Vierfachmord in Rupperswil

14. Mai 2016 06:34; Akt: 14.05.2016 11:53 Print

Führten die Handydaten zum Täter?

Im Fall von Rupperswil machten sich die Ermittler daran, die Mobilfunkdaten von rund zehntausend Handys auszuwerten. Haben diese zum Täter geführt?

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Die Aargauer Staatsanwaltschaft und die Polizei gaben am 13. Mai 2016 eine Pressekonferenz. Sie gaben bekannt, dass sie den Täter gefasst haben: Einen 33-jährigen Schweizer. Der Student hatte ein sexuelles Motiv: Er wollte sich am jüngeren Sohn von Carla S. vergehen. Er bedrohte die Familie und zwang die Mutter, für ihn Geld abzuheben. Dann verging er sich am jüngeren Sohn. Am Ende schnitt er den vier Opfern die Kehlen durch: Die Polizei fand bei einer Hausdurchsuchung am Donnerstag, 12. Mai 2016 einen Rucksack mit Fesselungsmaterialien sowie eine alte Armeepistole. Der Mann hatte seine nächste Tat bereits geplant. Mit diesem Bild einer Überwachungskamera suchte die Polizei nach Zeugen: Carla S. hob am 21. Dezember 2015 in Rupperswil und Wildegg Geld ab. Tiefe Betroffenheit: Gemeindeammann Ruedi Hediger versucht, die Gefühlsage in Rupperswil zu erklären. (Archiv) Der Tatort in Rupperswil AG. (24.12.2015) Mithilfe der Bevölkerung gesucht: Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, hält das Flugblatt mit dem Zeugenaufruf in der Hand. (24. Dezember 2015) Kantonspolizisten befragen an Weihnachten die Bevölkerung von Rupperswil. Die Dorfidylle ist nach der Bluttat vorbei. Über Nacht ist Rupperswil landesweit bekannt geworden. Dorfbewohner hinterlegen Kerzen und Karten an der Stätte des Verbrechens. Auch ihre beiden Kinder zählen zu den Opfern. Etwa der 19-jährige Dion S. Und auch der 13-jährige Davin S. Beim vierten Opfer soll es sich um Simona F. handeln. Die 21-Jährige war die Freundin von Dion S.. Carla und ihre Kinder pflegten ein inniges Verhältnis. Auch Nachbarn beschreiben die Familie als sehr sympathisch und freundlich. Im Ort ist die Anteilnahme gross. Viele kommen vorbei, legen Kerzen oder selbst geschriebene Briefe und Blumen nieder. Besonders die Klassenkameraden von Davin sind entsetzt und verzweifelt über dessen Tod. Am Montag, 21. Dezember kurz nach elf Uhr meldeten Nachbarn, dicker Rauch trete aus einem Einfamilienhaus aus. Die vier Opfer wurden im Innern des Hauses gefunden. Sie waren offenbar alle vier stark verkohlt. Die Identifikation gestaltete sich als schwierig. Die vier Personen weisen Stichwunden auf. Alle vier seien zudem Opfer. Der Täter befinde sich nicht unter den Toten, hiess es vonseiten der Staatsanwaltschaft. In dem Haus wohnte die Mutter mit ihren zwei Söhnen. Gemäss Bekannten der Familie lebte sie getrennt von ihrem Ehemann. Ihr Freund G.M. war jedoch auch an der Adresse gemeldet. Polizisten in einem Feld nahe des Hauses: Offenbar suchen sie etwas. Laut der Polizei gehört die Suche nach Beweismitteln zur routinemässigen Untersuchung dazu. Feuerwehrleute und Polizisten vor der mobilen Einsatzzentrale auf der Lenzhardstrasse in Rupperswil. Die Feuerwehrleute mussten psychologisch betreut werden. Sie sagen, schreckliche Szenen boten sich ihnen im Innern des Hauses. Die Feuerwehrleute drangen mit Atemschutztrupps ins Zweifamilienhaus ein. Als diese das stark verrauchte Haus durchsuchten, stiessen sie auf die toten Personen. Die Ermittler haben sich in Spitälern und Apotheken nach Verdächtigen erkundigt: Eine Kriminaltechnikerin im Einsatz beim Tatort. Spezialisten der Polizei, Rechtsmediziner und Vertreter der Staatsanwaltschaft ermitteln vor Ort auf Hochtouren.

