Flüchtlinge im Mittelmeer

26. Juli 2018 21:22; Akt: 26.07.2018 23:39 Print

«Ohne Rettungsschiffe steigt die Zahl der Toten»

Italien macht die Häfen dicht und Malta verbietet Flüge für die Seenotrettung: In der EU-Flüchtlingspolitik herrscht Chaos. Schweizer vor Ort erzählen.

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Italien hat den Zugang zu seinen Häfen für Seenot-Rettungsboote von NGOs geschlossen. Auch Malta fährt jüngst einen härteren Kurs: Das Seenot-Rettungsboot Lifeline liess das Land nur in den Hafen, nachdem klar war, dass die Migranten auf die EU-Länder verteilt würden. Das Chaos in der EU-Asylpolitik erleben auch Schweizer Helfer auf Lesbos und Malta. Sie schildern 20 Minuten die Situation. «Dass nun Italien NGO-Schiffen das Einlaufen verwehrt, ist bedenklich. Denn ein sogenannter «Pull-Effekt», wonach die Menschen flüchten, weil im Mittelmeer Hilfsboote warten, existiert nicht: Die Menschen sind so verzweifelt, dass sie die möglicherweise tödliche Überfahrt auch wagen, wenn keine Rettungsschiffe da sind», sagen die Piloten Fabio Zgraggen und Samuel Hochstrasser. «Mit dem besseren Wetter ist dieses Jahr auch die Zahl der vor Lesbos aufgegriffenen Boote wieder gestiegen. Es sind besonders im Frühjahr und anhaltend auch über den Sommer mehr als im Vorjahr. Pro Woche kommen über 300 Menschen nach Lesbos», sagt die Basler Helferin Julia Bürge (23). Auch Ursula Hess aus Zürich ist auf Lesbos. Sie sagt: «Die Stimmung unter den Flüchtlingen wird immer verzweifelter. Herrschte vor dem EU-Türkei-Deal die Freude vor, es nach Europa geschafft zu haben, ist dieses Gefühl nun der Frustration gewichen.» Laut der Internationalen Organisation für Migration sind im ersten Halbjahr 2018 16'394 Menschen nach Italien gelangt (Vorjahresvergleich: 72'994). Zugenommen hat die Zahl der Migranten, die nach Griechenland kamen: Im ersten Halbjahr waren es 12'942, im gleichen Zeitraum 2017 8323.

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Italien schottet sich ab: Die populistische Regierung unter Matteo Salvini verbietet Rettungsschiffen von NGOs, in italienische Häfen einzulaufen. Damit will die Regierung verhindern, dass gerettete Flüchtlinge italienischen Boden betreten. Auch Malta fährt jüngst einen härteren Kurs: Das Seenot-Rettungsboot Lifeline liess das Land nur in den Hafen, nachdem klar war, dass die Migranten auf die EU-Länder verteilt würden. Und um Länder wie Italien oder Malta zu beschwichtigen, prüft die EU Flüchtlingszentren in Nordafrika.

Das Chaos in der EU-Asylpolitik erleben auch Schweizer Helfer auf Lesbos und Malta. 20 Minuten schildern sie die Situation.

Samuel Hochstrasser und Fabio Zgraggen (37) aus Bühler AR, Piloten der Humanitarian Pilots Initiative, Malta

«Zwar wagen seit Anfang Jahr im Vergleich zu 2017 deutlich weniger Flüchtlinge die Überfahrt von Libyen nach Italien, trotzdem bleibt die Situation prekär: Es werden immer noch täglich Dutzende Schlauchboote mit bis zu 200 Personen aufgegriffen. Die Menschen sind teilweise in einem ernsten gesundheitlichen Zustand und haben nicht einmal mehr Kleider an. Wir waren das letzte Mal vor drei Wochen in Malta, inzwischen hat uns der Staat die Fluglizenz für unsere Erkundungsflüge entzogen, unserer Meinung nach ohne rechtliche Grundlage.

