Geheimnisträger?

02. November 2016 09:59; Akt: 02.11.2016 10:33 Print

Einfache Google-Suche enttarnt NDB-Cyber-Chef

In den Medien tritt der Cyber-Chef des Nachrichtendienstes anonym auf – dafür outet er sich auf dem Karriereportal Linkedin. Aufgedeckt hat das ausgerechnet der IZRS.

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Der Mann, der beim Nachrichtendienst des Bundes (NDB) für die Cyber-Abwehr verantwortlich ist, gab dem «Tages-Anzeiger» kürzlich ein lesenswertes Interview – unter der Bedingung vollständiger Anonymität. Darin erklärt er die Aufgaben seiner Abteilung, wie er Hacker rekrutiert und warum seine Mitarbeiter ihren Arbeitgeber in aller Regel gegenüber Dritten nicht nennen. «Sie könnten ein Ziel für ausländische Nachrichtendienste werden, wenn bekannt wird, für wen sie gearbeitet haben.»

Im Falle des anonymen Cyber-Chefs selbst reicht allerdings eine simple Google-Suche mit naheliegenden Stichworten, um seine Identität ausfindig zu machen. Aufgedeckt hat dies ausgerechnet Qaasim Illi, Sprecher des umstrittenen Islamischen Zentralrats der Schweiz. In einem Facebook-Post schrieb er süffisant, die Geheimniskrämerei sei «lächerlich».

«Man erleichtert ausländischen Spionen die Arbeit»

Tatsächlich tauchen Name und Funktion des NDB-Mannes im Programm einer Tagung über Cyber-Risiken in der Schweiz auf. Veröffentlicht hat das Dokument der Bund selbst. Und auf dem Karriereportal Linkedin erfährt man, wo er studiert hat, seit wann er beim NDB arbeitet oder was seine Hobbys sind (Polo, Philosophie und Filme). Er folgt Gruppen wie «Russian Cybercrime, Hacking and Information Warfare» und selbst ein Foto fehlt nicht.

Besorgt reagiert der Ex-Geheimdienstchef Peter Regli: «Zu meiner Zeit waren die Spielregeln anders – zum Schutz der Mitarbeiter. Denn ausländische Geheimdienste suchen nach persönlichen Schwächen von Mitarbeitern, um sie zu erpressen und Informationen zu erlangen.» Wenn Namen und Lebenslauf von Schlüsselpersonen in der Struktur des Nachrichtendienstes öffentlich sind, erleichtere dies Spionen die Arbeit. Namentlich ein Cyber-Angriff auf kritische Infrastrukturen, zum Beispiel auf die Stromversorgung, könnte auf diese Weise vorbereitet werden.

Regli findet es zwar richtig, dass die Öffentlichkeit über Bedrohungen durch Cyber-Attacken informiert wird. Dem Cyber-Chef würde er gleichwohl zu mehr Diskretion raten: «Er hätte sich vom Karriereportal abmelden sollen.»

Bundesrat soll sich mit dem Thema befassen

Auch Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli spricht von einem «mangelnden Risikobewusstsein»: «Es ist peinlich, ein anonymes Interview zu geben, aber ein öffentliches Profil zu führen.» Man müsse sich fragen, ob der NDB einen Nachhilfekurs im Googeln brauche.

Wie Regli sieht auch Glättli bei den Mitarbeitern einen Angriffsvektor für Kriminelle und ausländische Geheimdienste. Er wird deshalb vom Bundesrat Auskunft darüber verlangen, ob die Social-Media-Aktivitäten der NDB-Mitarbeiter in der Sicherheitsüberprüfung thematisiert werden. «Es stellt sich die Frage, ob die Empfehlung an Mitarbeiter, den NDB nicht als Arbeitgeber zu nennen, nicht zur bindenden Vorschrift werden müsste.»

