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15. Juni 2019 02:57; Akt: 15.06.2019 15:05 Print

Über 500'000 machten beim Frauenstreik mit

Am Freitag stand die Schweiz still: Lila und laut nahmen Hunderttausende am Frauenstreik teil. Es war eine der grössten Demonstrationen in der Schweiz.

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Die grösste Demo der jüngeren Geschichte: Demonstration am Frauenstreik, hier in Zürich. Auch in Lausanne gingen Tausende auf die Strassen. Die Berner Innenstadt fest in der Hand der Demonstrantinnen. Streikende blockieren beim Zürcher Central den Verkehr. Auch die Rettungsfahrzeuge von Schutz und Rettung kommen nicht durch, wie die Stadtpolizei Zürich mitteilt. Die SP-Nationalraetinnen Nadine Masshardt, Yvonne Feri, Laurence Fehlmann Rielle, Priska Seiler Graf, Barbara Gysi, Mattea Meyer, und Jacqueline Badran, von links, während der Sommersession in Bern. Um 11 Uhr wurde die Sitzung für eine Viertelstunde unterbrochen. Auch Bundesrätin Viola Amherd trägt heute Violett. Auch Mitarbeiterinnen einer Kita in Winterthur legten am Freitag ihre Arbeit nieder. In Bern hängten maskierte Aktivistinnen am Morgen Plakate auf. Der Theaterplatz in Luzern ist voll besetzt. Zwei Frauen ziehen eine Klitoris-Skulptur über die Hardbrücke in Zürich. In St. Gallen haben sich ebenfalls zahlreiche Frauen zum Streik versammelt. In Sitten VS wollten die Frauen ins Rathaus. Die Polizei hinderte sie daran. Am Freitag dominiert in der Schweiz die Farbe Violett. (Bild aus Lausanne) Am frühen Freitagmorgen verbrannten Aktivistinnen BHs... ...und Schilder. Die Frauen versammelten sich um das Feuer. In Rumlingen BL wird zum Streik aufgerufen. Der Aufruf hängt am Viadukt. Die Gemeinde ist damit nicht allein. In der Nacht auf Freitag und am frühen Morgen sind in Lausanne Frauen auf die Strasse gegangen. (13. Juni 2019) Bereits am Donnerstagabend leuchtete der Roche-Turm in Basel im Zeichen des Frauenstreiks. Auch das Konzert Theater Bern ist bereit für den Frauenstreik. (13. Juni 2019) Erich Hess (SVP-BE) riss am 13. Juni 2019 vom Rednerpult des Berner Stadtparlaments ein Plakat, das zum Frauenstreik aufruft. Die SVP-Fraktion - die ausschliesslich aus Männern besteht - hatte im Vorfeld einstimmig beschlossen, das Plakat zu tolerieren. Doch Hess sah durch das Plakat die politische Neutralität des Parlaments verletzt und entfernte es. In der Stadt Zürich läuft zum Frauenstreik am 14. Juni 2019 einiges. Das bunte Programm beinhaltet unter anderem eine Klitoriswanderung oder auch «Menstruiern aufs Patriarchat». Eine mobile Klitoris wandert den ganzen Tag durch die Stadt. Abends können Streikende auch noch zur Vulvaschau. Was diese genau beinhaltet, wird nicht beschrieben. Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt: 18 Prozent der Frauen haben vor, am 14. Juni am Frauenstreik teilzunehmen. Im Bild: die Kundgebung für Lohngleichheit im September 2018. Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD sagt, der Streik elektrisiere die Basis: «Auch die Bäuerinnen oder die Aargauer Kirchenfrauen streiken. Das sind beileibe keine Linksextremen.» «Frauen haben weniger Geld, weniger Zeit und weniger Anerkennung für die Arbeit, die sie leisten», schreiben die Verantwortlichen des Frauenstreiks. Die gewichtete Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik bei 11'596 Personen zeigt nun, inwiefern sich Frauen in der Gesellschaft tatsächlich diskriminiert fühlen. 57 Prozent der Frauen fühlen sich diskriminiert, während 67 Prozent der Männer keine Benachteiligungen sehen. Für Helena Trachsel, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons Zürich, ist die Notwendigkeit des Streiks ungebrochen, obwohl eine Mehrheit von 53 Prozent keine Diskriminierung der Frauen sieht. «Wir haben Fortschritte gemacht. Aber dass jede Vierte offenbar respektlosen Umgang erlebt, ist weiterhin alarmierend.» Dass zudem die Lohnungleichheit als grösstes Problem gesehen wird, erstaunt Trachsel nicht: «Das ist seit 20 Jahren das Topthema. Es ist objektiv messbar und bewegt daher am meisten.» Doch wie ist es zu erklären, dass 67 Prozent der Männer finden, Chancengleichheit sei gegeben oder gar sie selbst seien diskriminiert? «Männer müssen ins Militär und haben keinen Vaterschaftsurlaub. Sie können sich auch diskriminiert fühlen», sagt Trachsel. Da aber die Rechte der Frauen eher debattiert würden, wehrten sich die Männer, indem sie Frauen die Solidarität entzögen, so Trachsels Interpretation. «Im Vergleich zur Generation meiner Mutter sind wir privilegiert», sagt Claudine Esseiva von den FDP-Frauen. In den letzten Jahren habe man viel erreicht. Die Zahlen zeigten aber, dass es noch Nachholbedarf gebe – auch wenn die Hälfte der Befragten Frauen als nicht benachteiligt ansieht.

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(sda)