Badi-Pöbler

09. Juli 2019 06:57; Akt: 10.07.2019 15:31 Print

«Gewaltbereitschaft liegt nicht an der Herkunft»

Bademeisterinnen beklagen Gewalt und Beschimpfungen aus migrantisch geprägten Kreisen. Eine Feministin sagt, wo sie das Problem verortet.

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Bademeisterinnen klagen: Sie würden beschimpft und bedroht. Vornehmlich Männer mit Migrationshintergrund sollen das Problem sein, berichtet die «Sonntagszeitung». Salome Schaerer, Mitglied des Zürcher Frauenstreik-Kollektivs, sagt, wo sie den Ursprung der Gewalt vermutet und was dagegen unternommen werden kann.

Frau Schaerer, wie erklären Sie sich, dass Bademeisterinnen bedroht und beschimpft werden?
Wenn eine Frau etwa als Bademeisterin Autorität ausübt fühlen sich Männer schnell provoziert, weil weibliche Autorität in der Gesellschaft nach wie vor wenig anerkannt ist. Widerstand in Form von sexualisierter oder sexistischer Gewalt sind bekannte Reaktionen auf den gefühlten Machtverlust.

Auf der einen Seite gibt es feministische Bewegungen wie den Frauenstreik, andererseits gibt es offenbar patriarchalisch denkende junge Männer, die Probleme bereiten. Driftet die Gesellschaft auseinander?
Nein, der Graben zwischen Menschen mit feministischen Lebenshaltungen und «alteingesessenen Patriarchen» wächst nicht. Aber solche Akte der Erniedrigung etwa aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe werden heute viel häufiger angesprochen und weniger akzeptiert als noch vor 30 Jahren. In der Gesellschaft wird laufend darüber diskutiert, welche Verhaltensweisen toleriert werden. Was heute als normal gilt, kann es morgen nicht mehr sein.

Wie meinen Sie das?
Früher wurde etwa herablassendes und erniedrigendes Verhalten von den Betroffenen mehr geduldet. Heute wehren sich Frauen, Queers oder Menschen anderer Hautfarbe vermehrt dagegen. Deshalb steigen auch die Zahlen solcher Taten.

Wieso greifen junge Männer zu Beschimpfungen und Drohungen?
Sie verlieren in der Gesellschaft an Macht. Daraus entstehende Unsicherheiten und Verständnislosigkeit führen dazu, dass sich Männer in vergangene gesellschaftliche Normen flüchten. Auf Frauen oder auch Queers reagieren Männer in Konfliktsituationen wie etwa in der Badi mit sexistischer und sexualisierter Gewalt. Auf Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe reagieren sie mit rassistischer Gewalt, auf «gleiche Männer» mit körperlicher Gewalt.

Das heisst aber auch, dass sich die Gesellschaft wandelt.
Die Mehrheitskultur ist nach wie vor sexistisch und rassistisch geprägt. Die Hip-Hop, aber auch die Pop-Kultur basieren auf einer Struktur, die den Mann an die oberste Stelle in der Hierarchie stellt. Insgesamt wandelt sich die Gesellschaft zwar, aber neue Normen sind noch wenig verankert.

Die Bademeisterinnen berichten von Männern aus patriarchalisch geprägten Ländern wie dem Balkan oder aus dem arabischen Raum, die Probleme bereiten. Woran liegt das?
Diese Frage suggeriert, die Schweiz sei nicht patriarchal geprägt. Das entspricht leider nicht der Realität. Gewaltbereitschaft hat zudem nichts mit der Herkunft, sondern der Sozialisierung zu tun. Das belegen etwa die Daten, in wie vielen Schweizer Schlafzimmern Gewalt an Frauen verübt wird. Weniger als 10 Prozent der Fälle häuslicher Gewalt werden je gemeldet.

(ehs)