Zuwanderung

11. Februar 2020 11:20; Akt: 11.02.2020 11:20 Print

Fast jeder 10. Bulgare in der Schweiz ist arbeitslos

Die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien ist stark gestiegen, seit es keine Kontingente mehr gibt. Politiker vertreten kontroverse Standpunkte zur hohen Arbeitslosigkeit.

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Die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien zieht weiter an: 2019 stieg die Zahl der in der Schweiz lebenden Rumänen unter dem Strich um 3176 Personen, bei den Bulgaren um 1770. Für beide Länder zusammen ist das ein Anstieg der Zuwanderung von 132,8 Prozent gegenüber 2018.

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Gleichzeitig nimmt die Zahl von registrierten arbeitslosen Bulgaren und Rumänen, die in der Schweiz wohnen, seit Jahren zu. Die Arbeitslosenquote stieg gemäss den Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) von 8,8 Prozent bei den Bulgaren und 6 Prozent bei den Rumänen im Jahr 2015 auf 14,2, respektive 8,5 Prozent per Ende 2018.

Letztes Jahr verzeichnete die Statistik wieder einen kleinen Rückgang auf 9,9 beziehungsweise 7,1 Prozent. Das hängt laut Seco mit der Aufhebung der Kontingente zusammen: Weil 2019 so viele Bulgaren und Rumänen wegen eines Jobs einwanderten, ging der prozentuale Anteil an Arbeitslosen aus diesen Ländern zurück. Trotzdem ist er immer noch vergleichsweise hoch: Gesamtschweizerisch lag die Arbeitslosenquote im Dezember 2019 bei 2,5 Prozent. Total lebten Ende letzten Jahres 549 registrierte arbeitslose Bulgaren und 638 registrierte arbeitslose Rumänen in der Schweiz.

Zuwanderung autonom steuern

«Die Befürchtungen der SVP haben sich bestätigt», sagt SVP-Nationalrat Franz Grüter. Mittlerweile habe die Schweiz eine höhere Erwerbslosenquote als Länder wie Deutschland, Polen oder Tschechien. Tausende Schweizer würden monatlich ausgesteuert, weil sie keinen Job hätten, sagt Grüter. «Und gleichzeitig holen die Unternehmen Bulgaren und Rumänen in die Schweiz, die einige Zeit später selber eine fast doppelt so hohe Arbeitslosenquote wie die Schweizer aufweisen.»

Bevor Schweizer Unternehmer Leute aus dem EU-Raum anstellen, sollten sie verpflichtet werden, Schweizer anzuheuern, sagt Grüter. «Die gleichen Regeln, die hierzulande etwa für Angestellte aus den USA gelten, sollten auch auf Leute aus dem EU-Raum angewandt werden.» Die Schweiz müsse die Zuwanderung wieder autonom steuern können. «Beim Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU müssen wir darum unbedingt nachverhandeln.» Grüter ist Mitglied des Initiativkomitees der «Initiative für eine massvolle Zuwanderung (Begrenzungsinitiative)» der SVP, über welche die Schweiz am 17. Mai abstimmt.

«Diese Personen werden als Erste entlassen»

Die Schweiz habe von den bilateralen Verträgen stark profitiert, sagt hingegen SP-Fraktionspräsident Roger Nordmann. «Und wir sollten auch weiterhin von den Möglichkeiten profitieren, die sie uns bieten.» Die SVP versuche systematisch, Verträge mit der EU schlechtzureden. «Und um Ressentiments zu schüren, fokussiert sie sich dabei auf Minderheiten.»

Dabei können sich Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien nur in der Schweiz niederlassen, wenn sie eine Arbeitsstelle haben und sie die Wirtschaft braucht. «Bei Kündigungen in Unternehmen sind sie oft diejenigen, die zuerst gehen müssen und damit die Leidtragenden», sagt Nordmann. Das erkläre auch, dass bei ihnen die Arbeitslosenquote höher sei. «Und wenn sie die entsprechenden Beiträge in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben, ist es nur fair, dass sie das Recht haben, im Notfall diese Leistungen in Anspruch zu nehmen.»

«Einwanderung in Sozialhilfe muss verhindert werden»

Um der «auffällig hohen» Arbeitslosigkeit bei Bulgaren und Rumänen zu begegnen, fordert FDP-Nationalrat Marcel Dobler eine strikte Durchsetzung der Arbeitspflicht. «Die Arbeitsbewilligungen für die ausländischen Angestellten müssen konsequent dem Bedarf entsprechend eingeholt werden.» Arbeitgeber sollten diese nicht aus Bequemlichkeit für mehrere Jahre beantragen, wenn unklar sei, wie lange die Angestellten tatsächlich beschäftigt werden, sagt Dobler.

Das sei gerade in Branchen, wo Arbeitskräfte oft nur saisonal eingestellt werden, etwa auf dem Bau oder in der Gastronomie, problematisch. «Wenn jemand eine Aufenthaltsbewilligung für fünf Jahre erhält, danach aber nur eine Saison auf dem Bau arbeitet und anschliessend keine Stelle mehr findet, droht die Einwanderung in die Sozialhilfe. Das muss verhindert werden», sagt der FDP-Nationalrat.