Keine geheime Funktion

Der Nachrichtendienst des Bundes bestätigt, dass es lediglich eine Empfehlung gibt, den Arbeitgeber gegenüber Dritten nicht zu nennen. «Alle Mitarbeitenden durchlaufen aber mehrere Sicherheitsschulungen und sind dementsprechend sensibilisiert», sagt Sprecherin Carolina Bohren.

Beim Chef Cyber handle es sich nicht «grundsätzlich um eine geheime Funktion des NDB, sondern um einen Bereichsleiter mit Aussenkontakten». Entsprechend könne es «im Einzelfall vorkommen, dass ein manchmal zutreffender Rückschluss auf die Person gemacht wird», sagt Bohren. Zudem seien heute auch direkte und internationale Kontakte für eine erfolgreiche Arbeit des Nachrichtendienst zunehmend wichtig. «Die äusserst aufwendige wasserdichte Verschleierung der Identität wird demgegenüber auf die wirklich geheimen Funktionen konzentriert.» Dieser risikobasierte Ansatz gelte auch für den Cyber-Bereich.

Beim «landesweit gestreuten» Interview mit dem «Tages-Anzeiger» habe man auf Anonymität bestanden, um eine «minimale Vertraulichkeit zu gewährleisten». Auf Wunsch des NDB verzichtet auch 20 Minuten darauf, den Namen zu nennen.

(daw/jbu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • BSN am 02.11.2016 10:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unfähig

    Damit hat dieser hohe Beamte klar bewiesen, dass er die notwendigen Kenntnisse für seinen verantwortungsvollen Job nicht besitzt. Da gibt es nur eine einzige und logische Konsequenz! Verbleibt er aber weiterhin im Amt zeigt dies eine gefährliche Vetterliwirtschaft auf. Somit: heute Abend schon freigestellt, alles andere wäre Verhöhnung von uns Steuerzahlern.

  • Troll am 02.11.2016 10:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur peinlich

    Und solchen Leuten hat das Volk noch mehr Rechte gegeben. Ein Nachrichtendienst mit diesen "Referenzen" ist eigentlich komplett überflüssig. Wenn sie mit ihren eigenen Daten so umgehen, wie mit denen der Bevölkerung?

  • D-man am 02.11.2016 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lach mich tot

    DAS ist unser "Geheimdienst"? Echt jetzt??

Die neusten Leser-Kommentare

  • SSIO AON am 02.11.2016 12:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    vor dem gesetzt Gleicher

    Webcams abzapfen wie mann grad lustig ist; gesegnet vom Bund. Aber weeehe der feine Herr oberchef wird mit Namen und Bild gezeigt. Kaputte Welt mitlerweile, lasst ir euch den alle gerne verarschen?

  • BobOfOz am 02.11.2016 12:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich lach mich weg

    Derwär besser im Tourismus beschäftigt. Oder hat er die Schule geschwänzt, als das Wort "geheim" dram war? Weg mit ihm und einem fähigem an seinen Platz. Na eigentlich ist es ja heulen, dass solche Leute in hohe Positionen gelangen können

  • ChickenPie am 02.11.2016 11:59 Report Diesen Beitrag melden

    Guetnacht am 6i

    Schön, haben wir solchen Leuten vor kurzem erst noch einige Kompetenzen mehr gegeben... Hoffentliche gibt es nicht noch mehr von dieser Sorte in unserem "Fast Geheimdienst".

  • MeU am 02.11.2016 11:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sehr intelligent

    yeah, Clinton's email-affäre, cyber-chef's entlarfung: müssen ungemein intelligente leute sein, in so einfache fallen zu tappen!

  • thurgauer am 02.11.2016 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    Topshots halt ...

    Wenn ich hier lese was für Topshots für unsere Sicherheit sorgen sollten denke ich dass ich besser dran bin wenn ich das selbst in die Hand nehme. Amateure hoch 25 - aber dafür wurde ja das NDG angenommen ...