Interview

22. Oktober 2010 15:20; Akt: 22.10.2010 17:43 Print

Ein Leben als Sauhund

von B. Wermuth, M. Egger und M. Gilliand - Die jüngste Debatte um Pädophile führte zu hitzigen Reaktionen. Eine Frage bleibt aber ungeklärt: Was sind das für Menschen? Ein Betroffener erzählt.

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Anfang 2011 wird es für die Polizei schwieriger sein, in Chaträumen verdeckt gegen Pädophile zu ermitteln. Dieser Umstand empört viele Politiker und Bürger. Der 48-jährige Herr G., der sich selbst als pädophil bezeichnet, warnte in einem am Mittwoch auf 20 Minuten Online veröffentlichten Interview vor zu hohen Erwartungen in Zusammenhang mit den polizeilichen Ermittlungen im Netz. Es sei Sache der Eltern, den Kindern beizubringen, wie sie sich dort verhalten müssen. Viele Kinder würden vor einer Webcam freiwillig haarsträubende Dinge tun. Die Verantwortung dafür könne nicht den Pädophilen in die Schuhe geschoben werden.

«Dieser Herr G. ist eine Zeitbombe!»

Mit diesen Aussagen hat G. unter den Usern von 20 Minuten Online eine kontroverse und emotionale Diskussion ausgelöst. Marcel S. beispielsweise kann nicht glauben, was er gelesen hat: «Dieser Herr G ist eine Zeitbombe!». Er fordert statt Kuscheljustiz die Todesstrafe für Pädophile. Anders Peter S.. Er glaubt nicht, dass mit verdeckten Ermittlungen und härteren Strafen Delikte verhindert werden können. «Viel wichtiger wäre es, Pädophile besser zu unterstützen, so dass diese gar nicht erst zu Tätern werden.». Was die Verantwortung der Eltern angeht, ist User Andreas K. mit Herr G. einig: «Eltern vernachlässigen viele Pflichten, so auch die Kontrolle des Surfverhaltens von Kindern und Jugendlichen.». Marta P. hält dagegen und fragt: «Wie ist es mit der Verantwortung der Pädophilen - müssen die keine übernehmen?»

Lebenslänglich am Pranger

Ausgeklammert wird die Frage, was das für Menschen sind, die sich an Kindern und Jugendlichen aufgeilen oder mit ihnen Sex haben. Wer ist dieser Herr G., der in den Augen der Gesellschaft das Böse verkörpert, ein Sauhund ist - abgestempelt für den Rest seines Lebens? Wie fühlt es sich an, ein Leben lang am Pranger zu stehen und ausgegrenzt zu werden? Gegenüber 20 Minuten Online erzählt Herr G. von seiner Krankheit, gewährt Einblicke in seine Seele und berichtet über sein Doppelleben.

Wegen Kinderpornographie verhaftet

Alles begann vor über dreissig Jahren. Seit seiner Jugend richtet sich die sexuelle Lust von Herr G. auf junge Mädchen im Schutzalter. Erst kaufte er sich Magazine wie «Sweet Seventeen», dann kam das Internet. Tage- und nächtelang lud er sich sexuelle Bilder und Filme von Lolitas mit sanften Zügen und unschuldigem Blick auf seine Festplatte. 2004 wurde er verhaftet und sein Computer beschlagnahmt. Die Polizei stellte auf dem PC kinderpornografisches Material sicher, er wurde gebüsst.

Unauffällig, schüchtern, ängstlich

Trotzdem passt Herr G. irgendwie nicht in das Bild vom schmuddeligen Pädophilen, das in den Medien und in der Gesellschaft vorherrscht. Wer ihm auf der Strasse begegnet, schöpft keinen Verdacht. Sein Äusseres ist gepflegt, sein Blick offen. Im Gespräch wirkt er unsicher, fast ängstlich - wie ein schüchterner Junge. Und immer wieder versichert er, dass er noch nie aktiv ein Kind missbraucht habe. «Ich könnte das nie tun», sagt er. Seinen Aussagen zufolge leidet er am Lolita-Syndrom.

Gemäss Stefan Braunisch, Experte am Forensik-Ambulatorium in Bern, werden nur die allerwenigsten Straftaten gegen die sexuelle Integrität von Kindern von sogenannten Primär-Pädophilen begangen. Bei den meisten Tätern «handelt sich oft um Menschen, die soziale Mängel haben», sagt Braunisch. Deshalb seien sie nicht oder nur bedingt in der Lage, mit erwachsenen Menschen in Beziehung zu treten oder Sexualität zu leben. «Hinzu kommt oft auch ein Suchtproblem», so Braunisch. Der renommierte Fachmann hat sich die Video-Sequenzen mit den Aussagen von Herr G. angesehen. Seine Meinung fällt klar aus: «Für mich gibt sich Herr G. auffallend bemitleidenswert.»


