Caritas-Lüge

23. Oktober 2015 11:02; Akt: 23.10.2015 11:14 Print

Fremdenfeindliches Handy-Märchen im Netz

von Gabriel Brönnimann - Flüchtlinge erhalten teure Gratis-Handys mit Geld von der Caritas: Diese Geschichte sorgt für Wirbel. Schon lange. Obwohl sie frei erfunden ist.

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Eine Geschichte, bei der es um Kundinnen in einem Swisscom-Shop geht, sorgt derzeit für Aufregung auf Facebook. (Symbolbild / KEYSTONE/Christian Beutler) Es ist dieser Post von R. R. - er verbreitete sich von verschiedenen Gruppen aus wie ein Lauffeuer und sorgte für viele ausländerfeindliche Ausbrüche. Inhalt kurz zusammengefasst: Drei Frauen, offenbar Flüchtlinge, sollen im Swisscom-Shop von der Caritas das «allerteuerste» iPhone bezahlt bekommen haben. Der Verbreiter der Nachricht beteuert: Er hat diese Geschichte in Luzern selbst erlebt. Einige, die den Post gesehen haben, haben sich verunsichert bei Caritas Schweiz gemeldet. Das veranlasste das Hilfswerk zu dieser Richtigstellung. Deutsch und deutlich: «Wir zahlen keine Handys.» Der Vorfall sei so nicht passiert. Das bestätigen gegenüber 20 Minuten auch Swisscom und die Luzerner Polizei. Kommt Ihnen das bekannt vor? Ein Asylbewerber möchte beraten werden - hier ist es nur einer, dafür gleich drei Smartphones, ebenfalls in der oberen Preisklasse - und der junge Mann sagt, er brauche nicht zu bezahlen, «wird alles bezahlt von der Caritas». Das ganze spielt aber nicht in Luzern, sondern in Bad Ischl. Zwei Wochen vor R. R.s «Erlebnis»: Ein Flüchtling erhält in Salzburg ein «Luxus-Handy» von Samsung - natürlich gratis, weil ja Caritas zahlt. «Was passiert in diesem Land?» ... die Frage ist berechtigt, angesichts all der Lügenschichten. Der dunklen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt (Blog-Eintrag von Anfang September 2015): Hier gibt's wieder Gratis-Smartphones - und der «Abgeordnete XXX» erzählt von Handys von der Caritas. Absoluter Quatsch. Beim Märchen-Weiterzählen fehlt auch die rechtsextreme Pediga nicht: Sie verbreitete eine frei erfunde Geschichte eines Verschwörungstheoretiker-Blogs, dass Flüchtlinge an der Grenze gezielt von der Polizei getrennt würden und «ein nagelneues, teures Smartphone geschenkt» bekommen. Auch diese Seite vermeldete im September: Flüchtlinge kaufen edle Sachen im Supermarkt! Und Handys im Mediamarkt. «Sagen die Caritas zahlt das. Und sie machts auch.» Grosse Schlagzeilen mit grosser Verbreitung im Netz. Nur: Die «Leserzuschrift», die hier ihren Anfang nahm, war eine grosse Lüge - sonst nichts. Es gibt auch keine Erstausstattung und kein Bargeld. Am 20. Oktober wurde es auch Caritas Österreich zu viel: Das Hilfswerk klärte über die «Gerüchte» auf. Deutsch und deutlich: «Was wir allerdings NICHT machen, ist Handykosten jeglicher Art zu übernehmen - weder für Asylbewerberinnen noch für andere Personen. Auf keinen fall werden Spendengelder hier als finanzielle Unterstützung seitens Caritas angeboten und eingesetzt.»

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Wenige Tage vor den Eidgenössischen Wahlen machte das Erlebnis von R. R., einem IT-Datencenter-Spezialisten, auf Facebook die Runde. R.s Erfahrungsbericht verbreitete sich rasend schnell auf SVP-Fan- und Anti-Asyl-Seiten des sozialen Netzwerks.

