Tag der guten Tat

20. Mai 2019 13:25; Akt: 20.05.2019 17:48 Print

Für den Tierschutz gab Esther alles auf

von Bettina Zanni - Die Tierschützerin Esther Geisser engagiert sich unermüdlich gegen das Katzenelend in der Schweiz. Dafür hat sie einige Opfer gebracht.

Im Tierheim Strubeli findet Netap-Präsidentin Esther Geisser immer ein Plätzchen für gerettete Katzen. (Video: S. Brazerol)
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Einmal mehr kommt Esther Geisser die Galle hoch. Zwei Millionen Katzen hat die australische Regierung zu töten begonnen. Damit will der Kontinent bis 2020 die streunenden Wildkatzen in den Griff bekommen. «Diese Ignoranz macht mich wütend. Obwohl es mit der Kastration längst eine nachhaltige und tiergerechte Methode gibt, wird getötet», regt sich die Tierschützerin in ihrem Büro in Esslingen ZH auf.

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Katze Sima, einst von ihr als 700 Gramm leichtes Häufchen Elend gerettet, kuschelt sich derweil in ein Bettchen auf Geissers Pult. Für einen kurzen Moment weicht der Zorn aus ihren Augen. «Für Sima ist das Leben ein Ponyhof. Sie bringt mich täglich zum Lachen», sagt Geisser.

«Bleiben dran, bis wir jede Katze eingefangen haben»

Aber auch die Schweiz steckt laut Geisser in einem tiefen Katzenelend. Seit Jahrzehnten – und seit 2008 als Präsidentin von Network for Animal Protection (Netap) – kämpft sie dagegen an. Mit vielen Volontären steht sie täglich im Einsatz gegen Tierleid und insbesondere das Katzenelend, in und ausserhalb der Schweiz (siehe Box). Auf Bauernhöfen, in Siedlungen und in Schrebergärten fangen sie unermüdlich unkastrierte herrenlose Katzen ein.

Dafür harren die Tierschützer manchmal tagelang an einem Ort aus. «Wir bleiben dran, bis wir jede Katze einer Kolonie eingefangen haben», sagt Geisser. Weit über 10'000 Katzen hat Netap in Form von Massenkastrationen schweizweit unfruchtbar machen können. International sind es über 110'000 Katzen und Hunde.

Jede Faser des Körpers schmerzt

Doch das Katzenelend ist noch lange nicht aus der Welt geschafft. «Es gibt Momente – insbesondere, wenn man im Stehen schlafen könnte und einen jede Faser des Körpers nur noch schmerzt –, da hat man echt Mühe, die Zuversicht und den Glauben an die Menschheit nicht gänzlich zu verlieren...» Diesen Satz postete Geisser, als sie kürzlich an ihre Grenzen kam. «Es gibt immer noch so viele uneinsichtige Leute, die ihre Katzen wegen des Jöö-Effekts junger Büsi oder aus purer Gleichgültigkeit nicht kastrieren», sagt Geisser dazu.

Nicht alle Katzenhalter schätzen das Engagement der Tierschützerin. «Natürlich werden wir auch mal bedroht, aber das hält uns nicht davon ab, weiterzukämpfen.» Viel Hoffnung gibt ihr die 2018 mit über 115'000 Unterschriften eingereichte Petition, die eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen fordert. «Gerade die Schweiz könnte mit einer Kastrationspflicht eine Vorbildfunktion einnehmen.»

Enttäuschend sei, dass sich bisher nur 58 Parlamentarier dafür ausgesprochen haben. «Von den anderen Politikern werde ich gar nicht angehört. Sie wollen vom Problem nichts wissen.» Wird die Politik nicht aktiv, schliesst Geisser eine Volksinitiative nicht aus. «Aufgeben werde ich bestimmt nicht, das liegt mir nicht», sagt sie bestimmt. Dann springt sie zum dritten Mal auf – Katze Sima hat soeben wieder versucht, sich auf Geissers Bürostuhl die Krallen zu wetzen.

Alles, was sie aufgab, ist für die Tiere

Karriere an den Nagel gehängt

Hat Geisser etwas aufgegeben, dann immer zugunsten der Tiere. Um neben dem Studium noch genügend Zeit für ihre ehrenamtlichen Tierschutzprojekte zu haben, entschied sie sich gegen ein Veterinärmedizinstudium. «Ich wäre gerne Tierärztin geworden, aber dieses Studium ist zeitintensiver als ein Jurastudium. Und Jus ist im Tierschutz ebenso wertvoll.»

