«Swiss Stare»

08. Dezember 2016 06:33; Akt: 08.12.2016 08:10 Print

Expats stören sich an starrenden Schweizern

von Nikolai Thelitz - Einwanderer beschweren sich online über die durchdringenden Blicke der Schweizer. Expat-Autor Diccon Bewes hat Erklärungen.

Was die Expats an der Schweiz merkwürdig finden, erklärt Autor Diccon Bewes anhand einiger Bilder aus dem Buch «How to be Swiss», welches er zusammen mit Illustator Michael Meister verfasst hat. (Video: Nikolai Thelitz)
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«Die Schweizer können Nichtschweizer riechen. Ich spüre, wie sie mich überall anstarren. So frustrierend», schreibt eine Amerikanerin auf ihrem Blog. Mit ihrer Frustration ist sie nicht alleine. Wer in die Schweiz kommt, um zu arbeiten, erfreut sich zwar am hohen Lebensstandard sowie dem guten Verdienst, willkommen fühlen sich die Einwanderer aber oft nicht. Mitunter stossen sie sich am sogenannten «Swiss Stare». Laut «Tages-Anzeiger» beklagen sich mehrere Einwanderer auf Blogs und in Expat-Foren über unangenehm starrende Schweizern.

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Haben Sie den «Swiss Stare» auch schon einmal erlebt?
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«Die Leute schauen mich länger an, als anständig ist», klagt ein Amerikaner, der in der Westschweiz lebt, auf der Website Reddit. Ein anderer Einwanderer schreibt auf Englishforum.ch: «Wir werden dauernd angestarrt, die Blicke dauern scheinbar ewig.» Ein erfahrener Expat antwortet: «Welcome to Switzerland.» Das sei etwas Kulturelles hier, niemand solle den Grund bei sich selber suchen: «Das ist der falsche Schluss. Die Schweizer starren alle an, Fremde wie Eigene.»

«Vielleicht trauen sie sich nicht zu lächeln»

Diccon Bewes ist Autor (u.a. «How to Be Swiss») und zog vor elf Jahren in die Schweiz. Im Interview erzählt er, wie er den «Swiss Stare» erlebt und was Expats in der Schweiz sonst noch irritiert.

Herr Bewes, haben Sie den «Swiss Stare» auch schon erlebt?
Ja, diese eindringlichen Blicke kenne ich. Mich hat das aber nie gestört. Ich fasste es immer als Neugierde und Interesse seitens der Schweizer auf. Viele sind sich nicht gewöhnt, dass jemand Englisch redet. Nach elf Jahren habe ich mich an die Blicke gewöhnt. Aber bei den Angelsachsen ist es auch nicht so schlimm.

Nicht so schlimm?
Wenn man dunkelhäutig oder asiatisch ist, schauen die Schweizer noch viel mehr. Letztens traf ich im Quartier, in dem ich wohne, auf eine Vierergruppe schwarzer Männer, wahrscheinlich Asylbewerber. Auf der anderen Strassenseite standen drei Frauen mittleren Alters und starrten die Männer mit offenen Mündern an. Man hätte meinen können, die hätten noch nie einen Schwarzen gesehen.

Wieso schauen denn die Schweizer so?
Ich weiss es auch nicht. Vielleicht trauen sie sich nicht, zu lächeln oder Hallo zu sagen. Es wirkt auf Ausländer vielleicht auch irritierend, weil zwar der Blick kommt, aber kein Lächeln oder kein Gespräch. In England reden wir oft mit dem Sitznachbar im Zug oder lächeln zumindest. Die Schweizer schauen lieber, auch in anderen Situationen.

Wann denn?
Bei einem Gespräch unter Freunden oder am Arbeitsplatz ist es in der Schweiz höflich, wenn man sich in die Augen schaut, auch über längere Zeit. Ich habe mich dann immer gefühlt, als sei ich bei einem Bewerbungsgespräch oder einem Polizeiverhör. Im angelsächsischen Raum schaut man sich im Gespräch auch an, aber immer nur kurz, dann legt man eine Pause ein.

