röcke und Kleider trug, als Vorbild «die Schultern breit machen». Die Myers ziehen ihr Kind geschlechtlos auf. Sie gehören der Gender Creative Parenting Bewegung an und glauben, dass das Geschlecht zwar biologisch festgelegt sei, aber nichts über den Charakter des Kindes verrät. Demnach soll Zoomer, wie der zweijährige Spross von Kyl und Brent heisst, irgendwann ganz einfach selbst entscheiden, welchem Geschlecht sie/er angehören möchte. Prominente sind in Sachen geschlechtsneutrale Erziehung Vorreiter. Pop-Rock-Sängerin Pink erzieht ihre Kinder (hier auf dem Foto mit Tochter Willow Sage) in einem genderneutralen Haushalt. Lieber nennt sie es aber «label-less». Genderneutral sei bereits wieder ein Begriff, der schubladisiere. US-Schauspielerin Jamie King designte eine genderneutrale Kleiderlinie für Kinder. Aushängeschild für die Outfits ist ihr Sohn James Knight. Auch Aryam wächst in einem genderneutralen Haushalt auf. Ihre Kinder sollten freie Denker werden, sagt Mutter Dascha Polanco, bekannt aus der Serie «Orange Is The New Black». US-Schauspielerin Angelina Jolie zwingt ihre Tochter Shiloh nicht in Mädchenkleider. Sie wolle eben ein Junge sein, so Jolie. Liam McDermott (dritter von rechts) lackiert sich gern die Nägel. «Ich will, dass er Dinge ausprobiert, über den Tellerrand schaut, ein Individuum und ein freier Denker wird», sagt Mutter Tori Spelling, bekannt aus der Fernsehserie «Beverly Hills, 90210».

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Mütter und Väter, die mit Schrecken ihren Sohn etwa in der Barbie-Abteilung entdecken, können beruhigt sein. Vater Nils Pickert (siehe Box) macht solchen Eltern in einem aktuellen Tweet eine klare Ansage: «Wenn dein Sohn in einem Secondhand-Laden ‹das tollste Kleid der Welt entdeckt›, brich ihm nicht das Herz.»

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Sie sollten ihm nicht das Lächeln aus dem Gesicht wischen und ihm nicht sagen, das Kleid sei nur für Mädchen, erklärt Pickert. «Frag ihn einfach, ob er es anprobieren will.» Der Tweet wurde über 400-mal geteilt und löste über 3000 Likes aus.

«Richtige Einstellung. Respekt», stimmt ein User zu. Ein weiterer bedankt sich für den Tweet: Dieser gebe ihm Hoffnung für diese Welt. Eine Userin bekräftigt: «Jeder, der möchte, kann Kleider tragen. Das Geschlecht ist nebensächlich. Hauptsache, man fühlt sich wohl und ist glücklich.»

Anderen hingegen geht diese Einstellung gegen den Strich. Jemand warnt: «Wtf. Bitte bekommt niemals Kinder.» Ein User findet, Pickert hätte seinem Sohn lieber mal einen Fussball und eine Rambo-DVD gekauft. Und eine Mutter twittert verzweifelt: Wo sie denn lebe, wenn sie als jugendliche Mutter schon fast einen Herzinfarkt bekomme, weil ihr Sohn den Puppenwagen anfasse.

«Trotzdem gibt es für ihn keine Kleiderregeln»

Nils Pickert sagt zu 20 Minuten, sein vierjähriger Sohn habe sehr wohl gemerkt, dass in seiner Kita vor allem die Mädchen Röcke und die Jungs Hosen tragen. «Trotzdem gibt es für ihn keine Kleiderregeln.» Angesprochen habe ihn das Kleid wegen der Farben und Rüschen. In einem Kommentar auf Twitter trägt Pickert nach: «Er sah grossartig darin aus, aber die Schulterträger waren leider zu rutschig. Wir sind dann übereingekommen, ein anderes zu nehmen.»

Im Schrank seines Sohnes hängt deshalb jetzt ein rotes Kleid mit T-Shirt-ähnlichen Ärmeln. «Bisher hat er es noch nicht getragen, weil es zu kalt ist. Sobald es wärmer wird, zieht er es vermutlich an.»

Auch würde er seinen Sohn nicht davon abhalten, eine Haarspange zu tragen, sollte er dies einst wollen. «Ich verstehe nicht, warum Jungs, die sich Haarspangen anschauen, immer wieder zurechtgewiesen werden mit: ‹Lass das. Das ist für Mädchen.›»



«Es geht nichts kaputt»

Michael Frei, Psychotherapeut bei Pinocchio, der Beratungsstelle für Eltern und Kinder, versteht die «aufgeladene Diskussion über ein Stück Stoff» nicht. «Der liebe Gott hat den Menschen nicht vorgegeben, welche Kleider Frauen und Männer zu tragen haben.» Er fordert Eltern auf, den Wünschen des Kindes gegenüber gelassen zu reagieren. «Es geht nichts kaputt, wenn sich ein Junge für schöne Frauenkleider interessiert und ein Mädchen für Bagger.»

Versuchten Eltern, das Spiel mit den Geschlechterrollen zu stoppen oder verurteilten sie es, könne dies schädlich sein. «Das Kind wächst dann mit dem Gewissen auf, dass ein Teil seines Selbst schlecht ist.» Kleider- oder Spielzeugpräferenzen liessen zudem nicht auf die spätere sexuelle Orientierung schliessen.

