Aus Verzweiflung

18. Juni 2019 04:44; Akt: 18.06.2019 16:31 Print

Eltern bringen Problem-Schüler in Psychiatrie

von P. Michel/ B. Zanni - In der Schule sind sie untragbar, zu Hause terrorisieren sie die Eltern: Problemschüler landen deshalb in der Psychiatrie. Doch die ist nicht zuständig.

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Vier Wochen vor den Schulferien eskaliert nun die Situation mit den Schülern, die in der Regelschule nicht mehr tragbar sind. «Immer mehr Eltern wissen nicht mehr weiter und bringen ihre verhaltensauffälligen Kinder zu uns», sagt Fana Asefaw, Leiterin des Ambulatoriums an der der Kinder- und Jugendpsychiatrie Clienia in Winterthur. Dabei handle es sich um Schüler, die bei all den integrativen Bemühungen der Schule den Rahmen gesprengt hätten. «Sie finden nicht zeitnah die passende Anschlusslösung wie Einzellektion oder Sonderschulstatus.» Laut einer Lehrerbefragung der Pädagogischen Hochschule Zürich sind in Winterthur und Zürich 20 Prozent der Schüler verhaltensauffällig. Das Phänomen betrifft die ganze Schweiz: «Wir haben sehr viele verhaltensauffällige Schüler», erklärte jüngst Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbandes, die grosse Zahl der geleisteten Überstunden durch Pädagogen. Verhaltensauffällige Schüler beleidigen und provozieren Mitschüler, beschädigen nach Wutausbrüchen das Mobiliar oder ignorieren die Weisungen der Lehrer so lange, bis diese es nicht mehr aushalten. «Auf die Sommerferien hin sind Plätze für verhaltensauffällige Schüler meist schwierig zu finden», sagt Bigna Bernet, Co-Präsidentin der Vereinigten Schulpsychologinnen und Schulpsychologen des Kantons Zürich. Um verhaltensauffällige Schüler integrieren zu können, seien genügend personelle Ressourcen und eine hohe Flexibilität nötig, sagt Bernet. «Diese Kapazitäten fehlen den Schulen zum Teil, vor allem, bis sonderschulische Massnahmen überhaupt aufgegleist werden können», sagt Bernet. Dieser Prozess benötige Zeit, denn Verhaltensauffälligkeiten führten nicht grundsätzlich zu sonderschulischen Massnahmen und müssten begründet sein. Nadja Pieren, SVP-Bildungspolitikerin im Nationalrat und Leiterin einer Kita, kritisiert das inklusive Schulsystem. «Es ist schwierig, wenn man jedes Kind auf Biegen und Brechen in eine Regelklasse integrieren will», sagt Pieren.

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Sie beleidigen und provozieren Mitschüler, beschädigen nach Wutausbrüchen das Mobiliar oder ignorieren die Weisungen der Lehrer so lange, bis diese es nicht mehr aushalten: Laut einer Lehrerbefragung der Pädagogischen Hochschule Zürich sind in Winterthur und Zürich 20 Prozent der Schüler verhaltensauffällig. Das Phänomen betrifft die ganze Schweiz: «Wir haben sehr viele verhaltensauffällige Schüler», erklärte jüngst Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbandes, die grosse Zahl der geleisteten Überstunden durch Pädagogen.

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Sollen Kleinklassen wieder eingeführt werden?

Vier Wochen vor den Schulferien ist in Winterthur die Situation mit jenen Schülern, die in der Regelschule nicht mehr tragbar sind, eskaliert. «Immer mehr Eltern wissen nicht mehr weiter und bringen ihre verhaltensauffälligen Kinder zu uns», sagt Fana Asefaw, Leiterin des Ambulatoriums an der Kinder- und Jugendpsychiatrie Clienia in Winterthur.

Es fehlen Sonderschulplätze

Dabei handle es sich um Schüler, die bei all den integrativen Bemühungen der Schule den Rahmen gesprengt hätten. «Sie finden nicht zeitnah die passende Anschlusslösung wie Einzellektion oder Sonderschulstatus.» (siehe Box)

«Viele sind zu Hause ohne Tagesstruktur oder sind krankgeschrieben. Die Eltern fühlen sich alleingelassen, und nachdem die Situation zuerst in der Schule eskaliert ist, kommen auch zu Hause Eltern an ihre Grenzen bis hin zum Burn-out», sagt Asefaw. Sie nennt einen Fall, in dem die Eltern das Kind aus der Schule holen mussten, weil es vor dem Schulunterricht dauernd erbrach und schrie.