Gibt es noch mehr so Beispiele?
Ja, zum Beispiel ist es hier auch höflich, sich bei einem Apéro oder einen kleinen Party jedem vorzustellen. In England würde man denken: «Der hält sich jetzt für so wichtig, dass auch der Hinterletzte wissen muss, wer er ist?» Bei einer Hochzeit in England ist mein Schweizer Freund da ordentlich ins Fettnäpfchen getreten. Ich finde es auch komisch, dass im Lift alle «Hallo» sagen, sonst aber selten. Oder wenn man im Zug fragt «Ist da noch frei?», wenn es ganz offensichtlich noch Platz hat.

Was raten sie Expats, die sich durch Blicke gestört fühlen?
Lächeln Sie die Person einfach mal an, das kommt immer gut. Viele Schweizer merken es vielleicht gar nicht und meinen es gar nicht böse.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Iceman422 am 08.12.2016 07:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oh wie schrecklich

    Ich bin beruflich in sehr vielen verschiedenen Ländern unterwegs. Und überall erlebt man "komische" Dinge. Jedes Land, jede Kultur ist etwas anders gestrickt. Wer sich an sowas stört, soll wo anders hin. Wenn ich von der Arbeit nach Hause oder ins Hotel gehe und noch in der Uniform stecke, werde ich auch länger und öffters angeschaut als normal. Na und? Haben die Leute keine anderen Probleme?

  • Peter Notfallpfleger am 08.12.2016 07:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dafür lieber unehrlicher smalltalk?

    Jaja, in der Schweiz schaut man sich beim Sprechen an, man schaut sich in die Augen. Ich konzentriere mich auf mein Gegenüber, auf das wad mur mein Gegenüber sagt! Alles andere ist unhöflich! Aber es ist heute ja sehr modern, einfach zu schwafeln: an die Wand, in den Wind, irgendwohin! Hauptsache man hat etwas gesagt! Ich sehe heutzutage, dass man sich auch nicht mehr oft grüsst. Es ist dieses typische "sich kurz anschauen, nicken, lächeln", sich kurz für sein Umfeld interessieren! Ich möchte es weiter pflegen, dieses "in die Augen schauen", spüren, dass das Gegenüber authentisch ist!

  • Ken-Guru am 08.12.2016 07:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsere Sitten

    Klar gibt es Leute, welche einfach seltsam andere Menschen anglotzen, aber solchen Menschen bin ich auf allen Kontinenten begegnet. Irgendwie habe ich mal gelernt in der Kindheit, dass man seinen Gesprächspartner anschaut, beim Gespräch. Aber wie schon hier zu lesen war, wem es nicht gefällt hier in der Schweiz, der darf auch gerne wieder Nachhause gehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lueganigaeta am 08.12.2016 08:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    oje das sind aber Probleme...

    Ich denke dass die Dame aus USA das falsch interpretiert und sie woanders ein Problem hat oder Sie muss sicher etwas an sich haben um so viel Aufmerksamkeit zu erregen. Was ist besser? in einem Land zu leben wo Menschen einem die Aufmerksamkeit schenken oder wie es oft auch so in Großstädten ist, aufm Trottoir zu liegen und alle machen einen grossen Bogen um dich? jedes Land hat seine "Macken", auch wir Schweizer. ist das wirklich ein Problem?

  • CDi am 08.12.2016 08:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Lautstärke machts halt aus

    Wenn ich hier im Quartier oder im Tram auf 50m hören kann was gesprochen wird, sinds meistens Expats. Kulturell bedingt, oft die Ami's, wobei die Frauen mit entsprechenden hoher Tonlage noch durchdringender sind. Sagt man es Ihnen, verstehen Sie es nicht. Etwas anstarren scheint da ja zu wirken, muss ich mir merken, auch wenns von uns Schwiizetn ja nicht höflich ist :-)

  • marex am 08.12.2016 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Swiss Stare

    Sorgen haben Sie, die Expats.

  • Escobar am 08.12.2016 07:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmm

    Selten sowas gelesen oder nur gehört. Wir Schweizer sind nicht die offesten aber lange Blicke?

  • Fritzl am 08.12.2016 07:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Seid ja so arme....

    Den lieben expands wird alles in den Hinter geschoben und beklagen sich über das natürlichste Verhalten von Gattung "Mensch"! Keine andere Sorgen oder?