R. schrieb:
«CARITAS !! Interessantes und Schockierendes Erlebnis diese Woche ! Hier in Luzern gehen 3 Schwarzafrikanerinnen zum Swisscom Shop Globus Luzern um Handy's zu kaufen, der Swisscom Angestellete hatte sich alle nur mögliche Mühe gegeben ihnen ein möglichst preiswertes Handy anzubieten, aber NEIN meinten die 3 Afrikanerinnen, sie wollten nichts anderes als das neuste und aller teuerste iPhone6+, wo es dann zur Zahlung dieser Handy's Kamm, was denkt ihr ist passiert ? Sie gaben dem Swisscom Mitarbeiter eine Karte von Caritas wo er anrufen solle, tatsächlich meinten die ja da sein absolut in Ordnung er solle die Rechnung an Caritas Luzern senden !!!?!?!! Wie soll sich nun jemand fühlen der Arbeiten geht, spart, und vielleicht noch so naiv ist und denkt das es sich hier um Menschen in Not handelt ?!? Was für eine Sauerei ist das !! Das ist Realität, und dann noch all diese Grünen und linken Schönrede Menschen dazu.... Wohin führt das Alles !?!»

Geteilt, gelikt, geschimpft – gelogen

R.s Post wurde rege geteilt und gelikt. Seine Geschichte erreichte Abertausende. Als ein User R. fragte, wo er sie herhabe, schrieb er: «Selbst erlebt! Erste Hand!» – später fügte R. an, auch die Angestellten im Laden seien «sauer und schockiert» gewesen.

Sauer und schockiert reagierten auch Fremdenfeinde auf Facebook. Ein User wollte sich «auch schwarz anmalen» für Gratis-Handys, ein anderer «diese Drecksratten aus dem Land treiben». Doch ob die Geschichte überhaupt stimmt, wurde kaum überprüft. Bis auf die, die sich bei der Caritas meldeten, was das Hilfswerk dazu bewogen hat, die Sache aufzuklären, wie Sprecher Stefan Gribi zu 20 Minuten sagt: «Viele Leute waren verunsichert. Wir haben zahlreiche Mails bekommen.»

«Wir zahlen keine Handys»

Auf Facebook sorgte das Hilfswerk für Klarheit:
Liebe Follower. In den letzten Tagen wurden wir immer wieder gefragt, was es mit dieser iPhone-Geschichte auf sich hat. Diese Geschichte ist schon älter, geistert immer wieder im Internet herum und schafft es sogar über die Grenzen hinaus. Einen ähnlichen Post gab es bei Caritas Österreich. Übrigens gibt es seit rund 5 Jahren keinen Swisscom-Shop mehr im Luzerner Globus. Zusammenfassend: Wir zahlen keine Handys. Ein/e Asylsuchende/r im Zentrum für Asylsuchende erhält 11.40 Franken pro Tag für alle Ausgaben für Essen, Alltagsartikel, Telefonkosten usw. Bustickets werden nur für angeordnete Behördengänge und zu Arbeitseinsätzen gezahlt. Herzlichen Dank für Ihre Treue!

Tatsächlich: Die Geschichte «Flüchtling kriegt im Laden teures Handy von der Caritas» existiert in zahlreichen Varianten – und ist ausnahmslos gelogen (siehe Bildstrecke). Auch Caritas Österreich musste schon eine Variante dementieren.

«Warum sollte ich diese Geschichte erfinden?»

20 Minuten hat R. kontaktiert und ihn mit der Aussage der Caritas konfrontiert. R.: «Diese Sache habe ich erlebt, im Swisscom Shop hinter dem Globus, nicht im Globus! In Luzern, und ob es Ihnen nun passt oder nicht, ich war Zeuge.» R. weiter: «Warum sollte ich diese Geschichte erfinden? ... Das hab ich nun wirklich nicht nötig, fragen Sie doch bitte bei den Swisscom-Mitarbeitern nach.»

