Waffenschutzinitiative

01. Februar 2011 17:56; Akt: 01.02.2011 18:09 Print

Fehlschuss der Statistiker

von Ronny Nicolussi - 49 Prozent der Suizide werden laut BAG mit einer Armeewaffe ausgeführt. Die Waffenschutz-Gegner sprechen von «arglistiger Irreführung» mit falschen Zahlen. Wer hat recht?

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Laut Thomas Reisch, Verfasser des BAG-Faktenblatts, stimmt diese BFS-Statistik nicht. Aus dieser geht hervor, dass 2009 lediglich bei neun Prozent aller Suizide durch Erschiessen Armeewaffen eingesetzt wurden. «Da nicht in allen Kantonen die gleichen Waffen-Kategorien erhoben wurden, muss davon ausgegangen werden, dass sich auch unter den Kategorien Faustfeuerwaffe, Pistole, lange Feuerwaffe, Gewehr, Sturmgewehr und bei den Suiziden durch Erschiessen «ohne Angabe des Tatmittels» Armeewaffen befinden» so Reisch. Das BAG-Faktenblatt zeigt auf, dass Waffen besonders bei Suiziden von Männern eine grosse Rolle spielen. Über 95 Prozent aller Schusswaffensuizide betreffen Männer. Insgesamt ist seit 1995 bei rund einem Viertel aller Suizide eine Schusswaffe eingesetzt worden. Etwa gleich häufig haben Lebensmüde Erhängen als Methode gewählt, gefolgt von Medikamenten (20,4 Prozent) und dem Sprung in die Tiefe (10,9 Prozent). In 6,5 Prozent der Fälle haben sich Selbstmörderinnen und Selbstmörder vor fahrende Gegenstände gelegt – zumeist vor Züge. Bei den 20- bis 29-Jährigen – also den dienstpflichtigen Jahrgängen – ist Erschiessen mit über 35 Prozent der Fälle jedoch deutlich die häufigste Suizidmethode. Je nach Lebensalter werden unterschiedliche Suizidformen gewählt. Während sich 40- bis 59-jährige Lebensmüde am häufigsten erhängen, wählen Menschen im hohen Alter zunehmend Medikamente zur Selbsttötung. Insgesamt sterben in der Schweiz jährlich etwa 1300 Menschen durch Suizid. Gemäss Studienverfasser lässt die Korrelation zwischen Schusswaffensuiziden und dem Effektivbestand der Armeewaffen auf einen aussergewöhnlich starken Zusammenhang schliessen. Während im Zeitraum von 1995 bis 2002 bei einem Armeewaffenbestand von über Armeewaffen noch rund 250 Schusswaffensuizide. Die Einführung der Armee XXI hatte zu einer deutlichen Reduktion des Armeebestandes und damit gleichzeitig auch zu einer Reduktion der Anzahl verfügbaren Armeewaffen geführt. Die Suizidrate ging bei sämtlichen Alterskategorien unter 60 Jahren zurück, am stärksten bei den 30- bis 39-Jährigen. Das BAG führt das darauf zurück, dass unter 50-Jährige durch die Reduktion des Armeebestandes weniger Kontakt zur Armeewaffe hatten als die Generation vor ihnen.

Zum Thema
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Die Zahlen im Faktenblatt «Suizid mit Schusswaffen» des Bundesamt für Gesundheit (BAG) sorgen für Diskussionen. Gemäss BAG wird jeder zweite Schusswaffensuizid mit einer Armeewaffe begangen. Dieser Wert steht in krassem Widerspruch zu den Angaben des Bundesamts für Statistik (BFS). Dieses geht von einer Quote von neun Prozent aus.

Damit gibt es aus einem einzigen Departement – sowohl das BAG als auch das BFS sind Teile des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) – auf dieselbe Frage zwei verschiedene Antworten. Wie das passieren konnte, kann sich EDI-Kommunikationschef Jean-Marc Crevoisier nicht erklären. BAG-Sprecherin Mona Neidhard sagt auf Anfrage von 20 Minuten Online nach langen Abklärungen: «Wir werden das Faktenblatt vom Netz nehmen, bis klar ist, wie der markante Unterschied bei den Zahlen zustande gekommen ist.» In der Zwischenzeit werde man das BAG-Dokument zusammen mit dem BFS überprüfen, schliesslich liege die statistische Oberhoheit beim Bund beim BFS.

