Homosexualität

10. Januar 2016 09:17; Akt: 10.01.2016 09:17 Print

Eltern ignorieren Coming-out der Kinder absichtlich

von B. Zanni - Laut einer neuen deutschen Studie werden zahlreiche homosexuelle Jugendliche in der Familie diskriminiert. Schwulenvertreter sehen den Grund in alten Klischees.

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Outen sich Jugendliche als homosexuell, reden sie bei ihren Eltern manchmal an eine Wand. (Bild: Ruslan Grigoriev)

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«Papa, ich bin schwul» oder «Mama, ich bin lesbisch» – solche Aussagen stossen bei einigen Eltern auf taube Ohren. Das Deutsche Jugendinstitut hat eine grosse Studie über das Aufwachsen von lesbischen und schwulen Jugendlichen durchgeführt. Laut der Studie unter dem Titel «Coming-out – und dann …?» hat fast jeder zweite Jugendliche in der engeren Familie wegen der sexuellen Identität Diskriminierung erfahren. Fast 64 Prozent geben an, in ihrer sexuellen Orientierung von Eltern und Geschwistern nicht ernst genommen worden zu sein. Und sogar 47 Prozent sagen, die Familie habe diese absichtlich ignoriert.

Auch in der Schweiz kämpfen homosexuelle Jugendliche mit Eltern, die ihr Coming-out übergehen. «Die Jugendlichen bekommen dann Sätze zu hören wie: ‹Das ist nur eine Phase. Warte doch zuerst das Ende der Pubertät ab›», sagt Patrick Weber, Leiter der Beratungsplattform «Du bist du», die sich unter anderem an homosexuelle Jugendliche richtet. Bastian Baumann, Geschäftsleiter des Schwulendachverbands Pink Cross, stellt fest: «Viele Eltern verschliessen die Augen, weil sie falsche Ängste haben.» Schuld seien veraltete Klischees. «Dass Schwule mit Federboas herumlaufen und Lesben nur Kurzhaarfrisuren tragen, ist nicht die Realität.» Eveline Männel, Elternberaterin bei Pro Juventute, begründet das Ignorieren wie folgt: «In der öffentlichen Diskussion ist der Gedanke der Homosexualität als angeborene Neigung noch relativ jung.»

Selbstzweifel und Suizidversuche

Die Betroffenen leiden laut Experten stark. «Möglich sind Selbstzweifel, Ausgrenzungsgefühle und dass sich die Jugendlichen als Belastung für die Familie sehen», sagt Patrick Weber. Schlimmstenfalls komme es zu Depressionen oder Suizidversuchen.

Einige Betroffene wollen ihre Neigung verdrängen. «Sie versuchen sich das Leben eines Heterosexuellen vorzumachen», sagt Weber. Manche gingen eine Beziehung mit einem heterosexuellen Partner ein. Andere entwickelten eine Homophobie.

Kinder brechen Kontakt ab

Eltern, die tun, als wäre nichts gewesen, können sogar Familien zerstören. Fritz Lehre, Präsident des Vereins Fels (Freundinnen, Freunde, Eltern von Lesben und Schwulen), hat schon oft Homosexuelle erlebt, die den Kontakt zu den Eltern abbrachen: «Die Eltern wollten partout nicht über ihre Homosexualität reden.» Baumann berichtet sogar von 16-Jährigen, die auf der Strasse stehen, weil sie aus dem Haus gekickt wurden.

Die Experten zeigen für das Abblocken aber auch Verständnis. «Für viele Eltern ist das Coming-out ein Schock», sagt Weber. Auch Fritz Lehre zweifelt an einer absichtlichen Ignoranz. «Die Eltern denken noch falsch und sind dann gar nicht in der Lage, anders zu reagieren.» Eveline Männel ortet Schuldgefühle. «Die Eltern glauben, dass in der Erziehung etwas schieflief oder sie die Kinder in den falschen Kreisen verkehren liessen.»

Eltern sollen Klischees vergessen

Weber empfiehlt, sturen Eltern zum Beispiel Aufklärungsmaterial auf den Tisch zu legen. Hilfreich beim Coming-out sei auch, wenn die Kinder auf den Rückhalt von Verwandten zählen könnten. Männel hält für wichtig, dass die Eltern die Persönlichkeit des Kindes als Ganzes betrachten. «Sodass sie es nicht auf die körperliche Sexualität reduzieren.»

Nicht in allen Fällen bleibt es beim Ignorieren. Fast 17 Prozent der Befragten sagten, sie seien beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht worden. Vier Prozent wurde in der Familie Gewalt angedroht und fast drei Prozent erlebten sogar körperliche Attacken.

Sind Sie homosexuell und hat Ihre Familie nach dem Coming-out Ihre sexuelle Orientierung einfach ignoriert? Dann schreiben Sie uns an: feedback@20minuten.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mensch am 10.01.2016 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Liebe kennt kein ICH und DU, kein männlich und weiblich. Für meine Töchter und Söhne wünsche ich mir, dass sie eine respektvolle Beziehung finden dürfen, egal zu welchem Geschlecht.

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  • Daniela am 10.01.2016 10:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja zu Homosexualität

    Meine zwei Jungs müssen sich nicht fürchten. Ich werde, wenn es so sein wird, die Partner mit Freude in die Armen schliessen. Ich will, dass es meinen Jungs gut geht und dass sie glücklich sind.