Dass nun Italien NGO-Schiffen das Einlaufen verwehrt, ist bedenklich. Denn ein sogenannter «Pull-Effekt», wonach die Menschen flüchten, weil im Mittelmeer Hilfsboote warten, existiert nicht: Die Menschen sind so verzweifelt, dass sie die möglicherweise tödliche Überfahrt auch wagen, wenn keine Rettungsschiffe da sind. Das hat sich bei unseren letzten Rettungsflügen gezeigt: Die Flüchtlinge in Libyen wissen, dass aufgrund des Aufnahmestopps Italiens kaum Rettungsschiffe verkehren. Trotzdem ist die Zahl der geretteten Flüchtlinge seither nicht gesunken, und die Zahl der Toten wird weiter steigen. Da die Politik versagt, Italien mit dem Flüchtlingsproblem allein gelassen wird und eine gesamteuropäische Lösung noch Jahre entfernt ist, braucht es die Seenotrettung heute mehr denn je. Menschen vor dem Ertrinken zu retten, ist unsere humanitäre Pflicht.»

Julia Bürge (23) aus Basel, Helferin im Gemeinschaftszentrum One Happy Family, Lesbos

«Mit dem besseren Wetter ist dieses Jahr auch die Zahl der vor Lesbos aufgegriffenen Boote wieder gestiegen. Es sind besonders im Frühjahr und anhaltend auch über den Sommer mehr als im Vorjahr. Pro Woche kommen über 300 Menschen nach Lesbos. Auch wenn die türkische Küstenwache Boote vor der Insel zurückweist: Die Menschen versuchen es trotzdem. Und da die griechische Regierung ihr Versprechen, die Leute aufs Festland überzusiedeln, nicht hält, verschlimmern sich die Zustände besonders im grössten Flüchtlingslager der Insel Moria: Die hygienischen Zustände sind schrecklich, es fehlt an Wasser, man muss stundenlang fürs Essen anstehen.

Auch Spannungen nehmen zu: Konflikte zwischen Autoritäten, Organisationen, der lokalen Bevölkerung und Geflüchteten häufen sich. Das alles macht mich hilflos. Trotz vieler Versprechungen seitens der EU, die Verteilung der Flüchtlinge anzugehen, ist nie etwas passiert. Es ist dringend nötig, dass alle EU-Länder entsprechend ihrer Grösse Flüchtlinge aufnehmen und die Länder im Süden nicht mehr allein lassen.»

Ursula Hess aus Zürich, Geschäftsführerin NGO Frauen auf der Flucht, Lesbos

«Auf Lesbos sind in diesem Sommer wieder viele Flüchtlinge angekommen. Die Lager und Unterkünfte sind völlig überfüllt. Im grössten Camp, Moria, hat es fast 7000 Menschen, ausgelegt ist die Anlage für 1800 Personen. Die Stimmung unter den Flüchtlingen wird immer verzweifelter. Herrschte vor dem EU-Türkei-Deal die Freude vor, es nach Europa geschafft zu haben, ist dieses Gefühl nun der Frustration gewichen. Einige Flüchtlinge sind schon seit zwei Jahren hier, und sie erhalten keine Neuigkeiten über ihren Asylstatus.

Dazu ist es extrem heiss, es gibt zu wenig Essen, Trinken, Hygieneartikel – die Menschenwürde fehlt. Da kommt es häufig zu Aggressionen, vor allem Frauen leiden darunter. Wir betreiben in Griechenland zwei Anlaufstellen nur für Frauen. Sie haben in den Flüchtlingslagern oft keinen Schutz und sind der Gewalt und den sexuellen Übergriffen der Männer ausgeliefert. Dass Italien keine Rettungsschiffe mehr anlegen lässt. spürt man hier aber weniger, es sind zwei sehr unterschiedliche Routen. Leider beobachten wir auch in Griechenland eine zunehmende Tendenz zur Kriminalisierung humanitärer Hilfe.»

(pam/the)