Auch ihre Karriere als Personalchefin eines internationalen Finanzunternehmens hängte sie für die «schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft» an den Nagel. 2014 entschied sie, sich vollständig Netap zu widmen. «Ich tauschte meine High Heels gegen Gummistiefel und die Teppichetage gegen den Stall, inklusive Schwielen an den Händen und eingerissene Fingernägel», sagt sie lachend. Auch bei der Kinderfrage wollte sie sich auf keinen Deal einlassen: «Jemand hätte gelitten – entweder das Kind oder die Tiere.»

Arbeiten ohne Pause

Nun dreht sich ihr Leben sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr um den Tierschutz. «Das heisst aber auch, dort anzupacken, wo andere wegschauen.» Netap setze dort an, wo das Elend fast nicht zu ertragen sei. «Und dafür verwenden wir schliesslich auch die uns gespendeten Gelder vollumfänglich.»

Das Tierelend einmal zur Seite zu schieben, ist für Geisser schwierig. «Meine letzten richtigen Ferien hatte ich vor acht Jahren.» Ihre kurzen Aufenthalte im Tierrefugium von Netap in der Nähe von Oldenburg in Deutschland bezeichnet sie als Ferienersatz: «Auf dem Hof bin ich umgeben von Freunden und von geretteten Tieren – also von ausschliesslich positiver Energie», sagt die 50-Jährige, die eine jugendliche Frische ausstrahlt.

Brief an den Papst

Dass sie ihr Leben den Tieren verschreiben würde, zeichnete sich bereits in ihrer Kindheit ab. «Als ich mit fünf merkte, dass das Fleisch nicht an Bäumen wächst, ass ich kein Fleisch mehr», sagt die Veganerin. Mit sieben Jahren rettete sie beim Spielen auf einem Bauernhof ihr erstes Tier – ein Kätzchen. «Die Bäuerin sagte, dass dieses wie die anderen Kätzchen auch ertränkt werde, wenn der Bauer es sehe. Also nahm ich es mit.»

Später folgten Unterschriftensammlungen und Protestbriefe zum Beispiel gegen Tierversuche, Tiertransporte und brutale Pferderennen. «Mit zehn schrieb ich auch dem Papst und forderte, dass er sich doch bitte mehr für die Tiere einsetzen solle.»

Und viele Jahre später entdeckt man auf Geissers Facebook-Profil einen herzerwärmenden Post. Darin beschreibt sie, wie ein krebskranker Vater vier Wochen vor seinem Tod seine Tochter zu sich gerufen hat. «‹Tochter›, sagte er, ‹nie in meinem Leben ist mir ein Mensch begegnet, der mit einer solchen Überzeugung für etwas eingestanden ist wie du für die Tiere. Du musst mehr daraus machen. Es ist deine Bestimmung.›»

Sehen Sie im Video, wie eine Kastration abläuft:

Dieser Artikel ist im Rahmen des «Tag der guten Tat» entstanden. Mehr Infos dazu gibt es hier.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Budi am 20.05.2019 17:04 Report Diesen Beitrag melden

    Tierliebe

    Frau Geisser, Chapeau für Ihre mutige Tat. Solche Berichte berühren mich immer. Wir haben in der Schweiz so oder so Aufholrückstand mir der Tierhaltung. Zu viele denken immer, wir in der Schweiz sind sehr Tierliebend und korrekt. Das währe wirklich schön wenn dies so sein würde. Ich hoffe das dies Schule macht und wünsche Ihnen alles gute und viel Erfolg. Merci

  • Claudi am 20.05.2019 16:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Welt ohne Tierleid

    Liebe Esther Geisser, ich bin damals über Ihren Auftritt im Tele Züri aufmerksam geworden. Bis jetzt habe ich noch nie gespendet und dies aus dem Grund, weil ich seit Jahren schon andere Tierschutz Organisationen unterstütze. Die einen jedes Jahr, die anderen regelmässig. Jetzt sind Sie dann auch mal dran. Denn ich weiss, auch Sie leisten und vollbringen täglich grosse Hilfe gegen Tierleid und setzen sich unermüdlich ein, was mit grosser Arbeit verbunden ist. Sie haben ein grosses und gütiges Herz für Tiere. Dies berührt mich sehr, manchmal wünsche ich mir, es gibt noch mehr Menschen, die aktiv oder wie ich Tierschutz finanziell unterstützen. Für mich ist spenden etwas ganz besonderes, ich habe so das Gefühl etwas Licht ins Dunkel zu bringen und etwas Gutes zu tun und ich Tiere liebe. Sie sind es wert, das man Ihnen hilft.

