Beleidigungen im Abstimmungskampf

04. März 2018 10:19; Akt: 04.03.2018 10:30 Print

Ein Anruf bei zwei Billag-Wutbürgern

Im Kampf um No Billag ging auf Social Media oft jeglicher Anstand verloren. Doch was sagen Wutbürger, wenn man sie anruft?

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Einen Tiefpunkt erreichte die Debatte um die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren Anfang Februar nach der dritten SRF-«Arena» zum Thema: Moderator Jonas Projer wurde auf Twitter massiv bedroht und stellte einen Strafantrag. Hass gab es auch gegen die libertären Initianten des Volksbegehrens rund um Olivier Kessler. In einem Facebook-Post war etwa zu lesen: «Diesen Olivier Kessler sollte man mitsamt seiner Familie verbrennen.»

Häufiger noch waren verbale Entgleisungen von Wutbürgern, die teilweise unter Klarnamen agieren. 20 Minuten hat zwei Repräsentanten beider Lager kontaktiert und sie gefragt, warum sie im Netz die Contenance verlieren.

Fall 1: Der Wutbürger, der Ja sagt

R.G.* ist dem Komitee «Nein zum Sendeschluss» durch seine unflätigen Kommentare aufgefallen. Auf dessen Facebook-Seite schrieb er: «Schade, dass wir so viele Arschlöcher in der Schweiz haben, die noch Nein stimmen. Aber bekanntlich werden diese Wixer im ganzen Leben nicht gescheiter.» Die Administratoren empfahlen ihm daraufhin die Anschaffung eines Boxsacks.

Als wir R.G. anrufen, liegt der Bündner gerade in einem Ostschweizer Spital. Er ist freundlich und beantwortet breitwillig unsere Fragen.

Herr G., Sie haben im Netz Dampf abgelassen zu No Billag. Woher kommt diese Wut?
G.: Ja, jetzt schreibe ich nichts mehr. Es ist mir zu doof geworden. Nachdem ich meine Meinung gesagt hatte, sind alle Gegner auf mich losgegangen. Einer hat gesagt, er zeige mich an.

Haben Sie denn schon Post vom Staatsanwalt bekommen?
Nein. Ich habe nichts bekommen. Aber so, wie der eine geschrieben hat, ist es gut möglich, dass das noch kommt.

Können Sie uns erklären, warum Sie sich dermassen im Ton vergreifen? Man kann ja auch höflich streiten, oder nicht?
Ach Herrgott! Wissen Sie, ich war Lastwagenchauffeur, da rutscht halt mal etwas raus. Auf Facebook ist der Ton rau. Jetzt bin ich in Pension. Zusammen mit meiner Frau kommen wir auf eine Rente von 3200 Franken. Die Billag-Gebühr von 451 Franken können wir uns nicht leisten. Trotzdem werden sie es annehmen, diese Idioten.

Gerade Rentner konsumieren sehr häufig Angebote der SRG. Sie nicht?
Nein, nie. Ich kann damit nichts anfangen. Moment, die Ärztin kommt gerade. Krebs. Ich musste unters Messer. Ich rufe Sie zurück.

R.G. ruft wieder an. Er betont noch einmal, dass er nicht mehr aktiv sei in den sozialen Netzwerken. Es ändere sich ohnehin nichts.

Fall 2: Der Wutbürger, der Nein sagt

V.B.* wohnt an der Zürcher Goldküste und ist ein eifriger Leserbriefschreiber. Hin und wieder druckt sie auch eine Zeitung ab. Seine E-Mails an «Weltwoche»-Verlagsmitarbeiter und No-Billag-Befürworter Samuel Hofmann sind weniger druckfähig. So schreibt er. «Sie waren und sind ein billiges Nichts. Sie schreiben was Köppel will, sonst sind sie raus!» Hofmann steigt – obwohl überdies als Flasche beschimpft – nicht auf die Provokation ein. Später schreibt B.: «Mann, was sind sie für ein widerliches Arschloch, Journalist gekauft.»

Auch B. geht an den Hörer und lässt sich auf ein Gespräch ein.

Herr B., Sie gehen in den sozialen Netzwerken und in Ihren Zuschriften grob zur Sache.
Ja richtig, mindestens unter der Gürtellinie.

Ich frage mich, warum machen Sie das?
Mich interessiert das Thema. Ich finde es an und für sich sinnvoll, sich zum Thema zu äussern. Online gibt es interessante Foren –
aber nicht immer. Ich werde nur selten überrascht.

Sie haben einen Mitarbeiter der «Weltwoche» beschimpft.
Es ist klar, die «Weltwoche» war einmal eine gute Zeitung. Heute ist es ein ganz billiges Blatt. Ich habe mich auf einen Artikel bezogen.

Was machen Sie im richtigen Leben?
Arbeiten und atmen.

Darf ich fragen, was Sie arbeiten?
Nein. Jetzt will ich schnell wissen: Wer sind Sie genau?