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  • ich am 10.01.2016 09:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jaja

    das war bei mir anders. mein coming-out, wurde nach erstaunen und etwas überrumpelung. Gut angenommen. lebe mit meinem Freund zusammen. die allgemeine Toleranz in der Nachbarschaft hat mich auch sehr erfreut. wobei sowieso jeder für sich sein Leben leben sollte.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Seelsorger am 11.01.2016 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wollen wir gleichgültig sein

    Dieses Thema scheint heute der tiefste gemeinsame Nenner einer untergehenden Zivilisation zu sein. Anstatt den betroffenen Familien zu helfen verkündigen wir die frohe Botschaft, dass alles gleich gültig ist und zeigen damit unsere Gleichgültigkeit. In der Realität spielt es aber eine grosse Rolle welchen Lebensstil wir führen. Alles was am Ziel vorbei führt verletzt immer Menschen, seien es die Eltern, Kinder oder einem selbst. Echte Psychologen sollten gescheiter den Betroffenen helfen als sie gleichgültig anzulügen bezüglich der verdrehten Sexualität und Liebesansicht.

    • Illumination am 11.01.2016 13:27 Report Diesen Beitrag melden

      @Seelsorger

      Meiner Meinung nach gibt es keine "verdrehte Sexualität und Liebesansicht", nur Formen und Varianten der menschlichen Sexualität, bei denen niemand das Recht hat zu entscheiden, was "normal und abnormal" ist - was "richtig und falsch" ist - solange alles im gegenseitigen Einverständnis, freiwillig, im Vollbesitz der geistigen Kräfte und im Rahmen der geltenden Rechtsordnung abläuft... ;-)

    • Frau Bergmann am 11.01.2016 13:30 Report Diesen Beitrag melden

      Die Seel(ent)sorger gehören abgeschafft

      Sie sind mir mal ein lieber (selbstverliebter) Seelsorger. Sie haben den völlig falschen Beruf. Liebe deine Nächsten wie dich selbst. Bitte befolgen sie nur das. Meine Tochter geht mit einer Frau ins Bett finde das schön, sie muss das selber wissen. Mir ist das egal solange die beiden glücklich lieben ist das Ok. Liebe Respekt und Achtung voreinander ob mann mit mann oder Frau mit mann oder Frau frau wo ist den um himmelswillen das Problem.

    • hömö am 11.01.2016 13:57 Report Diesen Beitrag melden

      @seelsorger

      ich stehe hinter Ihnen "Seelsorger"! Leider lebt man in der heutigen Zeit gerne wie Sodom und Comorra, das Ende ist nahe...

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  • Glücklich am 11.01.2016 05:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egal Hauptsache

    Es gibt ein Gedicht in dem es heisst " Bitte habt mich trotzdem lieb" und das finde ich sehr angebracht. Ich selber bin Mutter von 2 Söhne und habe mit meinem Mann schon früh darüber diskutiert das Wir unsere Jungs egal wie sie sich entscheiden unterstützen werden. An alle die schon früh merken das sie sich zu Gleichgesinnten entscheiden möchte ich sage das sie sich früh outen solltet dann können sie auch glücklicher werden als zu lange mit einem Geheimnis zu leben. Jeder hat das Recht so zu leben und glücklich zu sein wie er will. Meine Jungs haben beide Freundinnen.

  • Mami vo 3 am 11.01.2016 01:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egal

    Mir wärs egal. Ich liebe meine Kinder und hoffe nur, dass sie glücklich werden. Egal ob mit Mann oder Frau an ihrer Seite. Liebe ist Liebe.

  • D. & M. Bachmann am 10.01.2016 22:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    WIR SIND MITBETROFFENE ELTERN

    Als unsere älteste Tochter um die 14 war, haben wir schon bemerkt, dass da "etwas" ist. Sie hat dann ganz offen mit uns gesprochen und uns erklärt, dass sie sich zu ihrem Geschlecht hingezogen fühlt. Selbstverständlich sind wir ihr stets liebevoll beigestanden und auch die vier jüngeren Schwestern waren immer an der Seite von Jessica! Nun hat uns Jessica zu einer sehr netten Schwiegertochter "verholfen", die wir auch sehr gern haben und die uns umso mehr schätzt, als ihre Eltern für ihr "Anderssein" überhaupt kein Verständnis haben und deshalb kaum mehr Kontakt zu ihr suchen!

    • Herr Knecht am 11.01.2016 13:33 Report Diesen Beitrag melden

      Schön zu lesen, das ist Nächstenliebe

      Das ist Liebe! Zuneigung, Anstand, Respekt. Hoffe es gibt noch mehr Ehepaare/Eltern wie sie.

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  • Papa am 10.01.2016 21:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lösungen statt ignorieren

    Ich finde jedes coming out tragisch und traurig. Manchmal sind es Menschen die wirklich fehlgeleitete Triebe haben. Wie man ihnen helfen kann ist für mich die Hauptfrage. Dem Zeitgeist zu frönen und so zu tun als wäre die Welt in Ordnung kann ich nicht, denn das ist sie nicht. Andererseits will man auch niemanden verletzen. Darüber sprechen kann man aber nicht mehr, da die Toleranz nur in eine Richtung geht. Schade.

    • Benkay am 10.01.2016 21:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Papa

      Führ doch kurz aus, was denn genau so verkehrt daran ist papa. Würd mich echt interessieren.

    • hundo am 11.01.2016 13:03 Report Diesen Beitrag melden

      für mich

      für mich ist nur normal, wenn aus einer Liebe (theoretisch) eine Lebewesen entstehen kann. Das andere ist eine Laune der Natur (nicht böse gemeint) und für mich nicht ok. aber ich akzeptiere es.

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