Der Eingriff auf der Homepage ist das vorerst letzte Kapitel im Streit um die Quote von Armeewaffen bei Suizide durch Erschiessen. Am vergangenen 28. Dezember präsentierte das BFS ihre Statistik zum «Tatmittel Schusswaffe» für das Jahr 2009. Darin hielten die Statistiker fest, dass lediglich neun Prozent aller Schusswaffensuizide mit einer Armeewaffe verübt wurden. Die Gegner der Waffenschutzinitiative sahen sich bereits in ihrer Argumentation bestärkt, dass die verfügbare Armeewaffe bei Suiziden keine grosse Rolle spielt. Doch ein paar Tage darauf publizierte der Wissenschaftler Thomas Reisch einen Artikel in der «Schweizerischen Ärztezeitung», der die Situation in einem neuen Licht erscheinen liess.

Nicht vergleichbar

Reisch, der schweizweit als Experte in der Suizidforschung gilt, wertete darin mehrere wissenschaftliche Studien zum Thema aus und kam zum Schluss, dass knapp die Hälfte aller Schusswaffensuizide mit einer Armeewaffe verübt werden. Die BFS-Statistik kommentierte er nicht, da sie offenbar beim Verfassen des Artikels noch nicht vorlag. Schnell reagierte das Bundesamt für Statistik und nahm Stellung zu den «scheinbaren Widersprüchen». Aufgrund unterschiedlicher Betrachtungsweisen seien die Informationen der BFS-Tabellen nicht mit denjenigen der Studien vergleichbar, welche dem Artikel der Ärztezeitung zugrunde lägen, hiess es.

Während ein Bundesamt aus dem Innendepartement an den eigenen Zahlen festhielt, suchte ein anderes gezielt den Kontakt zum Studienverfasser. «Das BAG ist an mich herangetreten und hat mich gebeten, ihr veraltetes Faktenblatt zum Suizid mit Schusswaffen aufzudatieren», sagt Reisch auf Anfrage von 20 Minuten Online. Ende Januar stellte das BAG das aktualisierte Faktenblatt ins Internet.

Der Wissenschaftler, der als Leiter Schwerpunkt Psychotherapie an der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie in Bern tätig ist, kommt darin praktisch zum gleichen Schluss, wie in seinem Artikel in der Ärztezeitung: in 49 Prozent aller Schusswaffensuizide kommen Armeewaffen zum Einsatz. Der Berechnung dieses «gewichteten Mittels» liegen vier wissenschaftliche Studien zugrunde, die teils auf Daten von rechtsmedizinischen Instituten und teils auf Polizeistatistiken basieren.

«Parteigutachten für die Initianten der Waffeninitiative»

Für das überparteiliche Komitee gegen die Waffeninitiative ist das Faktenblatt «keine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung, sondern ein Parteigutachten für die Initianten der Waffeninitiative». Reisch gehöre zu den Initianten, heisst es in einer Mitteilung. Zudem wird «die Instrumentalisierung des BAG» und die «arglistige Irreführung der Schweizer Stimmbürger» aufs Schärfste verurteilt.

Den Wissenschaftler ärgern diese Anschuldigungen. In Tat und Wahrheit sei es genau umgekehrt gelaufen, so Reisch: «Ich habe mich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt und dabei gemerkt, dass mit der Initiative Suizidprävention gemacht werden kann.» Nur deshalb habe er die Initiative mitunterschrieben. Reisch ist jedoch weder politisch aktiv noch war er Mitglied des Initiativkomitees.

