Abgezockt

16. Mai 2019 04:59; Akt: 10.07.2019 17:22 Print

Fake-Ärztin nimmt Nachbarn aus

von 20 Minuten - Eine falsche Ärztin aus dem Kanton Schaffhausen hat Georg G.* über 200'000 Franken aus der Tasche gezogen. Er ist nicht das einzige Opfer.

Georg G. erzählt, wie er zum Betrugsopfer wurde. (Video: 20 min)
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Im weissen Kittel und mit einem Stethoskop um den Hals – so posiert Imera I.* (36) auf ihrem Facebook-Konto. Ein anderes Bild zeigt die hübsche Brünette mit kosovarischen Wurzeln vor einem Medikamentenschrank. Auf einem Foto präsentiert sie ein Regal voller medizinischer Bücher über Chirurgie, Anatomie, Gynäkologie und Rettungsdienst. Auch ein Newsportal widmete «Doktor I.» ein Porträt.

Doch Imera I. ist gar keine echte Ärztin. Vielmehr soll sie mehrere Nachbarn und Bekannte abgezockt haben, indem sie sich als Ärztin in Geldnot ausgab.

Geldforderung beim Frühstück

Eines der Opfer ist ihr Nachbar Georg G.*, dem Imera 212'000 Franken schuldet. Er hat im März 2019 bei der Schaffhauser Polizei Anzeige gegen Imera I. wegen gewerbsmässigen Betrugs und Urkundenfälschung eingereicht. Die Polizei äussert sich aus ermittlungstaktischen Gründen nicht zum Fall. Für Imera I. gilt die Unschuldsvermutung.

Angefangen hat alles im Dezember 2017. Georg G. und seine Frau Felicia G.* pflegten zu Imera I. ein nachbarschaftliches Verhältnis. «Wir grillierten oft zusammen», so G. An einem frühen Morgen habe Imera beim Paar geklingelt. «Meine Frau und ich sassen gerade beim Frühstück, als sie dringend 40'000 Franken verlangte», sagt G. Sie habe angegeben, mit dem Ärzte-Kollegen Klaus M.* eine Praxis im Kanton Zürich zu führen und die Medikamente nicht mehr bezahlen zu können. «Sie sagte, sie werde ihre Patienten verlieren, wenn sie das Geld nicht bekomme», sagt G.

Ärztin

Am nächsten Tag entschied sich das Paar, seiner Nachbarin unter die Arme zu greifen. «Imera forderte das Geld in bar, worauf ich ihr 40'000 Euro bezahlte», so Georg G. Er und seine Frau hätten keinen Moment daran gezweifelt, dass Imera ihre Schulden innert Kürze begleichen werde. «Sie war ja Ärztin, war oft mit Arztkoffer zu sehen, und sie konnte ein Vermögen vorweisen.» Sie habe angegeben, pro Monat 30'000 Franken zu verdienen und daher die Schulden problemlos bis Ende März tilgen zu können, sagt Georg G.

Darum zahlte Georg G. so viel Geld

Ihre Glaubwürdigkeit unterstrich Imera mit gefälschten Dokumenten:

Kaufverträge: Imera I. behauptete, eine geerbte Immobilie im Wert von 2,8 Millionen verkauft zu haben. Und zwar an einen Herrn Herbert Stocker, dem angeblichen Direktor der Bank Raiffeisen. Das Finanzamt halte das Geld aber noch zurück, weil ihr Ex-Mann offene Schulden in Höhe von 180'000 Franken habe, wie I. angab. Doch der Kaufvertrag stellte sich als gefälscht heraus: Der Raiffeisen ist kein Herbert Stocker bekannt. Zudem wies I. eine angebliche Urkunde für den Kauf einer Liegenschaft im Kosovo im Wert von 250'000 Euro vor. Laut dem Stadtpräsidenten von Pristina handelt es sich auch dabei um eine Fälschung.

