Experiment

11. November 2019 04:44; Akt: 11.11.2019 08:31 Print

Für Traumjob akzeptieren Lernende Lohn von 285 Fr

von P. Michel - Forscher haben Schüler gefragt, welche Kriterien ihnen bei der Lehrstellenwahl wichtig sind. Branchen mit Lehrlingsmangel reagieren darauf.

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Generalabo, Geldprämien oder mehr Ferientage: Diese Anreize haben die Leser während der Lehre bekommen. Insbesondere Detailhändler locken mit speziellen Goodies Lehrlinge an. Bei Lidl gibts neuerdings für Lernende ein Gratis-GA. Bei Coop gibts Angebote wie einen 500-Franken-Gutschein für einen Laptop und ein Halbtaxabo. Auch am GA beteiligt man sich mit 650 Franken. Auch die Migros zahlt Zuschüsse ans GA und andere ÖV-Abos. Dazu wirbt der Händler mit finanziellen Vorteilen bei der Migrosbank und mehr Ferien. Bei Denner gibts einen Gutschein für Schulmaterial im Wert von 300 Franken. «Grundsätzlich brauchen wir keinen Köder, um Lernende für Denner zu begeistern», hält ein Sprecher fest. Chicorée gibt Lernenden einen monatlichen Einkaufsgutschein im Wert von 50 Franken und 50 Prozent Personalrabatt. Dazu kommt ein Halbtax-Abo. Und die Firma bietet für gute Noten Prämien von bis zu 1100 Franken. Bei Media-Markt gibts ein Notebook, dass man auch nach Lehrabschluss behalten darf. Dazu kommen Mitarbeiterrabatte. Ikea übernimmt Kosten, die während der Lehre anfallen, etwa für Schulmaterialien. Zudem bekommen Lernende mit guten schulischen Leistungen Ikea-Gutscheine. Besonders engagierten Lernenden stellt Aldi Suisse bei ausgezeichnetem Abschluss Erfolgsprämien und Reisegutscheine in Aussicht. Bei der Landi beziehungsweise Fenaco legen die einzelnen Genossenschaften selbst fest, was die Lernenden an zusätzlichen Anreizen erhalten. Laut Fenaco können es finanzielle Beiträge an Lehrmittel und Schulmaterial sowie an einen Laptop sein.

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Was gibt bei Schulabgängern bei der Wahl der Lehrstelle den Ausschlag: ein möglichst hoher Lehrlingslohn oder eher der Traumberuf, ein kurzer Arbeitsweg, normale Arbeitszeiten oder das Versprechen, nach dem Abschluss dort weiterarbeiten zu können? Diese Frage haben Forschende der Universität Bern im Rahmen der «DAB-Panelstudie» mit Experimenten untersucht (siehe Box).

Das Resultat: Am wichtigsten ist, dass die Stelle den Interessen entspricht. Ist dies nicht der Fall, müsste der Lehrbetrieb monatlich zusätzlich 395 Franken pro Monat offerieren. Und am Wochenende und am Abend würden Jugendliche nur arbeiten, wenn sie zusätzlich mit 269 Franken entschädigt würden.

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Wochenendarbeit kommt nicht gut an

Passt die Stelle inhaltlich nicht, kommen eine Stunde Weg hinzu und ist eine Weiterbeschäftigung nach der Lehre nicht vorgesehen, müsste der Arbeitgeber 1556 Franken pro Monat bezahlen, um doch Jugendliche zu überzeugen. Das Gegenbeispiel: Handelt es sich um die Traumstelle, bei der alle zusätzlichen Faktoren gegeben sind, wären die angehenden Lernenden gar mit einem Monatslohn von 285 Franken zufrieden.

«Wichtiger als ein hohes Einkommen sind den Jugendlichen gute Arbeitsbedingungen, die Möglichkeit, nach der Ausbildung vom Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden, und dass die Lehre inhaltlich ihren Interessen entspricht», so das Fazit der Forschenden.

Wählerische Jugendliche?