Hinter dem Globus gibt es einen Swisscom-Shop in Luzern. «Den Shop-Verantwortlichen ist kein solcher Fall bekannt. Wir können diese Schilderung nicht nachvollziehen», sagt Sabrina Hubacher, Sprecherin Swisscom, zu 20 Minuten. Auch bei der Caritas bleibt man auf Rückfrage dabei: Caritas bezahlt keine Handys. Ob R. vielleicht Zeuge von Trickdieben wurde, mit einer Caritas-Masche? Aber das wüsste die Swisscom ja auch. Und die Polizei ebenfalls. Doch Urs Wigger, Sprecher der Luzerner Polizei, konnte nichts über den angeblichen Vorfall finden. Auch nichts über mögliche Betrüger. Wigger: «Bei der Luzerner Polizei ist eine solche Betrugsmasche nicht bekannt.»

Konfrontiert mit diesen Fakten hat R. R. die erneut gestellte Frage, ob er diese Geschichte immer noch selbst erlebt haben will, bis gestern Abend nicht mehr beantwortet.

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Petra Chevalier am 23.10.2015 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Und was ist mit Swisscom?

    Was ist mit den Kommentaren, dass Swisscom gratis telefonieren lässt?? War doch auch hier in einem Bericht zu lesen. - Oder irre ich mich da?

    einklappen einklappen
  • vici am 23.10.2015 12:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeite mit Caritas-Clienten zusammen

    Ich arbeite mit Caritas-Clienten zusammen und frage mich manchmal auch, wie sie sich so teure Handys, Schuhe, Kleider etc. leisten können. (sehe das tagtäglich)

  • Bettschen Silvy am 23.10.2015 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überzeugt

    Viele haben sich ihre Meinung über die "Fremden" schon gemacht und wollen solche Berichte glauben, das passt so gut zu ihrer Überzeugung, nach dem Motto: hab es ja immer schon gesagt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dieter am 23.10.2015 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bitte euch... 

    Ich denke das viele hier nicht verstehen, dass das Smartphone in Afrika und im nahen Osten weit verbreitet ist und daher auch kein grossen Luxus darstellt. Es ist doch ganz simpel: Ein Smartphone ist meist der einzige Weg, um mit Verwandten in Kontakt zu treten, ausserdem ist das Telefonieren über das Internet tausendmal günstiger als über ein Dinosaurier-Handy. Wenn wir unser Land verlassen müssten würden wir wohl auch ein Smartphone einpacken nicht?

  • Denker83 am 23.10.2015 15:52 Report Diesen Beitrag melden

    Kopf einschalten

    @franz Schlumpf: Sie denken wohl immer noch, dass Flüchtlinge alles Arbeitslose und Kriminelle sind, die nur so im Luxus baden? Kann ja wohl nicht wahr sein! Was nimmt man mit wenn man in einer Gegend lebt in der alles niedergebombt wird?

  • MG am 23.10.2015 14:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hah!

    mein Vater hat mir die Geschichte jüngst erzählt. Hätte eine Bekannte von ihm selbst beobachtet! wohl vielmehr irgendwo gelesen und dann mündlich weiterverbreitet. Solche Geschichten vebreiten sich schnell. Ob ein Krümel Wahrheit drin steckt... wer weiss? Ich persönlich kenne das Asylwesen viel zu wenig um das beurteilen zu können.

  • Dr. Gabber am 23.10.2015 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein Märchen

    erscheint mir schon fast wie gezielte desinformation. Also streuen von falschen Tatsachen um andere in Misskredit zu bringen. Auch wenn ich mit der Situation nicht einverstanden bin, solche Gerüchte zu verbreiten ist schlichtweg schwach.

  • Der Jurist am 23.10.2015 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufklärungspflicht v. Behörden

    Den vorliegenden Fall glaube ich nun wirklich nicht (zumals den Swisscom-Shop im Globus tatsächlich seit Jahren nicht mehr gibt). ABER in allen Gerüchten steckt ein Körnchen Wahrheit! Meiner Meinung nach sind die Leute, die dies teilweise in Rage versetzt nicht ganz selberschuld (auch wenn sie naiv sind). Es fehlt eine offene/transparente Aufklärung einer Behörde! Klar werden diese Tagesansätze/Ansprüche der Flüchtlinge im Gesetz/Verordnung genau geregelt sein, aber wer liesst dies denn schon nach?!