«Nicht durchdacht und schlichtweg falsch»

Geärgert hat sich der Arzt aber nicht nur wegen den Anschuldigungen, sondern auch über die vom BFS publizierten Zahlen: «Das BFS macht sonst immer einen hervorragenden Job, aber diese Statistik hätte es zurückhalten müsse, weil es offensichtlich ist, dass sie nicht durchdacht und schlichtweg falsch ist.» Das Problem sei, dass die Statistik nicht mit selbst erhobenen Daten gemacht worden sei. Vielmehr habe das BFS Daten von verschiedenen Polizeikorps zusammengetragen. Die Waffentyp-Kategorien seien aber nicht in allen Kantonen gleich.

So sei beispielsweise unklar, wie hoch der Anteil Armeewaffen in den Kategorien Faustfeuerwaffe (20 Prozent aller Suizide durch Erschiessen), Pistole (21 Prozent), lange Feuerwaffe (sieben Prozent), Gewehr (sechs Prozent), Sturmgewehr (vier Prozent) und bei den Suiziden durch Erschiessen «ohne Angabe des Tatmittels» (18 Prozent) sei. «Klar ist nur, dass auch in diesen Kategorien Armeewaffen vorkommen müssen», ist Reisch überzeugt. Denn offensichtlich würden gewisse Kantone Armeewaffen in diesem Zusammenhang nicht separat aufführen.

Die neun Prozent Armeewaffen, die offiziell ausgewiesen würden, seien somit nicht aussagekräftig. Dass die BFS-Statistik uneinheitlich erhoben worden sei, sei auf dem ersten Blick ersichtlich, sagt Reisch: «Nur so ist beispielsweise erklärbar, weshalb neben der Kategorie Faustfeuerwaffen auch die Kategorien Pistole und Revolver aufgeführt werden, obwohl diese ja Faustfeuerwaffen sind.» Das BFS wollte sich auf Anfrage zu den Vorwürfen Reischs nicht äussern.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • arwed am 03.02.2011 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Autos und Motorräder werden auch registriert

    Ueli Maurer findet die Initiative gefährlich; der Staat misstraut dem Bürger, wenn er Waffen nicht zuhause aufbewahren darf. Aha. Aber warum müssen in der Schweiz alle Autos und Motorräder registriert und regelmässig beim Strassenverkehrsamt kontrolliert werden? Ist dies nicht ein Vertrauensmissbrauch vom Staat gegen den Bürger? Das Argument von Ueli Maurer ist derart peinlich, dass ich nur den Kopf schütteln kann und hoffe, dass die jüngeren Menschen in unserem schönen Land über diese sinnvolle Initiative nachdenken und Ja stimmen. Waffen sind dazu da, um zu töten!

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  • wolf am 01.02.2011 23:06 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Ja ist schnell geschrieben

    Stimmt, es hört sich so schön an. Keine Armeewaffen weniger Suizide(obs stimmt werden wir sehen). Also schreiben wir schnell innerhalb von ein paar sekunden ein Ja auf die Papiere. Das geht sehr schnell. Jedoch wird der aufwand für uns soldaten wahrscheinlich viel höher. wir, die schon so zuviel Zeit ihres Lebens ans Militär verlieren.

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  • Peter Egli am 02.02.2011 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Notwehr

    Kann mir jemand erklären, wie er sich in Notwehr mit einer Armeewaffe gegen einen Einbrecher wehren soll? Waffe und Verschluss müssen getrennt aufbewart werden. Munition ist wohl sicher nicht schon abgespitzt in Magazin. Muss ich den Einbrecher bitten zu warten, bis ich alle Komponenten in der Wohnung zusammengesucht und zusammengebaut habe? Normalerweise wird man ja von einem Einbrecher überrascht und kann sich nicht gemütlich auf ihn vorbereiten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ch am 14.02.2011 19:36 Report Diesen Beitrag melden

    wehn wunderts

    mich wunder das nicht, die haben uns schon immer für dumm verkauft

  • Mario.Dätwyler am 04.02.2011 06:51 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist einmalig in der Schweiz