Das Phänomen

«Erschiessen wäre für mich im Prinzip eine gute Lösung»

Was Herrn G. zu schaffen macht, ist die mediale Berichterstattung. Beim Lesen der Zeitungen wird ihm bewusst, wie die Mehrheit über seinesgleichen denkt. Von wegsperren ist da die Rede, von verwahren und kastrieren. Daran stösst sich 20 Minuten Online User T. Weber: «Die Stigmatisierung von Pädophilen führt dazu, dass sich diese nicht trauen, fachliche Hilfe zu holen.» Manchmal denkt Herr G., es wäre besser, sich zu erschiessen. Einfach um die Spannungen nicht mehr ertragen zu müssen. Als Opfer will er sich trotzdem nicht sehen, auch wenn er seine sexuelle Vorliebe nicht selber gewählt hat und täglich daran leidet.


Die Auswirkungen


«Wir Pädophile wissen, wie man die Kinder schützen kann»

Spezifische präventive Therapieangebote für Pädophile, die noch nicht straffällig geworden sind, gibt es kaum in der Schweiz. Entsprechend schwierig war es für Herr G., trotzdem professionelle Hilfe zu finden. Eine chemische Kastration kam für ihn nie in Frage, aber seit Anfang 2010 nimmt er ein Antidepressivum, das seine sexuelle Lust dämpft. Beim Thema Kinderschutz gerät G. in Rage darüber, dass niemand die Betroffenen um Rat fragt. Sein Wunsch ist, dass Pädophile irgendwann in Zukunft zu ihrer Krankheit stehen können, ohne dafür von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Zwei Dinge erhofft sich G. für sich persönlich: Seine sexuellen Bedürfnisse weiterhin kontrollieren zu können und vielleicht eine legale Alternative zu finden, um seine angestauten Sehnsüchte abzuführen.

Die Therapie

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bart am 22.10.2010 20:02 Report Diesen Beitrag melden

    Trieb ist falsch?

    Der menschliche Trieb ist wie der tierische Instinkt (nach Freud) - er kann nicht abgeschaltet werden. Wer hier behauptet Schwul zu sein sei okay, denn man entscheidet es nicht sondern fühlt es einfach, soll es gar nicht erst zu wagen Pädophile als "krank" oder "geistesgestört" zu titulieren. Wer hat den keine Fetische? Wer schämt sich in der Gesellschaft nicht für etwas, das ihn aufgeilt? Natürlich ist es falsch seinen Trieb an unschuldigen auszulassen - Vergewaltigungen sind, ob Pädophil oder nicht, falsch! Aber wer hier Pädophilie als eine Krankheit abstempelt, ist ein Heuchler!

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  • karina am 22.10.2010 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Miranda Kerr

    Wieso suchen diese Männer sich keine Frau die zb aussieht wie Miranda Kerr oder Natalia Vodianova (oder Asiatinnen)...Also 27 sind, aber aussehen wie 16? So sind sie nicht illegal, aber haben eine Frau, die ihren Wünschen entspricht??Ich meine ich als Frau, lese gerne die Vogue oder schaue Modeschauen etc, und finde die Models total schön und die sehen ja auch so kindlich aus (die einen sind es auch) aber die meisten sind erwachsen...Oder geht es den Pädos nicht ums aussehen sondern, dass die Kinder machtlos/ wehrlos sind???Das wäre dann aber böse und dann wäre eine Kastration doch das beste!

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  • Bernhard T am 29.11.2011 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    Mensch wie du und ich

    So lange ein Pädophiler niemandem etwas zuleide tut ist er für mich ein Mensch wie jeder andere auch. Wenn er irgendwelche Bilder konsumiert (natürlich ohne dafür zu zahlen und somit den Produzenten zu unterstützen) dann ist das von mir aus auch ok... Sobald er aber jemanden Vergewaltigt, muss er mit den Konsequenzen leben. Da wäre ich dann auch für einen Zwangskastration... Wobei ich sagen muss: Pädophil heisst vorpubertär. Die heutigen Models sind auch 15, 16jährig und jeder Mann findet sie erotisch (auch wenn viele es nicht wagen zuzugeben).

