Auf Plattformen

11. Dezember 2019 04:41; Akt: 11.12.2019 15:55 Print

Pädophile machen Jagd auf junge Gamer

Erwachsene nutzen Gaming-Plattformen, um sexuelle Kontakte mit Minderjährigen zu knüpfen. Die Täter entsprächen nicht dem Klischee, sagt ein Experte.

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Über Multi-Player-Spiele und Chat-Plattformen hätten Sexualstraftäter einen einfachen Zugang zum Leben von jungen Gamern erhalten, berichtete die «New York Times». Die Täter würden versuchen, Vertrauen aufzubauen, um dann sexuelle Inhalte wie Nacktfotos zu fordern und die Spieler damit zu erpressen.

Dieses Phänomen – auch Cybergrooming genannt – tauche in den USA vermehrt auf, gewisse Täter würden es auf Tausende Opfer anwenden. Trotzdem habe die Tech-Industrie nur halbherzige Versuche unternommen, die «Bilder-Explosion von sexuellem Kindesmissbrauch» zu bekämpfen.

«Ich habe Nein gesagt»

Auch hierzulande haben Gamer mit Cybergrooming Erfahrungen gemacht – so wie Jenny. Auf einem Pokémon-Forum habe ein 22-jähriger Moderator mit der damals 14-Jährigen Kontakt aufgenommen, sagt die heute 20-Jährige gegenüber 20 Minuten.

«Seine Kontaktversuche sind auf Skype weitergegangen, er hat dort immer wieder sexuelle Anspielungen gemacht.» Er habe den Kontakt mit ihr eineinhalb Jahre aufrechterhalten und sie immer wieder gefragt, ob sie nicht bei ihm persönlich vorbeikommen wolle. «Ich habe aber Nein gesagt. Das Risiko wollte ich nicht eingehen.»

«Schockiert uns nicht mehr»

«Hey cutie, I have a surprise for you» – solche und ähnliche Nachrichten bekommt Nicola bis zu dreimal die Woche auf Gaming-Plattformen. Der 18-Jährige und seine Kollegen hätten gelernt, die Nachrichten zu ignorieren oder bei Playstation zu melden, wenn der Inhalt zu weit gehe. «Das schockiert uns schon lange nicht mehr.»

Auf Plattformen wie Fortnite werde nicht auf die Problematik hingewiesen, so Nicola. «Es wird davor gewarnt, Passwörter herauszugeben. Auf sexuelle Belästigung wird aber nie hingewiesen.»

Problematik der Polizei bekannt

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Der Vater von einem 14-jährigen Jungen sagt, dass die Täter gezielt gewisse Altersgruppen ansprechen würden. «Anhand von Gaming-Listen kann das ungefähre Alter der Spieler ermittelt werden.» Wenn er zweifelhafte Nachrichten sehe, melde er die Profile immer sofort.

Das Phänomen von sexueller Belästigung auf Gaming-Plattformen sei ihm bekannt, sagt Roland Pfister, Kommunikationschef der Kantonspolizei Aargau. Es komme immer wieder zu solchen Fällen. Die Dunkelziffer sei jedoch hoch, da bei Opfern einer sexuellen Straftat oft Scham vorhanden sei. «Wir empfehlen aber in jedem Fall, Anzeige zu erstatten.»

Nur vereinzelte Anzeigen

Laut Polizeisprecher Marco Cortesi gehen in der Stadt Zürich nur vereinzelte Anzeigen gegen sexuelle Belästigung auf Gaming-Plattformen ein. «Das Netz hört nicht in Zürich-Altstetten auf. Man erstattet wahrscheinlich keine Anzeige, wenn der Täter vom anderen Ende der Welt kommt.» Wenn eine Anzeige eingehe, werde die aber auch ernst genommen und verfolgt.

Leider mache die Anonymität im Internet die Nachverfolgbarkeit schwierig, sagt Pfister. Die Prävention sei darum umso wichtiger. «Wir fordern die Leute auf, auf solchen Plattformen vorsichtig zu sein mit dem Zeigen von Nacktheit und Aufforderungen zu sexuellen Handlungen nicht einzuwilligen.»


«Die Täter sind oft jung, cool und medienaffin»

Herr Zahn*, was macht Gaming-Plattformen für die Täter attraktiv?

Kinder und Jugendliche rechnen auf solch spielerischen Plattformen weniger mit pädosexuell veranlagten Personen. Das Einstiegsthema ist klar festgelegt. Die Täter können zum Beispiel mit den Gamern in Kontakt treten, indem sie sie nach dem Spielstand oder Erfahrungen fragen. Ausserdem können die Kinder durch das Thema Gamen einfach von den Eltern isoliert werden. Die Täter sagen dann Dinge wie: «Du musst das deinen Eltern nicht sagen, die verstehen das sowieso nicht.»

Welche Strategie verfolgen die Täter?

Im Vergleich zu früher gehen die Täter psychologisch geschickt vor und fallen nicht mit der Tür ins Haus. Sie verfügen über viel Zeit und grosses Wissen im Gaming-Bereich. Diese Ressourcen verwenden sie dazu, eine Beziehung zu den Spielern aufzubauen, manchmal über Wochen bis Monate.

Die Kinder haben irgendwann nicht mehr das Gefühl, dass sie mit Fremden chatten, und geben dann sehr intime Informationen preis. Die Ziele der Täter sind unterschiedlich. Gewisse Täter wollen nur Kontakt mit einem Kind, andere verlangen Bilder oder Filme. Gelegentlich kommt es auch vor, dass die Täter ein Treffen in der realen Welt wollen.

