Empathischere Ärzte?

17. Juni 2017 20:09; Akt: 21.06.2017 10:08 Print

Ein Praktikum soll den Numerus clausus ersetzen

von B. Zanni - Der Nationalrat will den Eignungstest für das Medizinstudium durch Praktika ersetzen. Die Forderung ist stark umstritten.

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Statt mit dem Eignungstest sollen sich Maturanden künftig in einem Praktikum beweisen. Dafür sprach sich der Nationalrat am Donnerstag mit deutlicher Mehrheit aus. «Der jetzige Test zeigt nicht, ob jemand das Flair für den Arztberuf hat», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Viel wichtiger als das Bestehen eines «Chrüzlitests» seien Sozialkompetenz und praktische Fähigkeiten. «Erschreckenderweise soll es Medizinstudenten geben, die es anwidert, einen alten, kranken Menschen anzufassen.» Jonas A. Müller, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins und Medizinstudent, sagt, dass einige Studenten den Menschen mehr als Materie sähen. «Als Maschine, die es zu flicken gilt.» Solche Studenten haben laut Müller zwar das Potenzial zu Spitzenchirurgen. «Aber wenn sie als Hausarzt auf eine ältere Dame mit diffusen Schmerzen eingehen sollen ohne auf die klassische Schulmedizin zurückgreifen zu können, haben sie Mühe.» Über 2000 Kandidaten fielen 2016 durch den Eignungstest für das Medizinstudium – ein neuer Höhepunkt. Johannes Loffing, Studiendekan Vorklinik an der Medizinischen Fakultät an der Universität Zürich, beurteilt den Eignungstest als fairstes Verfahren. Wer intellektuell begabt sei, bringe oft auch Empathie mit. Der Spitalverband H+ hält Praktika für wenig realistisch. Der Aufwand für die Spitäler wäre extrem hoch, sagt Mediensprecherin Dorit Djelid. «Die Erfahrung in der Berufsbildung der jungen Pflegenden zeigt, dass der Betreuungsaufwand im ersten Jahr weit höher liegt als die Arbeitsleistung.» Wolle man mehr Hausärzte in der Schweiz, müsse man auch investieren, entgegnet Ruth Humbel. .

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Über 2000 Kandidaten fielen 2016 durch den Eignungstest für das Medizinstudium – ein neuer Höhepunkt. Der Test mit Zulassungsbeschränkung, sogenanntem Numerus clausus, sortiert gnadenlos aus. Diese Praxis will der Nationalrat ändern: Statt mit dem Eignungstest sollen sich Maturanden künftig in einem Praktikum beweisen.

Umfrage
Sollen Praktika den Eignungstest mit Numerus clausus ersetzen?
39 %
7 %
1 %
53 %
Insgesamt 2319 Teilnehmer

Das Vorhaben geht auf einen Vorstoss von CVP-Nationalrätin Ruth Humbel zurück. «Der jetzige Test zeigt nicht, ob jemand das Flair für den Arztberuf hat», sagt Humbel. Viel wichtiger als das Bestehen eines «Chrüzlitests» seien Sozialkompetenz und praktische Fähigkeiten. «Erschreckenderweise soll es Medizinstudenten geben, die es anwidert, einen alten, kranken Menschen anzufassen.»

«Studium aus Prestigegründen gewählt»

Humbel schwebt ein halb- bis ganzjähriges Praktikum in einem Spital oder Altersheim vor. Eine Leistungsbeurteilung des Arbeitgebers würde über die Zulassung zum Medizinstudium mitentscheiden. Offen lässt sie, ob ein zusätzlicher Test zur intellektuellen Fähigkeit durchgeführt wird.

Unter solchen Voraussetzungen überlegten sich manche Maturanden auch besser, ob der Arztberuf für sie das Richtige sei, glaubt Humbel. «Manche Medizinstudenten haben das Studium primär aus Prestigegründen gewählt.» Sie wollten Spezialisten werden, um viel Geld zu verdienen.

