Glaubenskrieg

01. September 2016 05:43; Akt: 01.09.2016 07:46 Print

Fleischhasser greifen Tier-Transporter an

von B. Zanni - Ausgebremste Tiertransporter, zerstörte Geschäftsstellen, Sprayereien: Unter Fleischkonsum-Kritikern bilden sich militante Kreise.

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Unbekannte haben Anhänger des Schweizerischen Viehhändler Verbands mit dem Schriftzug «Tiertodestransport» ... oder «Tiermörder pfui» besprayt. Ausgebremste Tiertransporter: «Die Tiertransporteure sind aufmerksam und gewarnt, denn solche Ausbremsmanöver können schwerwiegende Folgen für Mensch und Tier haben», sagt Peter Bosshard, Geschäftsführer des Schweizerischen Viehhändler Verbands SVV. Auf der Seite schweizerfleis.ch werfen Veganer Vegetariern Mord vor und zeigen Bilder von Anti-Fleisch-Sprayereien, ... «Fleisch ist Mord»-Kleber an Einkaufsregalen ... ... oder vor einer Metzgerei in Deutschland. Mit den Worten «Sklavenfutter» und ... ... «grausam» beschmierten Unbekannte kürzlich McDonald's-Werbeplakate im Zürcher Hauptbahnhof. Renato Pichler, Geschäftsführer des Vereins Swissveg, fällt auf: «Egal ob vegan, glutenfrei oder Paleo - wir merken, dass die Anhänger sogenannt gesunder und fleischloser Essstile ihre Positionen heftiger vertreten als früher.» Tierbefreiung heisse «Kampf den Kapitalisten», schreibt die Tierrechtsgruppe Zürich auf ihrer Website. Darunter setzte die Gruppe ein Foto eines Transparents mit der Aufschrift: «Fleischindustrie enteignen! Kapitalismus abschaffen». Auf der Website Schweizerfleis.ch ersetzen die Aktivisten die Slogans der Plakate der Fleischbranche Proviande Genossenschaft durch anklägerische Slogans. Leid-Lieferant ist eine Abänderung ... ... des Originals «Offizieller Protein-Lieferant der Schweiz». Das Plakat, das das Fleisch mit «Eisenpräparat» bewirbt, ... ... erhält auf dem Plakat der Veganer den Slogan «Leichenpräparat». Aus dem Slogan «Für Vegetariar nicht geeignet» wurde ... ... «Für ethisch Minderbemittelte geeignet» gemacht. «Biologisch abbaubar» von Schweizer Fleisch ... ... wurde zu «Biologisch tot» umformuliert.

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Der Tiertransporter war im Juni auf der Autobahn unterwegs, als er plötzlich von einem anderen Fahrzeug ausgebremst wurde. Das Auto war übersät mit Tierschutz-Klebern. Auch prangte am Auto die Aufschrift «Stoppt Tiertransporte». In den letzten neun Monaten sei es bereits viermal zu solchen Vorfällen gekommen, berichtet Peter Bosshard, Geschäftsführer des Schweizerischen Viehhändler Verbands SVV. Fahrzeuge seien auf der Autobahn und in Kreiseln ausgebremst worden. Der Verband hat Anzeige gegen unbekannt erstattet. Bis jetzt wurde der Angreifer nicht gefunden.

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Bosshard ist alarmiert: «Die Tiertransporteure sind aufmerksam und gewarnt, denn solche Ausbremsmanöver können schwerwiegende Folgen für Mensch und Tier haben.» Man könne nur von Glück reden, dass niemand zu Schaden gekommen sei. Nicht nur auf der Strasse schlagen die Täter zu. Sie haben auch Anhänger mit dem Schriftzug «Tiertodestransport» oder «Tiermörder pfui» besprayt und Hausfriedensbruch bei Viehhandelsfirmen begangen. «Am Gründonnerstag schlugen die Täter die Lampen von Tiertransportfahrzeugen einer Firma ein.» Bosshard glaubt, dass extreme Tierschutzkreise, Veganer und Vegetarier hinter den Attacken stecken: «Hier sind extremistische ‹Weltverbesserer› am Werk.»

«Sklavenfutter» und«Fleisch ist Mord»

Auch ein anderer Fleischvertreter, der anonym bleiben will, fiel kürzlich einer Attacke zum Opfer. Das Firmengebäude wurde mit Farbe beschmiert. Mit den Worten «Sklavenfutter» und «grausam» verunstalteten Unbekannte zudem kürzlich McDonald's-Werbeplakate im Zürcher Hauptbahnhof. Fleischkonsumgegner sind auch auf sozialen Medien mit markigen Worten präsent. Sie bezeichnen Fleischesser als Kannibalen und Schweizer Fleisch als Mord.

Auf der Seite schweizerfleis.ch unter dem Titel «Veganismus alles andere ist Mord»zeigen die Betreiber Bilder von Anti-Fleisch-Sprayereien, «Fleisch ist Mord»-Klebern in Einkaufsregalen oder von Demos vor einer Metzgerei in Deutschland. Denn auch im Ausland sind militante Veganer auf dem Vormarsch (siehe Box). Zudem werfen die Veganer Vegetariern Mord vor, da auch «durch den Konsum von ‹Milch›, ‹Eiern› und ‹Honig› Säugetiere, Vögel bzw. Bienen» getötet würden.

«Positionen werden heftiger vertreten»

Renato Pichler, Geschäftsführer des Vereins Swissveg, fällt auf: «Egal ob vegan, glutenfrei oder Paleo – wir merken, dass die Anhänger sogenannt gesunder und fleischloser Essstile ihre Positionen heftiger vertreten als früher.» Da Veganismus oder glutenfreie Ernährung inzwischen die Masse erreicht hätten, fühlten sich die Anhänger bestärkt. «Häufig reagieren sie auf Facebook bei anderen Sichtweisen sofort mit wütenden oder beleidigenden Kommentaren.» In extremeren Fällen beschädigten sie Schaufenster von Filialen, die ihnen nicht passten. «Unter radikalen Ernährungsanhängern gibt es auch einige ‹Linksextreme›. Die Übergänge sind dabei fliessend.»

So protestierten denn auch am 6. August rund 500 Personen in Bern für die Schliessung aller Schlachthäuser. Tierbefreiung heisse «Kampf den Kapitalisten», schreibt die Tierrechtsgruppe Zürich auf ihrer Website. Pichler bedauert solches Verhalten. «Es schadet mehr, als dass es hilft. Die Nahrungsmittelindustrie wird deswegen noch lange nicht auf Fleisch und Zucker verzichten.»

Angela Stähli, Veganerin und Bloggerin, distanziert sich von militanten Aktionen. «Auch als Veganerin rufe ich zu Toleranz aller Ernährungsstile auf.» Nie käme es ihr in den Sinn, Fleischesser zu verteufeln oder jemanden zum Veganismus bekehren zu wollen. Wichtig sei die Diskussion auf einer sachlichen Ebene.

Die Vegane Gesellschaft, die Betreiber von schweizerfleis.ch und die Tierrechtsgruppe Zürich waren bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.