Wer sind die Täter?

Es gibt nicht den einen Täter. Am besten macht man sich kein klares Bild. Es gibt aber die Tendenz, dass die Gaming-Szene jüngere Täter anzieht. Sexuelle Erpressung wird zum Teil von Personen vorgenommen, die fast Altersgenossen sind. Man muss wegkommen vom Bild des «alten Grüsel». Die Täter sind oft jung, cool und medienaffin. Unter den Tätern gibt es zudem Gamer, aber auch Personen mit stark pädosexuellen Neigungen, die sich in die Welt der Spieler einarbeiten.

Die Prävention ist zentral. Was wird gemacht, wo besteht noch Handlungsbedarf?

Schulische Medienbildung und Präventionsprojekte zeigen Wirkung: Betroffenen ignorieren die Anfragen häufiger und suchen manchmal auch Hilfe bei den Eltern. Es wäre gut, wenn zudem mehr Peer-Arbeit geleistet werden würde, das heisst wenn Jugendliche Kinder unterrichten würden.

Ausserdem muss man die Eltern wieder wachrütteln, sie nehmen das Risiko oft nicht genug ernst. Sie sollten vor allem auch bei Game-Plattfomen hinschauen, die auf Kinder ausgerichtet sind. Ein Beispiel hierfür ist Roblox: Farbenfrohe Spielwelten mit Legomännchen vermitteln den Eindruck einer sicheren App. Ohne Schutz werden Kinder aber auch hier angechattet.

*Joachim Zahn ist Medienpädagoge bei der Medienfachstelle Zischtig.ch.

(les)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Phil BE am 11.12.2019 05:20 Report Diesen Beitrag melden

    Passiert weniger sls sonst im Interweb

    Ich bin Gamer. Ich leide nicht. Ich erschiesse im RL keine Leute. Ich bin nicht fett und pizzasüchtig. Könnten die Pauschalisierungen und Vorurteile mal aufhören, bitte? Es ist zu durchschaubar. Oh, und gleichzeitig ausgerechnet Fortnite pushen? Unbezahlbar, liebe Red.

    einklappen einklappen
  • Bizeps am 11.12.2019 05:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so

    Ich bin 46, Arbeitnehmer u. Gamer, und belästige niemand, stehe nicht auf kleine Kinder. Hört auf mit diesen reisserischen Titel nur weil etwa 10 Leute sich daneben benehmen.

  • Mata Hari am 11.12.2019 06:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Habe Mut!

    Alles Anzeigen und öffentlich an den Pranger stellen bei sexueller Belästigung!

Die neusten Leser-Kommentare

  • De Rund am 11.12.2019 16:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Drama

    Macht nicht so ein Drama daraus! Die Eltern sollen schauen dass die Kleinen nicht spielen sondern rausgehen. So kann das halt schnell mal passieren. Habe auch schon weil mich einer aufgeregt hat in einem Spiel gehackt, und dann seine lustigen Bilder gepostet.

  • Gabber 33 am 11.12.2019 15:06 Report Diesen Beitrag melden

    Elterm

    Bin selber Vater, aus meiner sicht sind die eltern dran schuld wenn ein kind mit den falschen leuten in kontakt kommt, da man bei konsolen die funktionen einschränken kann,zb.text wie auch sprach chat usw sperren. und am pc einfach mal dazu sitzen und mit schauen/hören

  • Melina am 11.12.2019 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schwierig

    Leider wird gerade online oft so Verhalten von Mitspielern überhaupt nicht ernstgenommen und als Opfer wird man geradezu blossgestellt, wenn man das Pech hat, in einer Lobby mit stark Minderjährigen zu sitzen, die selbst nicht verstehen, was eigentlich wirklich abgeht. Ich wünschte ich hätte mit 13 Jahren gewusst, dass das nicht normal/legal ist, wenn ein erwachsener Mann mich anmacht, stalkt und nach Bildern fragt. Erst als mein grosser Bruder und seine Freunde das Ganze per Zufall in einem Spiel mitbekamen realisierte ich, dass ich doch nicht einfach nur zu sensibel war für seine 'Witze'.

  • B.Roth am 11.12.2019 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rechte, Pflichten und Lehren

    Schon bevor es google gab, gabe es pädophile. Jedoch war auch ich mit 12 schon schöau genug mich bei Interpol mit IP und wenn bekannt wohnort des täters zu melden. Bin nun 31 und immer noch am gamen. Meine Meinung dazu, ist das Spiel nicht für dein Alter, sprich PG 13-18 und man ist 12, verhalte dich der Altersangabe entsprechend und wunder dich nicht ab anderen Menschen. Pädophelie ist eine Krankheit und es gibt wenige die sich behandeln lassen oder ein ventil finden, da sobald die Person es zugibt durch das stigma der gesellschaft schon als Monster gesehen wird und sich irgendwan dem Druck beugt. Kenne dass und das Gegenteil und es war erschreckend aber auch lehrreich.

  • Normalo am 11.12.2019 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Willkommen im Internet

    Wer sich 2019 immernoch über solche Selbstverständlichkeiten wundert hat wohl die letzten 20 Jahre in einer Höhle gehaust. Fragt doch Mal Gamer-Mädels, Belästigungen und dumme Sprüche sind Alltag. Was Pädos angeht... ich denke in der Politik und Kirche treiben sich um ein Vielfaches mehr solcher Typen rum als in allen Game-Chats zusammen.