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bernhard T am 29.11.2011 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    Mensch wie du und ich

    So lange ein Pädophiler niemandem etwas zuleide tut ist er für mich ein Mensch wie jeder andere auch. Wenn er irgendwelche Bilder konsumiert (natürlich ohne dafür zu zahlen und somit den Produzenten zu unterstützen) dann ist das von mir aus auch ok... Sobald er aber jemanden Vergewaltigt, muss er mit den Konsequenzen leben. Da wäre ich dann auch für einen Zwangskastration... Wobei ich sagen muss: Pädophil heisst vorpubertär. Die heutigen Models sind auch 15, 16jährig und jeder Mann findet sie erotisch (auch wenn viele es nicht wagen zuzugeben).

  • Max W. am 23.03.2011 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Verantwortungsbewusstsein nötig

    Ich bin nicht begeistert von dem, wie sich der Herr G. insgesamt gibt. Er scheint sich nicht klar zu sein, wo welche Verantwortung liegt. Die Kommentare erschrecken mich aber noch viel mehr. Pädophilie ist eine Krankheit die Behandlung braucht. Ich habe 6 Jahre dazu gebraucht und bin unendlich froh, wie weit ich mich von Impulsen und allem entfernen konnte. Es ist so traurig, wenn es Menschen wie mir durch Hassparolen schwer gemacht wird, sich selbst zur Neigung zu bekennen + Hilfe zu suchen solange man noch nichts verbrochen hat

  • Vater am 10.03.2011 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Krankheit!? Was soll das?

    Wiso bezeichnet man phädophil als Krankheit. Das kommt mir etwa gleich vor wie die angebliche "Sex-Krankheit" von Tiger Woods!? Es kommt mir vor als werden diese Phädophile als arme Opfer hingestellt, welche halt einfach an einer Krankheit leiden...Hallo!? krank sind sie schon aber Mitleid hab ich da sicher nicht! Jeder Mensch hat Verantwortung und dies ist ganz sicher kein verantwortliches Handeln!

    • H.Kalt am 20.05.2011 16:53 Report Diesen Beitrag melden

      Ganz einfach Unfähige Politik !!!

      @Vater. ich verstehe ihre Ansichtsweise vollkommen. Bin aber der Meinung hier geht's nicht um Krank sein oder nicht. Therapie oder Gefängnis. Sondern es geht darum die Kinder zu schützen, und sie auf zu klären. Und das Kind hat meiner Meinung nach als erstes das Recht jeglich erdenkliche Unterstützung zu bekommen um hier die Gefahren zu erkennen. Zweitrangig ist dann der Täter dran aber mit jeder härte. Als Vater von zwei Töchtern bin ich erst recht gefordert. Gnade Gott demjenigen......!!!!!

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  • Sandra Huber, Bern am 09.03.2011 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Kinderschutz

    Was sind das für Menschen? Ich will es nicht wissen!! Tatsache ist, dass sie Leben zerstören! Wir müssen die Kinder schützen, nicht die Täter!!

  • H.G. am 28.10.2010 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Was währe wenn zum Schluss

    Was wäre, wenn man eines Tages die Einsicht hätte, dass Pädophile so sind, weil sie als Kind ein Traumatisches Erlebnis hatten, wie gezeigt in der Sendung am Sonntagabend auf RTL2? Was wäre, wenn ich recht habe, dass ehemals sexuell missbrauchte Kinder gejagt werden? Wäre das ok, oder sollte man dann vielleicht nochmals über die Bücher?

    • A. J. am 01.11.2010 22:14 Report Diesen Beitrag melden

      Falsche Schlussfolgerung

      Opfer gewesen zu sein ist sicherlich immer tragisch aber niemals eine Rechtfertigung zum Täter zu werden. Ganz egal um welche strafrechtlichen relevanten oder gesellschaftlich inakzeptable Taten es handeln. Diese Rechtfertigung tun Sie aber mit dem Satz : "Was wäre, wenn ich recht habe, dass ehemals sexuell missbrauchte Kinder gejagt werden?" Optimieren müssen wir, dass Opfer die Hilfe bekommen die hilft. Aber auch, dass andere nie zum Opfer werden.

    • H.G. am 04.11.2010 12:07 Report Diesen Beitrag melden

      Egal ob Täter oder nicht

      Egal ob ich Täter bin oder nicht, ich werde gejagt und das akzeptier ich nicht! Die Folgen von einem Missbrauch kann man verleugnen, weil es einfacher ist damit umzugehen, oder man schaut hin und sucht zusammen eine Lösung! Das ist aktiver Kinderschutz!

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