Situation eskaliert vor den Sommerferien

Dass sich das Problem vor den Ferien zuspitze, liege daran, dass viele Problemschüler für das nächste Schuljahr einen Sonderschulplatz finden müssten. «Das sorgt für noch mehr Stress und lässt die Situation in den Familien explodieren.»

Ebenfalls hinein spielt die Umsetzung der sogenannten Inklusion: Auch verhaltensauffällige Schüler sollen ihren Platz in der Regelschule erhalten. Kleinklassen wurden deshalb vor acht Jahren abgeschafft, was wiederum die Zahl der verhaltensauffälligen Schüler in den Regelklassen erhöhte.

Ist die Integration von Verhaltensauffälligen möglich?

Nadja Pieren, SVP-Bildungspolitikerin im Nationalrat und Leiterin einer Kita, kritisiert das inklusive Schulsystem. «Es ist schwierig, wenn man jedes Kind auf Biegen und Brechen in eine Regelklasse integrieren will», sagt Pieren. Die abgeschafften Kleinklassen hingegen hätten solche Eskalationen zum Teil vermeiden können. «In diesen Klassen erhielten Kinder mit Lernschwierigkeiten und disziplinarischen Problemen eine individuelle Betreuung und schafften es am Ende oft sogar in die Regelklasse.»

Leider könne sie den verzweifelten Eltern nicht immer helfen, erklärt Klinikleiterin Asefaw. «Das ist sehr frustrierend.» Zuständig seien nämlich die schulpsychologischen Dienste. Es handle sich um ein gesellschaftliches Problem, das alle zusammen angehen müssten, findet Asefaw. «Wir müssen uns fragen, warum so viele Kinder mit dem Schulsystem nicht mehr klarkommen.» Denkbar sei etwa eine «Schulambulanz», die Probleme frühzeitig erkennt. «Heute bekommen auffällige Kinder erst viel zu spät Hilfe.»

Schulen fordern mehr Personal

Bei den schulpsychologischen Diensten ist das Problem bekannt. «Auf die Sommerferien hin sind Plätze für verhaltensauffällige Schüler meist schwierig zu finden», sagt Bigna Bernet, Co-Präsidentin der Vereinigten Schulpsychologinnen und Schulpsychologen des Kantons Zürich. Grund dafür sei, dass Aufnahmen in Sonderschulen in aller Regel auf Beginn eines Schuljahres erfolgen und die Klassen dementsprechend voll seien vor den Sommerferien.

«Die Lehrpersonen der öffentlichen Schulen haben häufig knappe Ressourcen zur Verfügung.» Um verhaltensauffällige Schüler integrieren zu können, seien genügend personelle Ressourcen und eine hohe Flexibilität nötig. «Diese Kapazitäten fehlen den Schulen zum Teil, vor allem, bis sonderschulische Massnahmen überhaupt aufgegleist werden können.» Dieser Prozess benötige Zeit, denn Verhaltensauffälligkeiten führten nicht grundsätzlich zu sonderschulischen Massnahmen und müssten begründet sein.

«Inklusion ist nicht gescheitert»

Laut Bernet braucht es genügend Plätze für Sonderschüler, was nicht immer und überall zum benötigten Zeitpunkt der Fall sei. Dies bedeute aber nicht, dass die Inklusion gescheitert sei. «Es gibt wunderschöne Beispiele, bei denen verhaltensauffällige Schüler bestens integriert werden können. Gleichzeitig gestaltet sich die Inklusion in manchen Schulen aber auch schwierig.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • malewin am 18.06.2019 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erziehung

    Wenn wir diejenigen von den 20% abziehen, wo die Eltern Ihre Zeit besser in die Erziehung, mit Autorität und weniger Statussymbolen, investiert hätten, wäre bestimmt genügend Kapazität vorhanden die wirklich ein Problem haben. Das tragische ist jedoch, dass genau für diese immer Lösungen gesucht werden und die Anderen auf der Strecke bleiben. Erziehung ist primär Sache der Eltern. Uns wurde immer vorgeworfen wir seien zu Streng. Aber ohne Regeln, Konsequenzen, Zeit und Liebe für die Kinder ist genau dies das Ergebnis.