«Probleme, mit Menschen zu arbeiten»

Auch Jonas A. Müller, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins und Medizinstudent, sagt: «Der Test ist nicht unbedingt geeignet, um die besten Ärzte zu bestimmen.» Er erlebe einige Kollegen, die Probleme hätten, mit dem Menschen zu arbeiten. Dies falle auch Ärzten immer wieder auf. «Diese Studenten sehen den Menschen mehr als Materie, als Maschine, die es zu flicken gilt.» Sie hätten zwar das Potenzial zu Spitzenchirurgen, «aber wenn sie als Hausarzt auf eine ältere Dame mit diffusen Schmerzen eingehen sollen, ohne auf die klassische Schulmedizin zurückgreifen zu können, haben sie Mühe».

Er schlägt vor, den Eignungstests mit einem Assessment zu ergänzen, das die Social Skills prüft. Den heutigen Test abzuschaffen, komme nicht infrage. Schliesslich werde geprüft, ob ein Kandidat das Zeug habe, um ein Medizinstudium durchzuhalten. «Damit können die Kantone Millionen einsparen.»

Warnung vor Vetternwirtschaft

Der Bundesrat sieht in einem Praktikum keine effiziente Alternative. Er bezweifelt, dass jedes Jahr 3500 betreute Praktikumsplätze organisiert werden können. Zudem würde ein Praktikum das bereits heute lange Medizinstudium durch ein Praktikum weiter verlängern.

Die Ansichten teilt Johannes Loffing, Studiendekan Vorklinik an der Medizinischen Fakultät an der Universität Zürich. Einen schweizweit einheitlichen Leistungsnachweis zwischen den Spitälern sei zudem unmöglich. Und er warnt vor Vetternwirtschaft. «Es könnte darauf hinauslaufen, dass Kandidaten mit guten Kontakten in den Spitälern bei Praktikumsplätzen bevorzugt und in ihren Leistungen besser als andere bewertet werden.»

Spitälern fehlen Ressourcen

Loffing beurteilt den Eignungstest als fairstes Verfahren. Kognitive Fähigkeiten und Sozialkompetenz schlossen sich auch nicht aus. «Denn wer intellektuell begabt ist, bringt oft auch Empathie mit.» Zudem belege die niedrige Abbruchquote in Schweizer Universitäten mit Numerus clausus, dass sich die Studenten nicht am falschen Ort fühlen und gut ausgewählt seien. «Die Quote liegt unter 10 Prozent und ist damit ausgesprochen tief.»

Der Spitalverband H+ hält Praktika für wenig realistisch. Der Aufwand für die Spitäler wäre extrem hoch, sagt Mediensprecherin Dorit Djelid. «Die Erfahrung in der Berufsbildung der jungen Pflegenden zeigt, dass der Betreuungsaufwand im ersten Jahr weit höher liegt als die Arbeitsleistung.» Dieser Mehraufwand müsste den Spitälern separat vergütet werden. «Doch das geschieht schon bei der Weiterbildung der Assistenzärzte heute nur ungenügend.»

«Praktikumsplätze zu schaffen, ist nur eine Frage des Willens», entgegnet Humbel. In den Spitälern und Altersheimen herrsche ein ständiger Mangel an Betreuungspersonal. «Kandidaten für das Medizinstudium könnten das Personal enorm entlasten und wären auch kein Kostenfaktor.» Wolle man mehr Hausärzte in der Schweiz, müsse man auch investieren. Als Nächstes entscheidet der Ständerat.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ehem. Med. Studi am 17.06.2017 20:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "Häfelipraktikum"

    Noch in den 1990er Jahren gab's das sog. "Häfelipraktikum" - war eine super Sache; musste vor dem Studium gemacht werden. Im Spital wurde man von der diensthabenden Stationsschwester mit Aufgaben betreut, die einem Studenten zuzumuten sind (zB in der Geriatrie ältere Patienten waschen, drehen, beim Essen geben helfen, oder in der Chirurgie Tee verteilen, mithelfen wenn ein Patient die Toilette benutzen wollte; ausfahren, etc). Mit der Zeit durfte man je nach Interesse und Neigung auch bei OP's zusehen, bei Wundpflege helfen und generell, einfach für Patienten Dasein, zuhören, lernen...

