Schulreform

23. Mai 2019 04:48; Akt: 23.05.2019 08:03 Print

Eltern sollen Schule für ihr Kind auswählen dürfen

Oft sind Eltern mit dem Schulweg und der Schule ihrer Kinder unzufrieden. Die Elternlobby kämpft darum für die freie Schulwahl.

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Obwohl Fabio* (6) direkt neben einem Primarschulhaus in Muttenz BL wohnt, soll er eine rund einen Kilometer entfernte Schule besuchen. Sein Vater legte gegen die Einteilung Rekurs ein. (*Name geändert) Solche Fälle sind der Elternlobby Schweiz bestens bekannt. Sie könnten einfach verhindert werden, sagt Vorstandsmitglied Erwin Ogg: Mit der freien Schulwahl könnten Eltern von Anfang an bestimmen, in welche Schule sie ihre Kinder schicken wollen – und auch der Schulweg wäre abschätzbar. In elf Kantonen sammelt die Elternlobby derzeit Unterschriften für die freie Schulwahl. Grund: Viele Kinder könnten heute in der staatlichen Schule ihr Potenzial zu wenig entfalten. Die einzige Alternativen seien teure Privatschulen, die sich nur wenige leisten können. Zudem hätten Eltern heute kaum Mitspracherecht: «Wird ein Kind gemobbt oder es hat zur Lehrperson kein gutes Verhältnis, ist eine Versetzung in eine andere staatliche Schule kaum möglich», so Ogg. Auch deshalb sei die freie Schulwahl nötig. Für Lehrerverbands-Präsident Beat W. Zemp ist die freie Schulwahl keine Option. Das Bildungswesen würde so massiv teurer: Beliebte Schulen müssten ihre Infrastruktur ausbauen, andere würden zu Restschulen verkommen. Zudem bestünde laut Zemp die Gefahr einer «Zweiklassengesellschaft». Die wichtige soziale Durchmischung in den Klassen fiele weg. Schüler aus gutbetuchten Familien kämen viel eher ins selbe Schulhaus. «Dass aber Kinder aus allen Schichten zusammenkommen und so voneinander lernen, ist gerade eine grosse Stärke der staatlichen Schulen», so Zemp. Als Faustregel für die Länge des Schulwegs gilt: Für Primarschüler ist ein 1,7 Kilometer langer Schulweg mit geringer Steigung, der in 30 Minuten bewältigt werden kann, zumutbar. Im Einzelfall kann es aber Unterschiede geben. Bei der Beurteilung kommt es auf folgende Kriterien an: Wie alt und entwickelt ist der Schüler? Welche Distanz und Höhendifferenz hat der Schulweg? Wie gefährlich ist der Weg und wie oft legt ihn der Schüler täglich zurück?

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In Muttenz BL legte ein Vater Rekurs ein, weil sein Sohn (6) in ein Schulhaus kommt, das rund einen Kilometer entfernt liegt – obwohl er gleich neben einer Primarschule wohnt. Die Schulleitung begründet den Entscheid damit, dass es im näheren Schulhaus nicht genügend Platz habe und dass die Klassen gut durchmischt sein müssten.

Solche Fälle sind der Elternlobby Schweiz bestens bekannt. Sie könnten einfach verhindert werden, sagt Vorstandsmitglied Erwin Ogg: «Es braucht auf jeden Fall die freie Schulwahl.» So könnten Eltern von Anfang an bestimmen, in welche Schule sie ihre Kinder schicken wollen – und auch der Schulweg wäre abschätzbar.

«Einzige Alternative sind teure Privatschulen»

In elf Kantonen sammelt die Elternlobby derzeit Unterschriften für ihre Petition «Freie Bildungswahl für alle statt für wenige». Viele Kinder könnten heute in der staatlichen Schule ihr Potenzial zu wenig entfalten. Die einzige Alternativen seien Privatschulen. «Diese sind aber sehr teuer und nur für die wenigsten Familien finanzierbar», sagt Ogg.

Zudem hätten Eltern heute kaum Mitspracherecht: «Wird ein Kind gemobbt oder es hat zur Lehrperson kein gutes Verhältnis, ist eine Versetzung in eine andere staatliche Schule kaum möglich», so Ogg. Aus all diesen Gründen sei die freie Schulwahl unter staatlichen Schulen nötig.

Für Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands, ist die freie Schulwahl keine Option. Die Folgen wären frappant: Das Bildungswesen würde damit massiv teurer. Beliebte Schulen müssten ihre Infrastruktur markant ausbauen, weniger beliebte würden zu Restschulen verkommen. «In Schweden gingen aufgrund der freien Schulwahl auch schon Schulen in Konkurs.»

«Folge wäre Zweiklassengesellschaft»

Zudem bestünde die Gefahr einer «Zweiklassengesellschaft im Bildungswesen», betont Zemp. Bei freier Schulwahl wäre es wahrscheinlicher, dass Schüler aus gutbetuchten Familien eher ins selbe Schulhaus kämen, während Schüler aus bildungsfernen Familien oder auch viele fremdsprachige Schüler ebenfalls eher am selben Ort unterrichtet würden. «Damit fiele die äusserst wichtige soziale Durchmischung in den Klassen weg», ergänzt Zemp (siehe Box).

Ogg von der Elternlobby widerspricht: «Die soziale Durchmischung einer Schule ist heute schon meist so wie jene der Wohnbevölkerung in ihrer Umgebung.» Schulen mit einem Ausländeranteil von über 70 Prozent seien in der Schweiz keine Seltenheit, daher sei das kein Argument gegen die freie Schulwahl.

(rol)