Ich bin Journalist. Ich schreibe einen Artikel zum Thema, wie schmutzig der Abstimmungskampf war. Ich will ergründen, warum sich Leute im Netz dermassen vergessen.
Ich muss vorausschicken: Für den Ton, den wir heute in der Politik haben, sind Blocher und seine Kumpanen verantwortlich. Diese haben den Ton in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts in die Politik gebracht.

Ist das eine Rechtfertigung?
Nein. Aber eine Erklärung, dass sich der Umgangston verändert hat.

Also sehen auch Sie es so, dass der Ton grenzwertig ist?
Ja, dazu stehe ich auch. Mein Ziel ist es, in einem möglichst scharfen Ton zurückzuschreiben. Gerade wenn Sie sich den Journalismus anschauen, da wird so viel Schrott geschrieben, damit die Zeitungen im Markt bestehen können.

Wo stehen Sie politisch?
Das ist noch schwierig. Linksliberal bis grün.

Ihr Feindbild ist die SVP?
Nein, das ist völlig falsch. Man muss hier unterscheiden:
SVP-Leute auf kommunaler Ebene leisten zum Teil hervorragende Arbeit. Und dann gibt so Schreihälse wie Christoph Mörgeli, die ähnlich wie ich selbst nur ein Statement abgeben, um aufzufallen.

Aber mit den Libertären können Sie nicht viel anfangen bei No Billag?
Die Libertären treiben ein ganz fieses Spiel. Sie haben meist eine hervorragende Ausbildung bis zur Universität. Sie haben profitiert vom Steuerzahler, vom Sozialstaat, jetzt wollen sie sich ausklinken. Sie haben nicht verstanden, wie ein Staat funktioniert.

Unabhängig von Ihren Positionen: Mir gegenüber argumentieren Sie sachlich. Wer schreibt die Kommentare? Ihr alter Ego?
Da liegen Sie völlig falsch. Ein E-Mail ist viel kürzer und kein Gesprächsforum. [...] Sagen Sie einmal, wenn Sie ein Arschloch kennen, wie sagen Sie diesem? Entweder schreiben Sie, was Sie denken, oder Sie schwurbeln herum.

Haben Sie schon juristische Probleme bekommen wegen Ihren Kommentaren?
Eben nicht!

Was sagt Ihre Frau zu Ihren Aktivitäten?
Das ist zwiespältig (lacht). Das ist aber meine Sache, darüber muss ich nicht Rechenschaft ablegen.

Es gibt ja den Begriff des Wutbürgers. Sind Sie ein Wutbürger?
Nein. Was ist schon ein Wutbürger? Früher gab es einen Stammtisch, an dem die Leute politisiert haben. Heute gibts das nicht mehr. Wutbürger sind jene, die wütend sind, weil es politisch nicht korrekt läuft. Ich finde Wutbürger gar nicht so schlecht. Sie stehen immerhin nicht abseits, sondern sind am politischen Geschehen interessiert.

*Namen der Redaktion bekannt

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alex Naund am 04.03.2018 11:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessant!!!

    Würde gerne öfters so gute Artikel lesen! Es wird in zwei verschiedenen Lagern nachgefragt ... und wir Leser können unsere eigenen Gedanken dazu machen!!! Gefällt mir.

  • Agent-Orange am 04.03.2018 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    huere chindergarte....

    Ich darf zwar erst seit 11 Jahren abstimmen, aber der Abstimmungskampf zur No-Billag Initiative war einer der primitivsten und peinlichsten den ich je in der Schweiz erlebt habe. Entweder man ist dafür oder dagegen! Man muss ja die Meinung anderer nicht akzeptieren aber wenigstens tolerieren, ohne sich gleich gegenseitig zu beleidigen. Ich habe für die NBI gestimmt und wenn sie nun abgelehnt wird, dann ist das halt so. Wichtig ist, dass der Entscheid demokratisch gefällt wurde.

    einklappen einklappen
  • JA, No Billag am 04.03.2018 11:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sachlich bleiben

    Egal was draus kommt man sollte sachlich sein und keine beleidigungen und morddrohungen abgeben und das auf BEIDEN seiten!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Eleonore am 04.03.2018 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verkherte Schweiz

    Die Schweizer verrarschen sich selbst !!!! Zuerst jammern das No Billag zu Teuer sei und doch NEIN abgestimmen !!!!!!!

  • Lolla am 04.03.2018 16:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hm

    Wie wäre es mit einer Abstimmung das alle die über 200000 versteuern, doppelt so viel zahlen müssen damit die kleinen mal geschont werden!?

  • Rolfji am 04.03.2018 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer das gleiche...

    Es gibt auch viele Wutbürger die nein sagen.

  • Neumann am 04.03.2018 15:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wutbürger ernst nehmen

    Diese Wut-Wörter gehen gar nicht, nie, egal auf welcher Seite. Ich rate aber dringend, diese Stimmen ernst zu nehmen und nicht auch noch lächerlich zu machen. Das rächt sich dann früher oder später wieder.

  • Onkel Sam am 04.03.2018 15:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Worte statt Taten

    Wahrscheinlich waren alle Befürworter noch ein paar Tweets am absetzen oder sind auf ihren neuen Netflix-Serien hängen geblieben und haben den Urnengang verpasst...