Vom Ego- zum Elternshooter

06. April 2014 21:32; Akt: 07.04.2014 11:41 Print

Eltern sollen selbst Killergames spielen

von Tanja Bircher - Die Nachfrage nach Videogame-Kursen für Eltern steigt. Dort lernen sie Zombies zu töten und Banken zu überfallen. Diese Welt ihrer Kinder kennenzulernen, ist laut Experten wichtig.

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Bei diesem Workshop lernen Eltern, wie man schiesst, rennt und Auto fährt – auf dem Computer. (Bild: zvg.)

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Ein schwer bewaffneter Mann rennt blutüberströmt auf ein Haus zu. Von allen Seiten nähern sich Zombies mit ausgestreckten Händen. Der Mann zieht ein Maschinengewehr und metzelt die Untoten nieder. Vor dem Computer und mit dem Joystick in der Hand sitzt kein 16-jähriger Junge, sondern eine 48-jährige Mutter. Sie lernt Killergames spielen. «Viele Eltern verstehen nicht, weshalb ihre Kinder solch brutale Spiele lieben», sagt Medienpädagoge Attila Gaspar. Sie hätten Angst, dass ihre Kinder dies nur aus der Lust am Töten machten. Weil viele überhaupt keine Erfahrung mit Computerspielen hätten, seien sie unfähig, dies richtig einzuschätzen.

Deshalb organisiert Gaspar, der den Verein Medien- und TheaterFalle in Basel führt, zusammen mit der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern im Kanton Basel ab dem 8. April mehrere Workshops mit dem Namen «Killerchats» zum Thema Computerspiele und Social Media. «In unserem Game-Workshop sollen Eltern selber zum virtuellen Gewehr greifen.» Aber nicht nur, die Spiele seien bewusst sehr unterschiedlich: So müssten sie bei «Grand Theft Auto V» beispielsweise einen Gangster spielen, bei «Call of Duty» ihre Feinde niederschiessen und bei «Mario Kart» Autorennen fahren.

«Nachfrage steigt und Kinder werden immer jünger»

Die Idee ist nicht neu. Bereits 2009 wurden in Österreich Workshops organisiert, an denen Eltern gamen lernen konnten. Seither finden in unseren Nachbarländern regelmässig solche Kurse statt. «Auch in der Schweiz hat das Angebot extrem zugenommen», so Gaspar. Er gehörte zu den ersten, der in der Schweiz im 2011 einen derartigen Workshop organisierte. «Die Nachfrage steigt enorm, vor allem auch Schulen fragen uns für Elternabende an.» Erstaunlich sei auch die rasante Verschiebung des Alters: Noch zu Beginn dieser Kurse seien die Kinder in der Oberstufe gewesen. «Jetzt sind sie im Primarschulalter, wir haben sogar eine Anfrage von einem Kindergarten bekommen», so Gaspar.

Doch was ist das Ziel dieser Kurse? «Wir wollen den Eltern den Reiz dieser Games näher bringen, sie sollen den Kick selbst erleben.» Natürlich sei es nicht die Idee, auch die Eltern spielsüchtig zu machen. «Viel eher geht es darum, Verständnis dafür zu schaffen, was ihre Kinder dermassen fasziniert, dass sie den Joystick während Stunden nicht aus den Fingern geben wollen.» Und zwar auf beiden Seiten: «Die Eltern sollen nach diesen Workshops aufgrund ihrer Erfahrung entscheiden können, wie lange und vor allem welche Games ihre Kinder spielen dürfen.» Die Kinder ihrerseits müssten die Wertvorstellungen und Entscheidungen ihrer Eltern respektieren – vor allem auch wenn ihnen ein Game zu brutal sei. «Dies fällt den Jungen einfacher, wenn sie merken, dass ihre Eltern ein bisschen Bescheid wissen, das heisst, selbst schon einmal so ein Game gespielt haben.»

Gemeinsames Zocken ist gut für die Gesundheit

Diese Aussage belegen verschiedenste Studien. Eine Untersuchung der Arizona State Universität besagt sogar, dass wenn Eltern zusammen mit ihren Kinder Videospiele spielen, dies einen positiven Einfluss auf die Entwicklung ihrer Söhne und Töchter hat. Auch im «Journal of Adolescent Health» schreiben Forscher, dass gemeinsames Zocken gut für die psychische Gesundheit der Kinder ist.

Laurent Sedano, Medienexperte von Pro Juventute sagt ebenfalls: «Eltern müssen Themen wie Onlinepräsenz, Facebook, Cyberrisiken oder Games aktiv in die Erziehung aufnehmen und diese mit ihren Jugendlichen besprechen.» Dazu müssten sie zunächst wissen, dass es diese Themen überhaupt gibt, und sich aktiv damit auseinandersetzen. «Eltern müssen nicht unbedingt selbst ‹Call of Duty›-Experten werden, aber wenn das Ausprobieren die Medienerziehung erleichtert, ist das positiv». Pro Juventute gibt auf der Webseite gametest.ch Empfehlungen ab, welche Spiele für Kinder geeignet sind. «Nur wenn Eltern sich mit Onlinethemen auseinandersetzen, begleiten sie ihre Kinder nicht nur ‹offline›, sondern nehmen an ihrem gesamten Aufwachsen teil», so Sedano.

«Killergame kann Anstoss für Gespräch sein»

Der amerikanische Forscher Sinem Siyahhan sagt: «Spiele können einen Grund für ein Gespräch werden statt für einen Konflikt». Dies will Gaspar via Workshop erreichen:«Ein Thema sind beispielsweise auch Geschlechterbilder, die den Kindern in den Games vermittelt werden.» In den allermeisten Games sei ein Mann der Protagonist: sehr männlich, sehr stark und sehr aggressiv. Frauen spielten Nebenrollen, vor allem Trophäen oder Opfer mit grossen Brüsten und Wespentaille. «Beide Geschlechter werden völlig übersexualisiert dargestellt.» Das sei grundsätzlich in Ordnung, weil es einen Teil des Reizes ausmache. Die Eltern könnten aber die Chance ergreifen und dieses Thema zum Gespräch machen. «Das Ziel ist, dass die Eltern realisieren, dass auch ein Killergame den Anstoss für eine positive und konstruktive Diskussion sein kann.»