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  • CaptainLonestarr am 18.06.2019 05:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Inklusion ist nicht gescheitert

    Aber sie fordert unter Lehrpersonen und Mitschüler immer mehr Opfer. Solche Schüler können ganze Klassen an den Rand des Wahnsinns bringen. Das Vermitteln des Schulstoffes und lernen werden praktisch unmöglich. Finanziell ist es auch sehr teuer in allen Lektionen Zusatzpersonal zu beschäftigen. Ind das alles weil zuhause nicht mehr erzogen wird

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  • Vater von 2 Schuhlkinder am 18.06.2019 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenzen

    Guten morgen zusammen In meinen Augen liegt es nicht am Schulsystem, es fängt zu Hause an. Jedes Kind sucht seine Grenzen. Meine Kinder wissen genau wo die sind und damit sollte schon im Babyalter begonnen werden. Erziehung beginnt nicht erst mit dem Schuleintritt. Ich habe kein verbarmen mit den Eltern die ihre Kinder nicht im Griff haben. Freiheiten geben aber die Kinder müssen wissen bis wohin, ansonsten einschränkt. Pasta! Habe fertig!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • DMK am 18.06.2019 14:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weniger wollen aber das dann richtig

    Wenn ich mir die heutigen Eltern anschaue wundert es mich nicht dass deren Kinder verhaltensauffällig sind. Da kommt mehreres zusammen. Die Eltern wollen oft viel zu viel. Beide wollen Karriere machen, das viel zu teure Haus im Grünen finanzieren, selbstverständlich auch eine Familie und ein Haustier dazu. Und dann muss man natürlich auch ständig in den sozialen Medien präsent sein und auf heile Welt machen. Dabei geht vergessen, der Tag hat 24 Std, keine Sekunde mehr und Kinder brauchen von allen Jobs am meisten Zeit. Das haben sie verdient!

  • Schiebt die Kinder am 18.06.2019 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    weiterhin ab.

    Gebt weiterhin die Kinder in die Kitas, dort dürfen die Angestellten ja nicht zu streng sein, sonst kommen die Eltern gleich mit Anwalt vorbei. Ein Elternteil soll sich um die gewollten Kinder kümmern. Für das gibt es eigentlich Kindergeld. Einschränkungen müssen gemacht werden, ganz klar. Das sollte man vorher wissen. Die Zeit bis die Kinder in die 1te Klasse gehen ist die wichtigste in der Erziehung von den Eltern. Kinder = Zeitaufwand seitens der Eltern.

  • Oma am 18.06.2019 14:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bedauernswerte Kinder

    Karriere, Fremdplatzieren, Nanys u.v. m stehen im Vordergrund, werden gefördert und gefordert, auf der Strecke bleiben die emotional vernachlässigten Kinder, abgeschoben an Institutionen und fremde Menschen. Auffällige Kinder wird es immer mehr geben, weil all die karriergeilen Eltern ihre Kinder gar nicht mehr kennen. Traurige Wohlstandsweisen.

  • Pit am 18.06.2019 13:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sonderklassen und kleinere Klassen

    Eben doch ist die Inklusion gescheitert, für wieder Sonderklassen für Problemschüler und kleinere Klassen für eine bessere Betreung ein. Und bitte nicht so viele Unterschiedliche Lehrer für eine Klasse, die Kinder, Schüler brauchen eine Bezugsperson und nicht 8...

  • Alice Maria Zbinden am 18.06.2019 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Lösungsorientiert

    Den Eltern oder den Lehrern die Schuld zu schieben ist einfach, löst aber das Problem der Kinder nicht. Dies ist vielfältig und oft mit den gestörten Sinneswahrnehmungsorganen verbunden. Störungen kommen von nicht altersgemässen Aufgaben, Schlafstörungen, fehlenden taktilen oder haptischen Erlebnissen. Seit 2004 bieten wir im Kanton Bern eine Lösung an: KerbHolz28. Wir sind während 12 Wochen mit den Kindern und Jugendlichen in der Natur und sie lernen sich wieder einmitten. Der Erfolg spricht für uns.