    Es ist wohl in der Geschichte der Schweiz einmalig dass von so vielen gebildeten Menschen so vieFallle Lügen dem Volk erzählt wurden um so vielen Schweizer Bürgern und Wehrmännern das Misstrauen auszusprechen und so viel Tradition und Kultur mit Füssen zu treten um nachher so viele Betrogene und Enttäuschte Bürger zu hinterlassen und keinen Suizid Fall verhindert zu haben wie das bei der sog.Waffenschutz Initiative der Fall ist ihr Befürworter hinterlässt eine Schweiz mit einem Gedemütigtem Volk ohne auch nur etwas mehr Sicherheit zu bringen entschuldigt euch vor allem bei den Frauen

  • Oliver am 03.02.2011 23:10 Report Diesen Beitrag melden

    Suizid

    Es spielt keine Rolle ob sich ein Mensch erhängt, vor einen Zug springt, ins Wasser geht oder sich erschiesst. Welche Suizidmethode jemand wählt ist absolut unbedeutend. Viel wichtiger ist den Grund, welchen einen Menschen überhaupt auf den Gedanken Suizid zu begehen bringt, aufzulösen. Abe die ist kompliziert, Aufwändig und mit Arbeit verbunden. Da ist es wesentlich einfacher mit Schlagwörter um sich zu werfen, und in die Welt zu posaunen: Ich hab ja was getan!

  • öbeli am 03.02.2011 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Wirkung?

    Es gibt einen Weg, herauszufinden ob mit der Iniative Suizide verhindert werden können: JA stimmen!

    • Hawklan am 03.02.2011 22:07 Report Diesen Beitrag melden

      Rückgängig?

      Ich würde Ihnen ev. zustimmen, wenn das Ganze ganz einfach wieder rückgängig gemacht werden könnte!

    • Simon Trachsel am 04.02.2011 00:34 Report Diesen Beitrag melden

      ohne Autos könnten Verkehrstote verhindert werden

      Ich behaupte, ohne Autos könnten Verkehrstote verhindert werden. Also mal alle Autos verbieten und dann schauen ob's stimmt.

    • Harry Frey am 04.02.2011 02:18 Report Diesen Beitrag melden

      NEIN ist weg

      Mein NEIN ist längst weg und ich habe richtig gehandelt.

    • Jona am 05.02.2011 19:24 Report Diesen Beitrag melden

      Tradition gegen Leben?

      Wenn auch nur 1 Suizid verhindert wird, lohnt es sich sehr wohl, die Tradition zu kippen.

    • mark am 13.02.2011 17:05 Report Diesen Beitrag melden

      Information zur Benutzung ihres Autos

      Lieber Herr Trachsel, Autos dienen in erster Linie der Fortbewegung, Sturmgewehre dem Töten. Also bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

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  • paul klatsche am 03.02.2011 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    gegen gegner initiative

    liebe gegner, lest erst mal den Inititiativtext bevor ihr eure Meinung macht.. viele von euch hätten gar keinen grund zur angst weil ihr eure waffen trotzdem zu hause behalten könntet!!! (bitte 20min, zeigt wenigstens einen beitrag von mir!!!)

    • Marcel am 03.02.2011 21:39 Report Diesen Beitrag melden

      Stopp

      Lieber befürworter wenns nur um die Ordonannzwaffen gehen würde weshalb ist dann die Rede von allen Waffen? Wieso wird wieder zuviel in eine Vorlage gesteckt? Schritt für Schritt wäre die bessere Lösung dann hätte die Initiative auch Erfolg... Lies bitte den Text selbst nochmals und dann siehst du auch dass vieles versteckt wurde...

    • MG am 03.02.2011 23:57 Report Diesen Beitrag melden

      Initiative

      Den Initiativtext gelesen ?? Es gibt mehr in der Schweiz als Jagd- und Sportwaffen. Die Mehrheit der Schützen, die ich kenne sind keine Jäger und keine Sportschützen. Und nur wenige haben permanent eine Lizenz. Ich gehöre auch zu den Leuten, die regelmässig in einen Schiesskeller gehen. Ich würde enteignet, das viele Geld (z.B. ganze Wiederladeausrüstung) und Zeit, die ich für dieses Hobby investiert habe würde sich in Luft auslösen. Es geht ganz grundsätzlich um das Verbot des privaten Waffenbesitzes, falls Du es nicht bemerkt hast. Was Du meinst sind ein paar Ausnahmen...

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