«Die Schweizer Wirtschaft ist auf Arbeitskräfte angewiesen»

Es wandern mehr Bulgaren und Rumänen in die Schweiz ein. Gleichzeitig haben diese eine höhere Arbeitslosenquote.
Simon Wey: Die Nettozuwanderung in die Schweiz stagnierte in den letzten beiden Jahren. Jedoch hat sich die Zusammensetzung der Zuwanderung stark verändert. So konnte die Zuwanderung aus den beiden osteuropäischen Ländern dank Aufhebung der Ventilklausel die rückläufige Zuwanderung aus anderen Ländern bis zu einem gewissen Grad kompensieren. Gemäss dem Staatssekretariat für Migration (SEM) arbeiten Zuwanderer aus den beiden osteuropäischen Ländern hauptsächlich in Berufen mit hohen Qualifikationsanforderungen. Ein Teil dieser Zuwanderer ist jedoch auch in Branchen aktiv, die eine überdurchschnittlich hohe Erwerbslosigkeit aufweisen, wie das Bauwesen oder die Gastronomie.

Die Schweizer Wirtschaft profitiert von der Personenfreizügigkeit mit Rumänien und Bulgarien. Im Vorfeld befürchteten Kritiker aber einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen in der Schweiz. Hatten diese also von Anfang an recht?

Laut der wissenschaftlichen Studie «Migranten sind im Schweizer Arbeitsmarkt gut integriert» von Favre, Föllmi und Zweimüller benötigen insbesondere fremdsprachige Personen etwas länger, bis sie im Arbeitsmarkt im gleichen Umfang Fuss fassen wie inländische Erwerbspersonen. Über die Zeit schliessen sie jedoch die Lücken hinsichtlich Erwerbsbeteiligung und Einkommen.

Sehen Sie einen Handlungsbedarf, beispielsweise die Begrenzung der Zuwanderung, wie sie eine SVP-Initiative fordert?

Nein, denn wegen der demografischen Entwicklung und dem zunehmenden Stellenwachstum ist die Schweizer Wirtschaft heute und zukünftig noch in stärkerem Masse auf inländische und ausländische Arbeitskräfte angewiesen.

Simon Wey ist Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.

(dk/dgr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • John am 11.02.2020 11:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angst?

    Ich binn aus England lebe und Arbeite seit 15 Jahren in der Schweiz, was ich nicht verstehe dass Ihr euren Einwanderung nicht beschränkt, ihr seit in der mitte Europas und habt Angst von eine beschränkung? Das war unser hauptgrund, für den Austritt aus der Eu, wir wollen das selber Steuern.

  • Käptn am 11.02.2020 12:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu!!!

    Ein Grund mehr die Grenzen zu schliessen. Auch die Politik ist in der Pflicht dafür zu sorgen dass Ü50 wieder angestellt werden. Wir haben genug Fachkräfte im Land. Aber die Politiker unsere sogenannten Volksvertreter müssen sich um finanzielle Sicherheit keine Sorgen machen, darum interessiert es sie auch nicht wie es dem Normalbürger geht. Wer etwas anderes behauptet ist ein Träumer

  • reni am 11.02.2020 14:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz träum weiter

    das System läuft falsch! Schlicht falsch! Ich verstehe das nicht. SBB findet keine Leute und gleichzeitig wird überall am Service public gespart- dafür die Arbeitslosen ü50 werden immer mehr. Merkt das denn keiner??

Die neusten Leser-Kommentare

  • alright am 11.02.2020 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Linke machen Schweiz gezielt kaputt

    Alle Abstimmungen in den letzten 30 Jahren, die die Linken gewonnen haben, haben sich im Nachhinein als Rohrkrepierer herausgestellt. Und was lernen Herr und Frau Schweizer daraus? Offensichtlich nichts ...

  • Marko0912 am 11.02.2020 16:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    !!!!

    selber Schuld wir wollten die Grenzen schließen und jetzt müsst ihr bezahlen am besten die Kosten vom Lohn des Bundesrates abziehen!

  • GG am 11.02.2020 15:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Adieu

    Keine Arbeitslosen- und v.a. keine Soz. Gelder auszahlen, wenn an den Kontingenten nicht geschraubt werden darf. Was ist so schwer daran?! Zudem holen wir noch weitere, nicht ausgebildete Menschen von Griechenland in die Schweiz. Der Steuerzahler kann nicht alles berappen!

  • Arbeiter am 11.02.2020 15:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unternehmen mehr in die Pflicht nehmen

    Die Unternehmen, die Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben, müssten viel mehr Verantwortung in finanzieller Hinsicht übernehmen. Es kann nicht sein, dass die Allgemeinheit die Kosten dafür trägt und die Gewinne an die Firmen gehen.

  • reni am 11.02.2020 14:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz träum weiter

    das System läuft falsch! Schlicht falsch! Ich verstehe das nicht. SBB findet keine Leute und gleichzeitig wird überall am Service public gespart- dafür die Arbeitslosen ü50 werden immer mehr. Merkt das denn keiner??