Promotionsausweis: Ein Dokument der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich soll zeigen, dass Imera I. zur Doktorin der Medizin ernannt wurde. Die Universität Zürich bestätigt, dass das Diplom gefälscht ist.

Imera I. bat Patienten um Geld

Imera I. hat in ihrem Promotionsausweis eine fremde Doktorarbeit als die ihrige ausgegeben. Der wahre Verfasser der Arbeit ist Klaus M.* Dieser bestätigt gegenüber 20 Minuten, dass Imera I. letztes Jahr in seiner Praxis in einer Zürcher Gemeinde einige Tage geschnuppert habe. «Sie hat behauptet, Medizin studiert zu haben und nach der Babypause ihr Studium fortsetzen zu wollen», erinnert sich M. Papiere, die dies belegen würden, habe sie keine vorgelegt. Doch dann kam dem Arzt laut eigenen Angaben zu Ohren, dass I. Patienten um Geld bat. Nachdem dies dreimal passiert sei, habe er sie aus der Praxis geworfen. Auch von ihm habe sie Geld gewollt, sagt er. «Die Frau behauptete, dass sie sonst betrieben würde.» Er habe ihr aber keinen Rappen gegeben.

Einer der Patienten, die I. in der Praxis anging, ist der 81-jährige Ronald K.*. Er sagt, sie sei gar zu ihm nach Hause gekommen und habe um Geld gebeten. «I. gab vor, sonst ins Gefängnis zu müssen.» Also habe er ihr 16'000 Franken überreicht. I. habe beteuert, dass sie ihn gern habe.

Eignungszertifikat: Ein Eignungszertifikat der Universität Zürich soll bestätigen, dass sie im Jahr 2000 zum Studium der Humanmedizin zugelassen wurde. Die Universität Zürich bestätigt, dass es sich auch bei diesem Dokument um eine Fälschung handelt. Zudem sei sie nie an der Universität Zürich immatrikuliert gewesen.

Diplome

Anstellungsvertrag, Lohnausweise, Schichtplan: Ein gefälschter Anstellungsvertrag zwischen Imera I. und den Spitälern Schaffhausen weist sie als Ärztin aus. Es liegen mehrere gefälschte Lohnabrechnungen vor, laut denen Imera I. 14'701.70 Franken pro Monat verdiente. In einem Schichtplan der Spitäler Schaffhausen hat «Dr.» I. ihre Einsatzzeiten festgehalten. Alle Dokumente sind gefälscht, wie der HR-Chef des Spitals in einem E-Mail an ein Opfer bestätigt. Gegenüber 20 Minuten äussert sich das Spital nicht zum Fall.

Lohn

Registration als Ärztin: Auf Teramed, der Community-Plattform für medizinische Fachangestellte und Ärzte, registrierte sie sich als «Dr. med.».


Georg G. erzählt vom Schock, als er den Betrug durchschaut habe.

Weitere Geldforderungen

Auf sein Geld wartet Georg G. bis heute. Anstatt eine Summe zurückzuzahlen, wickelte die Ärztin ihn immer wieder für weitere Zahlungen um den Finger. So behauptete sie, dass ihr Ärzte-Kollege Klaus M., mit dem sie eine Praxis führe, die Löhne nicht mehr zahlen könne und sie ständig vertröste. Auch wurde sie angeblich von Kosovaren wegen Schulden ihres spielsüchtigen Ex-Mannes massiv erpresst. «Sie sagte, dass diese Leute auf ihre Tochter und ihre Familie losgehen würden, bezahle sie nicht», erzählt G. Imera I. jammerte zudem über einen Notar, der das Geld des Hausverkaufs im Kosovo veruntreut haben soll. Mehrere Male erwähnte sie wilde Geldgeber – darunter etwa einen Schrotthändler aus Neunkirch –, die ihr finanziell unter die Arme greifen würden. Doch diese schienen im entscheidenden Moment immer abgesprungen zu sein, so Georg G.

