Dank Dropbox

23. Oktober 2013 12:17; Akt: 23.10.2013 12:17 Print

Geklautes Handy liefert Teenie-Bilder aus Marokko

von Marco Lüssi - Nachdem ihm sein Handy geklaut wurde, füllte sich die Dropbox von Niklaus Knecht mit Fotos einer Teenagerin aus Marokko. Jetzt will der Student sie in ihrer Heimat besuchen.

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Diese unbekannte Teenagerin aus Marokko hat ein neues Handy, mit dem sie regelmässig fotografiert. Was sie nicht weiss: Die Fotos landen in der Dropox des Vorbesitzers des Geräts. Dabei handelt es sich um den 24-jährigen Schweizer Studenten Niklaus Knecht (rechts). Ihm wurde das HTC-Smartphone im April 2013 in der Zürcher S-Bahn gestohlen. Jetzt betreibt er gemeinsam mit seinem Kollegen Alex Moshovelis eine Facebook-Seite, auf die er die Bilder der Unbekannten stellt. Hier posiert die Unbekannte in ihrem Zimmer vor ihrer Stofftier-Sammlung... ...hier macht sie es sich auf ihrem Bett gemütlich. Wie die neue Besitzerin seines Handys heisst, hat Niklaus Knecht anhand der Fotos noch nicht rausgefunden. Er glaubt aber zu wissen, in welcher Gegend in Marokko sie lebt. Dies liess sich anhand dieses von ihr abfotografierten Stundenplans eines Gymnasiums feststellen, das sie offenbar besucht. Dank der Dropbox-Funktion erhält Knecht nun spannende Einblicke in das Leben eines Teenagers in Nordafrika. Wer ihr wohl den Teddy geschenkt hat? Am häufigsten sind unter den über hundert Bildern, die bereits in der Dropbox von Niklaus Knecht gelandet sind, Aufnahmen der jungen Frau selber. Hier hat sie sich ein besonders schönes Kleid angezogen. Auch Bekannte und Verwandte fotografiert sie immer wieder. Bei diesem Senior könnte es sich um ihren Opa handeln. Und das könnte die Oma sein. Vielleicht ist dies eine Tante der jungen Unbekannten? Oder die Mutter? Das könnten ihre Brüder oder Cousins sein. Oder Jungs aus der Nachbarschaft. Hier noch einer. Hier hat sie einen Mann beim Gebet fotografiert. Überhaupt bieten die Aufnahmen Einblicke in die islamische Kultur Nordafrikas. Hier wurde offenbar ein Schaf geopfert. Dieses Bild könnte von den Festivitäten bei einer Hochzeit stammen, wie Handy-Vorbesitzer Knecht vermutet. Doch auch Dingen, die eher mit einem westlichen Lebensstil verbunden sind, ist die junge Unbekannte nicht abgeneigt: Hier hat sie eine Wodkaflasche für die Ewigkeit festgehalten. Bei diesen Zigaretten der Marke Marquise dürft es sich um ihre Lieblings-Raucherwaren handeln. Wie so viele fotografiert die Unbekannte besonders gern Essen, das auf dem Tisch steht.. Guten Appetit! Hier ein Blick auf den reich gedeckten Tisch. Auch Fleisch gibts reichlich. Auch diesen niedlichen Igel fotografierte die junge Unbekannte.

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Als Niklaus Knecht im April in der Zürcher S-Bahn einschlief, wurde ihm das Handy gestohlen. «Der Dieb schnitt meine Hose auf», sagt der 24-jährige Student aus Zürich. Er erstattete Anzeige, kaufte ein neues Handy – damit war die Sache für ihn erledigt. Bis zwei Monate nach dem Diebstahl die ersten Fotos in seiner Dropbox auftauchten, die von der neuen Besitzerin seines Mobiltelefons stammen. Bis heute ist das automatische Hochladen von Fotos auf sein Dropbox-Konto aktiviert. Schon über hundert Bilder sind dort gelandet.

Sie verraten viel über die Teenagerin, die das Handy benützt (siehe Bildstrecke). Der Stundenplan, den sie abgelichtet hat, zeigt, dass sie in Marokko lebt und ein Gymnasium besucht. «Sie hat ziemlich viel Mathe», so Knecht. Auch Einblicke in die islamische Kultur geben die Fotos: So gibt es Bilder eines geopferten Schafs und einer traditionellen Hochzeit. Auch Genussmitteln, die eher dem westlichen Lebensstil entsprechen, ist die junge Frau nicht abgeneigt: Auf Fotos sind Wodkaflaschen zu sehen, sie raucht Zigaretten. Wie so viele Menschen hält die junge Frau mit Vorliebe ihr Essen fotografisch fest: «Der nordafrikanische Eintopf Tajine scheint ihr besonders zu schmecken», hat Knecht festgestellt.