«Die Jugendlichen haben Ansprüche an die Arbeitswelt: Sie sind wählerisch und akzeptieren lange Pendelwege oder Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende kaum», sagt Forscherin Sara Möser.

Lehrbetrieben, die bei der Rekrutierung von Lernenden Mühe haben, rät Möser: «Mit guten Arbeitsbedingungen und dem Versprechen, nach Abschluss der Lehre in der Firma eine Zukunft zu haben, kann man sich von der Konkurrenz abheben und vielleicht eher schwer zu besetzende Lehrstellen füllen.» Natürlich könnten Firmen auch mit einem sehr hohen Lohn werben. Dies könne sich jedoch nicht jeder Betrieb leisten, sagt Möser.

Fleischbranche experimentierte schon mit höheren Löhnen

Um Lernende kämpft seit Jahren der Schweizer Fleisch-Fachverband. «Wir haben festgestellt, dass mehr Lohn nicht funktioniert», sagt Philipp Sax, Leiter Bildung. Vor einigen Jahren erhöhte die Branche den Lehrlingslohn um 100 Franken – ohne Erfolg.

«Wir nehmen die Bedürfnisse der Jungen auf, um sie für unsere Branche zu gewinnen», sagt Sax. So streiche man wenn möglich die Samstagsarbeit für Lernende, da diese immer mehr ein «No-go» sei. Dies hänge mit einem Wandel beim Freizeitverhalten zusammen.

«Ebenfalls bieten wir Stellen in der Region an, da heute kaum mehr jemand bereit ist, weit zu pendeln oder gar beim Lehrbetrieb zu wohnen.» Sax betont, heute müsse die Lehre als attraktives Gesamtpaket vermarktet werden. Dabei griffen Betriebe auch zu kreativen «Zückerli»: «Ein Handy oder die Finanzierung der Autoprüfung zu offerieren, hat bei einigen Firmen funktioniert.»

Ähnliches stellt auch Lehrlingsberater Peter Heiniger fest. Er rät Firmen dazu, den Lernenden auch mal am Geburtstag frei zu geben, um sie für die Stelle zu begeistern.


Nichtraucher-Prämien und Handy-Abos

Herr Heiniger*, warum ist der Lohn für viele Lernende nicht so zentral?
Einen guten Lohn, ja gerne, aber nicht um jeden Preis. Denn nicht selten bekommen Jugendliche vor, aber auch während der Berufslehre kleinere sowie grössere Extrawünsche wie beispielsweise Kleider, Ferien oder Fahrprüfung von den Eltern bezahlt. Zudem müssen viele Lernende zu Hause auch kein Kostgeld mehr abgeben. Flexibilität und Freiheit stehen darum oft höher im Kurs, als 100 Franken mehr Monatslohn.

Worauf reagieren angehende Lernende dann?
Firmen, die ich berate, bieten Nichtraucher-Prämien, zahlen das Smartphone-Abo oder geben Lernenden an ihrem Geburtstag den Tag frei. Wichtig ist, herauszufinden, welche «Benefits» die Jugendlichen tatsächlich wollen. Lehrbetriebe sollten dazu mit Schülern das Gespräch suchen.

Haben solche «Zückerchen» ein Ablaufdatum?
Ja, ein Elektroinstallateursunternehmen stellt den Lernenden im 3. Lehrjahr etwa ein Auto inklusive Benzinkarte zur Verfügung – auch für den privaten Gebrauch. Das kommt nicht schlecht an. Aber: Mittlerweile stellt die Firma fest, dass bei den Jungen das Autofahren gar nicht mehr so hoch im Kurs ist.

*Peter Heiniger ist Unternehmensberater, spezialisiert im Berufsbildungsbereich.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Claude Ammann am 11.11.2019 05:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Ich verstehe das irgendwie nicht. Mir kommt es immer mehr vor das die Lernenden gar kein Ausbildungsplatz suchen wo ihnen die Ausbildung das wichtigste ist sonder ein Platz wo sie am einfachsten 3 Jahre mit möglichst viel Lohn und Goodies bekommen. Das man halt auch mal die Zähne zusammenbeissen muss oder für seine Träume hart arbeiten muss ist anscheinend vorbei

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  • Lohnsklave am 11.11.2019 05:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Albtraum?

