Tote Forellen

03. März 2011 08:45; Akt: 08.03.2011 10:00 Print

Fischsterben - ist die Kloake der Auslöser?

von Joel Bedetti - Im Fluss Doubs im Kanton Jura sind über hundert Fische verendet. Umweltverbände wollen die vermuteten Ursachen bekämpfen. Die Behörden tun sich schwer damit.

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Die Forellen schwimmen jetzt oben am Wasser: Im Doubs, der durch die westlichen Juratäler mäandert, ist im Januar eine grosse Anzahl Fische verendet. Betroffen sind hauptsächlich die vom Aussterben bedrohten getigerten Doubs-Forellen.

Bemessen lässt sich das Fischsterben schwer: Nach Angaben des jurassischen Umweltamts seien zehn Prozent des Fischbestandes verendet, also etwas über hundert Tiere. Andere Schätzungen gehen von hunderten Kadavern aus, wie die Anglerzeitschrift «Petri Heil» berichtet.

Bereits im letzten Juni war es im Doubs zu einem - wenn auch weit weniger massivem - Fischsterben gekommen.

Wie beim Fieber

Einigkeit herrscht bloss über die Todesursache der Fische: Sie wurden von einem Pilz befallen. Nur: Mit dem Pilz ist es wie mit Fieber. Er bricht nur aus, wenn der Träger schon geschwächt ist.

Laut Daniel Hefti vom Bundesamt für Umweltschutz (BAFU) untersucht deshalb ein Labor in Bern die Kadaver auf Faktoren wie Wasserverschmutzung. «Bisher deutet nichts auf eine externe Ursache wie Wasserverschmutzung hin», sagt Hefti.

Die Experten der Umweltschützer sehen das anders.

«Das war ja klar, dass da nichts herauskommt», sagt Daniel Luther, Biologe und Chefredaktor von «Petri Heil». Die Ursachen seien so vielfältig und subtil, dass man sie in einem Labor kaum erkennen könne.

Kloake direkt in den Fluss

Da sei das Wasserkraftwerk Le Chatelôt. Seit einigen Jahren laufe es im Schwall-Sunk-Betrieb, das heisst, ihre Turbinen wechseln zwischen Vollgas und Stillstand, so schwankt der Pegel des Flusses täglich um 90 Zentimeter. «Da setzt die Fische unter enormen Druck», sagt Andreas Knutti, Chef der Sektion Wasser des WWF Schweiz. Zudem würden Pestizide und vermutlich auch Giftstoffe von Mülldeponien in den Doubs fliessen.

Gemäss Daniel Luther gibt es noch einen dritten Faktor: Menschliche Ausscheidungen. «In manchen Flussdörfern wie St-Ursanne fliesst ein Teil der Kloake direkt in den Doubs», sagt Luther. Als im Sommer ein Mittelalter-Festival mit 20 000 Besuchern stattgefunden habe, sei die Kläranlage komplett überfordert gewesen.

Die Fische stünden unter Stress, das mache sie für Krankheiten angreifbar. «Morgens werden sie vom Kraftwerk durchgeschüttelt, nachmittags gibts ein wenig Gift», sagt der Wasserexperte Knutti.

Weitere Untersuchungen

Für die Behörden sind diese Zusammenhänge nicht erwiesen. «Kraftwerk oder die Landwirtschaft verantwortlich zu machen, wäre eine Spekulation», sagt Christophe Noël vom jurassischen Umweltamt. Trotzdem sei man vom Fischsterben alarmiert. Sobald man die definitiven Resultate der Untersuchung aus Bern habe, werde man weitere Untersuchungen anstreben.

Auch beim BAFU beteuert man, sich dem Flusssterben annehmen zu wollen. «Eine Arbeitsgruppe soll der Situation am Doubs auf den Grund gehen», sagt Daniel Hefti. Zudem hätten die Kraftwerke probeweise das Schwall-Sunk-System gedrosselt. «Es ist klar, dass dies den Fischen nicht guttut», so Hefti.

«Niemand tut etwas»

Den Umweltschützern geht das alles zu wenig schnell. «Man hat das Gefühl, dass die Behörden das Problem nicht mit der notwendigen Energie angehen», sagt Daniel Luther von «Petri Heil». Der WWF Schweiz schafft deshalb gemäss Markus Knutti eine Stelle, welche in der Sache auf lokaler wie nationaler Ebene Druck machen soll. Man plane eine Zusammenarbeit mit Pro Natura und dem Fischerverband.

Das Fischsterben im Jura hat auch schon den Nationalrat beschäftigt. Der Jurassier Dominique Baettig reichte 2009 eine Anfrage an den Bundesrat ein, er solle abklären, wer für das Fischsterben verantwortlich sei.

Francine John-Calame, Grüne Nationalrätin aus Neuenburg, stellte 2010 ungefähr dieselbe Frage. Die Antwort des Bundesrates steht noch aus. Beide Parlamentarier bekräftigen gegenüber 20 Minuten Online, in der laufenden Session nochmals Druck zu machen. «Es ist typisch, was hier passiert», sagt Calame. «Alle sagen, sie denken darüber nach, aber niemand tut etwas.»