Intensivstraftäter Brian

23. November 2019 11:05; Akt: 24.11.2019 12:31 Print

Ex-«Carlos»-Betreuer erhebt schwere Vorwürfe

Der ehemalige Jugendanwalt Hansueli Gürber hat sich zum Fall «Carlos», den er jahrelang betreut hat, geäussert. Dabei bezichtigt er seine früheren Vorgesetzten der Lüge.

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Der ehemalige Jugendanwalt Hansueli Gürber, der jahrelang den Intensivstraftäter Brian alias «Carlos» betreut hatte, erhebt nun schwere Vorwürfe. In einem Interview mit CH Media sagt er aus, dass seine ehemaligen Vorgesetzten zu jedem Zeitpunkt über alle Massnahmen, die Brian betrafen, informiert gewesen seien – eine Aussage, die der leitende Oberjugendanwalt des Kantons Zürich, Marcel Riesen und der abgewählte Justizdirektor des Kantons Zürich, Martin Graf, abstreiten.

Für Gürber begann alles im Jahr 1997, als er als Leitender Jugendanwalt nach Zürich kam und den Fall Brian übernahm. Im Interview erzählt Gürber, dass er Brian schon damals als lebhaften Jugendlichen erlebt habe, der etwas aus seinem Leben machen wollte. Brian habe allerdings schnell realisiert, dass dies nicht möglich war und sei auffällig geworden.

Der Dokumentarfilm von SRF

Danach habe man sich für das Sondersetting für den Jugendlichen entschieden. Dieses beinhaltete auch ein intensives Kampfsporttraining, das im Dok-Film, den SRF über den Fall Brian drehte, zu sehen war.

Im Nachhinein bereue er gewisse Szenen aus diesem Film, so Gürber. «Ich hätte die Aufnahmen aus dem Boxtraining nicht zulassen dürfen», reflektiert er. Als schliesslich andere Medien auf den Fall aufsprangen, sei die Dramatisierung der Geschichte nicht mehr zu stoppen gewesen.

Gürber habe sich sofort bei seinem Vorgesetzten für den Film entschuldigt und die Verantwortung übernommen. Der Vorgesetzte sei aber zu jeder Zeit über alles informiert gewesen – auch für den Film habe es eine Genehmigung gebraucht. Gürber habe seine Vorgesetzten in regelmässigen Sitzungen über Brian und den Verlauf der Massnahme informiert.

«Ich fiel aus allen Wolken»

Dennoch sei der Eindruck entstanden, dass Gürber auf eigene Faust gehandelt habe. «Oberjugendanwalt Riesen sagte seinem Chef, dem damaligen Justizdirektor Martin Graf, ich hätte heimlich gehandelt. Weil Graf ein juristischer Laie ist, glaubte er dies tatsächlich», so Gürber.

Als er die beiden Vorgesetzten darauf angesprochen habe und darum gebeten habe, gegenüber den Medien klar zu kommunizieren, dass er nicht heimlich gehandelt hatte, sollen die beiden nur gelacht und verneint haben.

Bei der Aufarbeitung durch die Justizkommission habe Riesen schliesslich direkt gelogen. «Ein Politiker fragte mich in der Anhörung: ‹Warum haben Sie heimlich gehandelt?› In meiner Antwort habe ich erwähnt, dass dies nicht stimmt und die Kosten immer über die Oberjugendanwaltschaft liefen», sagt Gürber. Daraufhin habe Riesen geantwortet: «Aber nicht über meinen Tisch!» Da sei Gürber aus allen Wolken gefallen.

Beschuldigte halten an ihren Aussagen fest

Dass diese Aussage für den ehemaligen Anwalt ein Strafverfahren nach sich ziehen könnte, sorgt ihn nicht: «Ich halte es einfach nicht aus, dass dieser ganze Politklüngel Bescheid weiss, aber alles unter dem Deckel hält. Ich bin für Transparenz und Ehrlichkeit. Falls ich dafür verurteilt werde, muss ich damit leben», sagt er zu CH Media.

Die Beschuldigten wollten sich gegenüber dem Medium nicht zu den Vorwürfen äussern. Riesens Sprecherin liess mitteilen: «Die Vorgänge wurden vor sechs Jahren in zahlreichen Gremien und Aufsichtskommissionen bis ins Detail behandelt. Dem gibt es nichts beizufügen.» Graf schrieb auf Anfrage: «Riesen war aus meiner Sicht wirklich nicht gut über den Fall informiert.» Mehr wolle er zum Thema nicht sagen.

(doz)