    Was soll an einem Job, der zu wenig zum Leben abwirft, 'traum' sein? Lernende täten in dem Fall gut daran, direkt nach bestandener Ausbildung einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Der jetzige weiss nämlich, dass man sich drücken lässt. Schlussendlich will man vom Erwerbseinlommen das Leben und die Altersvorsorge hier finanzieren. Ich habe immer Geld vor Glück gewählt... Damit bin ich zwar nicht unbedingt glücklich, aber es weint sich besser im beheizten Eigenheim als unter einer Brücke. Ich sehe hier nur kaltblütiges Ausnutzen von Abhängigkeiten.

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  • Sabrina am 11.11.2019 05:13 Report Diesen Beitrag melden

    Schade, dass wir so geworden sind

    Ich finds traurig, dass nur noch Extrawürste wie Benefits die Leute anlocken. In erster Linie geht es doch um die Arbeit die man gerne macht und den Job welchen man gut erledigt. Memschen heutzutage geben nur noch Leistung wenn sie am Schluss gut dabei dastehen. Das Weggli und der Fünfer und gleich noch den ganzen Arm statt nur den kleinen Finger. Ich finde das eine extrem traurige Entwicklung.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter am 11.11.2019 21:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld

    1100 1400 1700 fr im 1 Lehrjahr schulmaterial arbeitsbekleidung+ Firmenwagen und nicht Raucher Bonus und eine fix Anstellung nach der Lehre erhielt ich

  • Sandra Love am 11.11.2019 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Existenz

    Für so einen Lohn würde ich nicht mal aufstehen...

  • nessli-s am 11.11.2019 19:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht verständlich

    Nur weil Lernende diesen Hungerlohn akzeptieren heisst es nicht das es in Ordnung ist diesen Lohn zu bezahlen. Für so einen Lohn kann doch keine Firma gerade stehen und erklären warum der Lohn gerechtfertigt ist. Wie soll ein Lehrling selbständig werden wenn er nicht mal z.B die KK selber zahlen könnte weil dann sowenig Geld vorhanden ist zum Essen kaufen oder sonst was. Auch wenn das Taschengeld vorher wahrscheinlich nicht höher war steigen die Ausgaben.

    • Ex lehrling am 12.11.2019 16:53 Report Diesen Beitrag melden

      Stifte arbeiten für hungerlohn

      N kumpel von mir nachte in der msw in winterthur die lehre als automatiker und hat während der ganzen lehrzeit nicht mal 100.- pro monat verdient das nenn ich mal abzocke

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  • Ruedi Büezer am 11.11.2019 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    Langfristig denken

    Also bei uns im betrieb nehmen wir jeder wo bereit ist etwas zu leisten und auch der Charackter stimmt. Was nützt uns und dem Lehrling , ja, ich sage immer noch ,Lehrling wenn der lohn stimmt aber es nicht für beide stimmt??? Eine leere ist eine Investition für das leben und einfach wegen viel lohn den schlechten start nhemen ist nicht nur blöd sondern dumm!! Dass ist meine Meinung. . .

  • Ausbildner mit Herz am 11.11.2019 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich schätze die Jugend

    Ich bilde selbst 6 Lernende aus und kann die gehässigen Kommentare gegen die Jugend nicht verstehen. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert und die Jugend hinterfragt Sachen, die wir früher einfach akzeptierten. Es liegt an uns Ausbildnern, Lernenden Fachwissen beizubringen und sie während der Lehre zu unterstützen und zu begleiten. Wer Lernende als billige Arbeitskräfte sieht, soll es doch besser sein lassen. Es gibt in jeder Generation Leute, die man nirgends brauchen kann. Ich persönlich schätze kritische Feedbacks meiner Lernenden. Nur so kann auch ich mich verbessern.