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  • Realist am 17.06.2017 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fähigkeit

    Sowohl als auch wäre das Beste. Eignungstest und Praktikum, dann sieht man, wer fähig ist und mit Patienten umgehen kann.

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  • Rolf am 17.06.2017 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sozialkompetenz?

    Frau Humbel hat es wohl nicht begriffen. Der Eignungstest soll nicht den besten zukünftigen Arzt ermittelt, sonder die Bewerber selektieren, die mit höchster Wahrscheinlichkeit das Studium schaffen. Die Bandbreite im Arztberuf ist so gross, dass es den "besten" Arzt nie geben wird. Wozu z.B. braucht ein Radiologe oder Labormediziner Sozialkompetenz im Umgang mit Patienten? Und will sich Frau Humbel lieber von dem Gehirnchirurg operieren lassen mit dem besonders empathischen Umgang oder von dem mit dem besten räumlichen Vorstellungsvermögen? Und wie und wo sollen jedes Jahr 3000 Bewerber ein halbjährlich Praktikum machen. Sollen dann die Medizin studieren, die der Oma am menschlichsten den Hintern abgewischt haben?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lukas Stalder am 18.06.2017 21:44 Report Diesen Beitrag melden

    Ex-BAG Chef's Doppelrente kürzen

    anstatt jetzt zu denken man könne mit studentenpraktikas die pflegekosten senken, müsste man endlich die verwaltungsratshonorare der KK Verwaltungräte überprüfen. Thomas Zeltner kassiert als Ex-BAG Chef quasi eine Doppelrente als KPT Verwaltungsrat

  • Frau P. am 18.06.2017 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    Beides bitte

    Ich finde beides würde dazugehören. Ich bin Pflegefachfrau und erlebe es tagtäglich, dass die Ärzte mit menschlicher Nähe und Empathie überfordert sind. Es scheitert zB an einer normalen OP Aufklärung, die man dem Patienten so zu erklären hat, dass er sie versteht. Ich möchte einen Arzt der sowohl das med., tech. Knowhow hat, als mir auch auf eine empathische Weise über eine schlimme Diagnose aufklären kann. Und in der Pflege ist chron. Personalmangel. Warum sollten wir es ablehnen? Der Vergleich mit den erstjahrs Pflegestudenten hinkt, weil die viel mehr wissen müssen als ein Praktikant.

  • Radiesli am 18.06.2017 16:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Man könnte auch endlich den Pflegefachpersonen mehr Kompetenzen überlassen. Also an alle: die Initiative des SBK unterschreiben, für eine starke Pflege!

  • ari am 18.06.2017 15:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nur praktikum

    eine kombination ist nicht nötig. praktikum zeigt ob jemand geeignet wäre oder man sieht auch selber ob man den richtigen beruf gewählt hat. die tests an den unis sind ausscheidungsverfahren genug

    • Mediom am 18.06.2017 16:55 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Ein Pflegepraktikum zeigt, ob man "den richtigen Beruf gewählt" hat, wenn man Pflegefachperson werden will - aber nicht, wenn man Arzt werden will! Das sind zwei unterschiedliche Berufe! Das einzige, was ein Pflegepraktikum vielleicht zeigt, ist ob einen der direkte Kontakt mit Patienten liegt und ob man keine Scheu davor hat, kranke Menschen anzufassen, mit Körperflüssigkeiten in Berührung zu kommen, etc. Dafür reicht aber das bereits existierende Häfelipraktikum. Ausserdem wollen nicht alle Medizinstudierenden später als Arzt tätig sein, es gibt auch noch andere Arbeitsmöglichkeiten

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  • Ruth am 18.06.2017 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ist das Journalimus?

    Der 1. Satz zeugt von völliger Unfähigkeit des Schreibers. Es gibt eine festgelegte Anzahl von Studienplätzen und diese werden an diejenigen vergeben, die die besten Resultate im Test erzielen. Es gibt keinen Test zu bestehen, sondern man muss besser sein als die Anderen! Es ist unser Parlament, das wenige Medizinstudenten wünscht, um Kosten zu sparen. In den letzten Jahren wurden die Kontingente suksessiv erhöht, aber immer noch ist der Bedarf viel höher als die Unis Ärzte "produzieren".