Panikartig bombardierte die angebliche Ärztin Georg G. während Monaten mit Handynachrichten, in denen sie verzweifelt weitere Darlehen forderte.


Diese Nachricht schickte Imera I. an Georg G.

Einmal verlangte sie 500, dann 8000 Franken, aber auch Beträge in fünfstelliger Höhe. Georg G. setzte einen Darlehensvertrag nach dem anderen auf und warf auch mal Geld in den Briefkasten.

Bis Ende 2018 hatte I. neben den 40'000 Franken einen weiteren Schuldenberg von 170'000 Franken angehäuft.

Chats

Vertrösten mit weiblichem Charme

«Sie forderte mit jedem Mal ein angeblich letztes Darlehen, um dann endlich die gesamten Schulden begleichen zu können», sagt Georg G, der selber zusehends in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Seine Frau Felicia hatte die Darlehen in der Zwischenzeit nicht mehr unterstützt. Georg G. erzählt: «Imera hat auch mit ihrem Charme versucht, mich auf ihre Seite zu bringen.» Zusätzlich habe sie ihn unter Druck gesetzt. Er behauptet: «Ich hatte mit ihr nie ein Verhältnis. Sie drohte aber, sie werde meinen Söhnen erzählen, dass ich ein Verhältnis mit ihr gehabt hätte, würde ich ihr nicht helfen.»

Im November 2018 sah Georg G. einen Silberstreifen am Horizont. Imera I. gab an, die Schulden endlich begleichen zu können. Aber sie hatte laut G. bereits die nächsten Ausreden für ihr angeblich plötzlich gesperrtes Konto bei der Zürcher Kantonalbank auf Lager. Das kaufte G. ihr nicht mehr ab. Am 8. März erstattete er bei der Polizei Schaffhausen Anzeige gegen Imera I.

Die angebliche Ärztin soll mindestens fünf weiteren Personen, darunter auch Patienten, teils hohe Geldbeträge abgeknöpft haben. Diejenigen, die 20 Minuten telefonisch erreichen konnte, bestätigten, dass Imera bei ihnen Schulden habe. Weitere Details wollten sie aber nicht bekanntgeben. Laut einem Kreditwürdigkeitsverzeichnis ist die Kreditwürdigkeit der vermeintlichen Ärztin «sehr tief».

«Wir alle waren Idioten, auf beiden Augen blind»

Selbst ihren Ex-Freund Arian K.* soll sie hinters Licht geführt haben. 2015 lernte er Imera I. bei der Arbeit in einem Asylzentrum kennen. Sie habe sich schon dort als Ärztin ausgegeben, sei aber eine normale Mitarbeiterin gewesen, so K. Sie hätten eine Beziehung unterhalten. Er habe sie später auch zu ihrem vermeintlichen Arbeitsort, die Spitäler Schaffhausen, gefahren. «Wir alle waren Idioten, auf beiden Augen blind.» Erst als ihm Georg G. erzählt habe, wie er abgezockt worden sei, habe er gemerkt, dass seine damalige Partnerin eine Hochstaplerin sei. «Sie kann gut manipulieren, hat alle Dokumente gefälscht. Sie hat die Rolle der Ärztin hollywoodreif gespielt.»

Er selbst bürge unter anderem für die Miete seiner Ex-Freundin, so K. Eigentlich wolle er keine schmutzige Wäsche waschen, aber: «Diese Frau muss gestoppt werden.» Georg G. habe immer wieder gezahlt, weil sie ihm versprochen habe, ihn zu heiraten. «Sie hat allen vorgegaukelt, dass sie bald heiraten möchte. Auch mir.» Imera I. will gegenüber 20 Minuten zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. Die von Georg G. erhobenen Vorwürfe werden derzeit von den Strafbehörden geprüft. Für Imera I. gilt die Unschuldsvermutung.

* Name der Redaktion bekannt