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Ende Dezember ist es zu dem Vierfachmord in Rupperswil gekommen. Carla S.* und ihre Söhne sowie die Freundin des älteren Sohnes wurden geknebelt, gefesselt, erstochen und angezündet. Seit der Medienkonferenz vom Freitagnachmittag ist klar: Die Zeit der Unsicherheit ist vorbei. Die Kantonspolizei Aargau konnte den Täter fassen. Er ist geständig. Dabei handelt es sich um einen 33-jährigen Schweizer Thomas N. Der Student kommt ebenfalls aus Rupperswil.

Keine Abgleichmöglichkeiten

Bisher hatte die Gräueltat kein Gesicht. Die Polizei konnte lediglich DNA-Spuren und Fingerabdrücke am Tatort sichern. Weil der Täter bisher nicht polizeibekannt war, dürften bis nach der Festnahme auch keinerlei solcher Daten gespeichert gewesen sein, um sie abgleichen zu können.

Während ihren Ermittlungen setzte die Polizei auch auf die digitale Fahndung. Anhand von Mobilfunkdaten sollte herausgefunden werden, wer sich zum Zeitpunkt des Vierfachmordes in der Nähe des Tatorts aufhielt. Haben diese möglicherweise zum Täter geführt? «Solche Mobilfunkdaten sind ein wichtiges Element bei Ermittlungen», sagt IT-Forensiker Lionel Bloch, Geschäftsführer von Forentec GmbH. «Wenn in diesem Fall Daten des Täters vorhanden waren, ist es sicher so, dass sie zum Täter geführt oder zumindest die Ermittlungen entscheidend unterstützt haben.»

Möglichkeiten und Schwierigkeiten

Eine Liste von Personen, die sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe aufgehalten haben, kann laut Bloch schnell aufgestellt werden: «Die Polizei besass bereits zwei entscheidende Faktoren, um ein Raster zu bilden», erklärt Bloch. «Sie wusste den Ort und den Zeitraum, in der die Tat geschehen war.» Je mehr Anhaltspunkte die Polizei gehabt habe, desto schneller habe sie die Handydaten vorselektieren und untersuchen können.

Bei einem solchen Verfahren bieten sich laut Bloch aber nicht nur zahlreiche Möglichkeiten, sondern auch einige Schwierigkeiten: «Die Polizei musste sicherlich eine grossen Datenmenge durchgehen», sagt Bloch. «Rupperswil hat doch einige Einwohner. Zudem geht da gleich eine Autobahn durch. All diese Menschen wurden ebenfalls erfasst.» Es sei wichtig, weder Personen von Anfang an zu beschuldigen, noch sie zu schnell aus der Liste der Verdächtigen auszuschliessen. Auch sei es bei der digitalen Fahndung so, dass die Mobilfunkdaten auf der Sim-Karte beruhen. «Wenn mein Handy auf jemand anderen läuft, könnte die Polizei die falsche Person in Verdacht haben.»

Flugmodus hindert Ortung

Um von einem Funkmast erfasst zu werden, braucht es laut Bloch nicht lange: «Das geschieht automatisch innerhalb von wenigen Sekunden.» Zudem könnte die Polizei im Fall Rupperswil von den Funkmasten erfahren haben, dass der Täter das Haus beobachtete. «Ein Mast zeigt, in welcher Zone wir uns ungefähr aufhalten, je mehr solcher Funkmäste, desto genauer wird meine Position angeben», erklärt Bloch. «Diese zeigen nicht nur die Position an, sondern geben auch darüber Auskunft wie lange ich mich in einer solchen Zone aufgehalten habe.»

Falls das Handy aber auf Flugmodus gestellt werde, habe es sich in den meisten Fällen erledigt: «Das Handy sendet kein Signal mehr und wird so von den Funkmasten nicht erfasst», so Bloch. Vereinzelte Handymodelle würden trotz Flugmodus ein Signal versenden und empfangen können.

(qll)