Aufruf an marokkanische Facebook-Nutzer

Die Fotos würden ein ziemlich gutes Bild über den Alltag eines Teenagers im Marokko vermitteln. Doch er möchte noch mehr wissen: «Ich würde sie gern persönlich kennenlernen und interviewen.» Dazu hat er nun gemeinsam mit dem Mitstudenten Alex Moshovelis eine Facebook-Seite aufgeschaltet, auf der sie eine Auswahl von Bildern zeigen und hoffen, dass ihnen jemand den Namen und die Adresse der – nicht mehr ganz – Unbekannten nennt. Sie haben auf Facebook auch Werbung geschaltet, die sich schon 13'000 marokkanische Nutzer angesehen hätten. «Wir hoffen, dass wir von diesen Hinweise erhalten.»

Sobald sie wissen, wo die Frau lebt, möchten Knecht und Moshovelis nach Marokko reisen, um sie zu besuchen. Ein solches Projekt passe gut zu seinem Studienfach, so Knecht, der in Zürich visuelle Kommunikation studiert. Dass die Teenagerin sein gestohlenes Handy benutzt, nimmt ihr Knecht nicht übel: «Ich glaube nicht, dass sie direkt etwas mit dem Diebstahl zu tun hat, sie hat davon wohl keine Ahnung.»

«Sie darf das Handy behalten»

Doch natürlich interessiere es ihn, von wem sie es bekommen habe – denn auf welchem Weg das Handy bei ihr gelandet sei, sei für ihn noch ein Rätsel. «Kurios ist, dass jemand, vermutlich noch der Dieb, mit meinem Handy die App des Wall Street Journals heruntergeladen hat.» Beim erhofften Treffen mit der jungen Marokkanerin will er sie nicht auffordern, es ihm zurückzugeben: «Sie darf es behalten.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kimo am 23.10.2013 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Coole Geschichte!

    Gefällt mir, wie der junge Student damit umgeht. Hoffe, wir bekommen auch einen Bericht nach seinem Besuch in Marokko.

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  • bebby am 23.10.2013 12:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ha ha

    wenn die wüsste das sich ein ganzes land ab ihren persönlichen fotos amüsiert dann würde sie das handy wohl wegwerfen wenn man das mit der dropbox nicht löschen kann. hoffentlich erfährt sie das bald

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  • Kenner am 23.10.2013 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Darf das Handy behalten...

    und wenn möglich noch 100 Stutz dazu. Damit jeder in Maroko sehen kann wie Doof wir Schweizer sind und Diebe auch noch Belohnt werden. Tatsache wird eher sein dass dieses Teeni fürchterlich Ärger kriegen wird weil für diese Verhältnisse recht intime Fotos an die Öffentlichkeit gelangt sind.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Roland Kämpe am 23.10.2013 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    Neuste NSA-Masche?

    Das wär doch mal was für die US-Spionagerie: präperierte Mobiltelephone klauen lassen und mit Null Aufwand Privatsphären Dritter verletzen...

  • Felix am 23.10.2013 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mach ich auch

    Ich lass mein altes Handy absichtlich klauen und gucke dann, von wo und mit welchen Picts es dann herumwandert.

  • Meruljub Debesici am 23.10.2013 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Billige Anmache

    Er ist doch nur scharf auf sie. Wahrscheinlich kann er hier keine kennen lernen und denkt, dass er als Schweizer zumindest im armen Ausland eine an Bord ziehen kann ;-)

  • Tim Zoller am 23.10.2013 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Oh Wunder

    Wen wunderts, dass das Handy in Afrika gelandet ist. Früher waren es die Autos, die man in Polen suchen musste und heute überfallen uns die Afrikaner. Irgendwie wiederholt sich das ganze immer wieder. Passt besser auf eure Handys auf und haut den Dieben kräftig eins auf die Mütze, wenn ihr mal einen erwischt. Die Polizei lässt sie ja sowieso gleich wieder laufen.

  • M Thommen am 23.10.2013 13:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut so

    "Schaf geopfert" so ein Quatsch! Es ist auch nicht erlaubt ein Handy zu klaun, und vielleicht sind auf dem Phone ha auch Fotos v eigentlichen Besitzer. Weiss jemand wo die landen? Nein. Also nur zu! Ich würde auch so handeln. Da muss man durchgreifen...Ausserden ist es so eine gute Chance, vielleicht wird ja eine ganze Bande so ausgehoben, wer weis....