  • M.Furrer am 20.05.2019 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    @Esther Geisser

    Wenn der Tierschutz ihre Mission ist, dann wünsche ich ihnen alles Gute, viel Freude und Erfolg dafür.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Corina Mendez am 21.05.2019 18:43 Report Diesen Beitrag melden

    Cats

    Diese Frau Esther Geisser soll sich bitte mal über australische Verhältnisse besser erkundigen, bevor sie sich über Australien enerviert: Die verwilderten (Millionen) Katzen in Down Under bedrohen 123 HEIMISCHE Arten (Säugetiere, Reptilien, Vögel). Die Katzen wurden erst durch die englischen Siedler eingeführt, und sie sind mittlerweile für die einheimische Fauna eine ernsthafte Gefahr: Im "Threatened species recovery hub" nachlesbar (Wiederherstellungszentrum bedrohter Arten).

  • K. Naller am 21.05.2019 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schön, dass sich Frau Geisser

    für Tiere und NetAP engagiert. Bei neutraler Betrachtung müsste sich die Organisation aber ernsthaft fragen, ob die Grenzen der Objektivität überschritten worden sind und Fanatismus der Treiber für die Aktivitäten ist. Auch schön wie alle Volontäre brav das CI-konforme grüne Mäntelchen tragen. Ersatzreligion oder Ersatz für sonstiges Manko?

  • Anna Maria am 21.05.2019 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gute Organisation

    Liebe Frau Geisser, Sie haben mich mal sehr gut beraten mit meinen beiden Stubentiger. Dafür möchte ich mich bedanken. Weiterhin. Alles Gute und viel Kraft Ich spende neben Netap auch noch anderen Tierheimen, die ich persönlich kenne und weiss, dass die Tiere gut behandelt werden.

  • Anita M. am 21.05.2019 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Sache und vielen Dank dafür! ABER

    in vielen Ländern sind Katzen (und andere Tiere) mehr als ein Ärgernis. Sie sind ein echtes Problem für die Natur. In unserem Garten ist ein Vogelnest schon eine Sensation, dank den vielen freilaufenden Katzen, um die sich eigentlich niemand kümmert. Auch wenn sie gechippt, geimpft und entwurmt sind, eine Katzentüre zuhause haben, sind Vögel einfach ihre Beute, bringen die armen Vögel vielleicht sogar nach Hause. Da sollte man ebenfalls ansetzen. Kastration löst das Problem nicht, nicht schnell genug. Ich habe Verständnis, dass man zum Gewehr greift, wenn tausende wilde Katzen im Dorf leben.

    • Eleonora am 21.05.2019 12:01 Report Diesen Beitrag melden

      Pestiziede sind schlimmer als Katzen

      Anita M - fragen Sie sich erst einmal, wie viele Katzen, Füchse, Marder, Igel etc. überfahren werden. Dann setzten wir mal dort an, wo Vögel keine Nahrung mehr finden, weil auch in der Schweiz zu viele Pestizide eingesetzt werden und kein "Ungeziefer", Mücken, Raupen etc. mehr vorhanden sind. Es sind nicht "nur" die Katzen, es sind wir mit unserem Egoismus, welche dafür sorgen, dass es bald keine Vögel mehr gibt. Wo gibt es zischen den Feldern noch Hecken und Unterholz?? nirgends. Also, erst denken, dann schreiben. Danke.

    • Elfe68 am 21.05.2019 12:16 Report Diesen Beitrag melden

      Kein Verständnis

      Nein dafür bringe ich kein Verständnis auf. Es gäbe dann einige Lebewesen, die man auxh aus dem Haus und Garten mit dem Gewehr vertreiben dsürfen sollte. Da ist abe keine Lösung. Macht den Katzen Halsbänder um mit einem Glöckchen daran, das stöhrt sie nicht und vertreibt die Vögel. Und, doch Kastration bringt was, denn so können sich die Katzen nicht mehr vermehren, also es liegt am Mensch, ob sich die Katzen vermehren. Menschen vermehren sich ja auch ohne nachzudenken, obwohl sie genau wissen sollten was geschieht, wenn man ungeschützten Verkehr hat. Wissen Tier aber nicht.

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  • Jason am 21.05.2019 11:10 Report Diesen Beitrag melden

    Menschenelend

    Wenigstens macht sie etwas. Finde aber trotzdem man sollte sich zuerst um andere Probleme kümmern. Katzen müssen kastriert werden, dürfen nicht getötet werden. [Und jetzt schlag aufs Wespennest] aber abtreiben ist OK.