Genderpositive Erziehung empfohlen

Laut Frei handeln Eltern auch homophob und frauenfeindlich, wenn sie ihrem Sohn Frauen zugeschriebene Dinge und Verhaltensweisen aus dem Kopf schlagen wollen. «Damit sagen sie ihm, dass Homosexuelle und Frauen weniger wert sind als heterosexuelle Männer.» Zu diesem Schluss komme er, da die Reaktionen im umgekehrten Fall oft anders ausfielen. «Spielt ein Mädchen lieber mit Autos als mit Puppen, finden das viele Eltern toll.»

Dennoch würde Frei lieber von einer genderpositiven Erziehung sprechen. «Das heisst, Eltern verhalten sich gemäss den diesbezüglichen Wünschen und Bedürfnissen ihres Kindes bestätigend.» Ein Kind solle spielen können, womit es Lust habe, wie auch Lieblingsfarbe, Hobby und Frisur selber wählen können.

«Das passt nicht zu unseren Werten und Normen»

Nadja Pieren, SVP-Nationalrätin und Leiterin einer Kita, erachtet eine genderneutrale Erziehung als realitätsfremd. «Kinder werden als Mädchen oder als Junge geboren.» In der Kita stünden die Spielangebote allen Kindern offen. Trotzdem ziehe es die meisten Mädchen in die Puppenecke, während die meisten Jungen auf die Dinosaurierfiguren zusteuerten. «Und öffnen sie die Verkleiderli-Kiste, wollen Mädchen die Prinzessin sein und Buben wilde Ritter.»

Ziehe ein Kind im Spiel für sein Geschlecht untypische Kleider vor, sollten Eltern dies innerhalb der eigenen vier Wände nicht verhindern. Liessen Eltern ihren Sohn dagegen in einem Prinzessinnenkleid in die Öffentlichkeit, müssten sie sich auf ablehnende Reaktionen gefasst machen. Es bestehe die Gefahr, dass Jungen in Mädchenkleidern von anderen Kindern gemobbt und ausgegrenzt würden.

Für Pieren ist klar: «Männer in Frauenkleidern wären extravagant und werden wahrscheinlich nie zur Normalität. Das passt einfach nicht zu unseren Werten und Normen.»

Kürzlich postete der norwegische Komiker Orjan Buroe ein Video, in dem er und sein Sohn als Eiskönigin Elsa verkleidet zum Titelsong des Films «Frozen» tanzen:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simba74 am 11.02.2019 22:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum?

    das frage ich mich, muss alles umgedreht werden? Wenn das Kind alles selber entscheiden darf, leiden genau solche darunter welche eben klare Strukturen benötigen. Diese Genderdisskussion ist in meinen Augen ausgeartet und führt nur zu Verwirrung.

  • JohnDoe_ZH am 11.02.2019 22:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Äh Nei...

    Nein dürfte mein Sohn nicht... Ich bin echt noch so konservativ.. Äxgüsi...

  • coldasgold am 12.02.2019 00:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Um ehrlich zu sein...

    ...nein! Wenn ich einen Sohn hätte, dann würde ich wollen, dass er ein schönes Leben hat und entsprechend würde ich ihn auch vor dem Mobbing bewahren wollen, das er in diesem Kleid ganz sicher zu spüren bekäme.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Negan am 12.02.2019 08:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klar

    Solange Mädchen Hosen tragen, dürfen Jungs auch Kleider tragen. Gleichberechtigung.

  • Duplo am 12.02.2019 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Die Rollen machen schon Sinn

    Die Natur gibt vor und sonst niemand. Der Rest sind Ausnahmen, die immer mehr werden, weil die Medien es pushen. Jeder ist besser bedient, wenn er das sein kann, was die Natur ihm vorgibt. Die, die das nicht können, durchlaufen einen jahrelangen Prozess der Findung, der mühsam und psychisch sehr qualvoll sein kann - wollen wir das wirklich ausweiten? Wir sollten das unseren Kindern nicht noch schmackhaft machen sondern einfach froh sein, über jeden, der sich solchen Problemen nicht stellen muss. Und - wir sollten Leute, die so sind nicht diskriminieren sondern einfach sein lassen.

  • Kinder spielen lassen am 12.02.2019 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht falsch verstehen

    Es geht nicht darum, Buben zu Mädchen und umgekehrt zu machen, oder zu geschlechtslosen Aliens. Es geht darum ihnen keine Stereotypen aufzuzwingen, die sie vor allem im Kleinkindalter gar nicht verstehen. Mein Gottimeitli bekam von mir mal ein Handtäschli, gefüllt mit diversen Accessoires. Mein Göttibub war davon hin und weg, soo schöne Farben, soo schöne Glitzersachen! Und natürlich wollte er auch ein Haarspängeli in den Haaren haben. Ich habe ihm auch schon mal die Nägel lackiert. Kinder wollen einfach alles nachmachen. Es ist einfach nur Spass. Heute hat er daran kein Interesse mehr.

  • Ekeltoni am 12.02.2019 08:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    yaaaayyyy!!!

    jaja, man kann dem kind auch erlauben socken als handschuhe und unterhosen als hut zu tragen, wenn das ein glitzern in die augen des kindes bringt ist doch alles okay, und hey: wer bestimmt schon was wie definiert wird und was überhaupt was ist?

  • red am 12.02.2019 08:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "böse Kinder"

    Die Kinder im Kindergarten und die Mitschüler werdens richten. Die wissen nicht was Gender ist. Die wissen, was ein Mädchen ist, und die wissen, was ein Junge ist.