Siedlungsentwicklung

21. Januar 2011 11:50; Akt: 21.01.2011 13:48 Print

Gemeinsam die Zersiedelung stoppen

Die gestern angekündigte Verteuerung des Pendelns ist eine direkte Folge der fortschreitenden Zersiedelung. Ihr soll das neue Raumkonzept Einhalt gebieten.

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Bund, Kantone und Gemeinden wollen dem ungebremsten Siedlungswachstum Einhalt gebieten. (Bild: Keystone)

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Der Aufschrei war gross, als Bundesrätin Doris Leuthard gestern verkündete, dass das Pendeln mit Auto und ÖV massiv teurer wird. Heute hat sie vor den Medien einen Ansatz präsentiert, wie solche Aufschläge langfristig reduziert werden können. Denn die explodierenden Kosten der Verkehrsinfrastruktur sind eine direkte Folge der Zersiedelung, unter der die Schweiz leidet. Gefragt ist deshalb ein nachhaltigerer Umgang mit dem knappen Boden. Mit dieser Vorgabe haben Bund, Kantone und Gemeinden das Raumkonzept Schweiz ausgearbeitet, das sie am Freitag in die Vernehmlassung geschickt haben.

Das Problem ist nach Ansicht von Leuthard gravierend: Unverbaute Landschaften seien etwa zwischen Bern und Zürich beinahe verschwunden, sagte die Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK).

Die Zersiedelung mit all ihren Nachteilen sei ein Grund zur Sorge. Jede Sekunde werde in der Schweiz ein Quadratmeter Land überbaut. Dies entspreche einem Fussballfeld alle zwei Stunden. Zwischen 1983 und 2007 seien 600 Quadratkilometer Land überbaut worden - etwa die Fläche des Genfersees.

Siedlungserneuerung statt Einzonung

In der Schweiz, wo weniger als die Hälfte des Territoriums besiedelt werden könne, müssten auf 18 000 Quadratkilometern Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Landwirtschaft und Umweltanliegen unter einen Hut gebracht werden. Dies sei eine grosse Herausforderung.

Das gemeinsam von Vertretern von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden ausgearbeitete Raumkonzept definiert nun als Oberziel, bestehende Siedlungen zu verdichten.

Dazu soll die Siedlungserneuerung gegenüber der Ausscheidung neuer Baugebiete den Vorrang erhalten. Noch unverbaute Landschaften sollen in der Planung als Räume für die Naherholung, die Artenvielfalt und eine multifunktionale Landwirtschaft ausgeschieden werden.

Bei der Planung der Verkehrsinfrastruktur soll die optimale Auslastung bestehender Infrastrukturen künftig vor dem Bau neuer Verkehrswege Priorität haben. Die Raumplaner sollen zudem Rahmenbedingungen für mehr Energieeffizienz (etwa durch kurze Wege) schaffen.

Es gehe dabei nicht darum, Mobilität zu verhindern, sagte Leuthard in Anspielung auf die am Vortag bekanntgegebenen Pläne, Pendler steuerlich stärker zu belasten. «Mobilität ist ein Faktum», sagte sie. Doch müsse sie besser gestaltet werden.

Koordination statt Gartenhagdenken

Die Raumplanung versuche seit Jahrzehnten die Zersiedelung zu bremsen. Mit beschränktem Erfolg. Deshalb gelte es nun, neue Wege zu gehen, um den Verbrauch von Boden einzudämmen.

Das Zauberwort des Raumkonzepts Schweiz heisst Koordination. Gemeinden und Kantone sollen bei der Raumplanung über den «Tellerrand» ihres Territorium hinaus denken und die Verkehrs- und Siedlungsentwicklung besser aufeinander abstimmen.

Weil viele Menschen täglich zwischen Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Einkaufen Gemeinde-, Kantons- oder gar Landesgrenzen überqueren, schlägt das Raumkonzept vor, in zwölf überregionalen Räumen zu planen und handeln - in vier grossstädtischen, fünf klein- und mittelstädtischen und drei alpinen.

Zwischen diesen Räumen, insbesondere zwischen städtischen und ländlichen, brauche es Partnerschaften, forderte der Direktor des Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung (VLP-ASPAN), Lukas Bühlmann, den Leuthard als Vater des Raumkonzepts bezeichnete.

Optimismus

Die Instrumente dazu sind etwa regionale Richtpläne oder Agglomerationsprogramme. Bühlmann und Leuthard sowie die an der Medienkonferenz ebenfalls anwesenden Vertreter von Kantonen, Städten und Gemeinden zeigten sich optimistisch, dass die bessere Koordination nicht eine Leerformel bleibt.

Das Konzept werde bereits vielerorts gelebt, sagte Leuthard. Und der Solothurner Planungsdirektor Walter Straumann erklärte, dass sich das allgemeine Bewusstsein wegen des Leidensdrucks verbessert habe.

Als Zeichen dafür werteten alle auch den Umstand, dass es trotz Föderalismus den Beteiligten überhaupt gelungen ist, sich auf das nun vorliegende Raumkonzept zu einigen, das bis Ende Juni 2011 in Vernehmlassung geht.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel am 21.01.2011 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch

    Ich finde das alles nur tragisch. Wenn ich am Zürisee spazieren gehe und sehe, wie beide Ufer von Zürich bis nach Wollerau bzw. bis Rappi an einem Stück verbaut wurden, dann tut es mir schon weh! Wenn ich von Zürich per Zug in den Aargau fahre, dann kann ich nicht glauben, wie wir unsere Landschaft/Heimat(!) vergewaltigen. Noch immer entstehen überall auf der grünen Wiese fernab vom Dorfkern ganze Quartiere! Für mich gibt es dagegen nicht nur ein Rezept, sondern viele Faktoren müssen gestoppt werden: immense Zuwanderung, "Gemeindligeist", überdimensionierte Bauzonen, Wachstumswahn etc.

  • rene.baron am 27.01.2011 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Pendler sind nicht nachhaltig

    Es ist nicht fair, wenn sich Leute welche sich um einen Heimarbeitsplatz bemühen oder einen jobbedingten Umzug in Kauf nehmen, den weiteren Ausbau der Mobilitätskomfortinfrastruktur mitfinanzieren sollen. Für die Umwelt und damit für uns alle wären z.B. Home- und NearHomeWorking bedeutend nachhaltiger, gesünder und risikoärmer. Pendeln ist und bleibt ungesund und die Diskussion darüber, hier noch mehr Geld investieren zu wollen, welches uns dann im Gesundheitswesen doppelt fehlt zeigt nicht unbedingt dass Pendler ihre im öffentlichen Verkehr vergeudete Zeit zum Denken nutzen.

  • T.G. am 21.01.2011 12:16 Report Diesen Beitrag melden

    Harte Massnahmen gefordert

    Als erste Massnahme einen sofortigen Bevölkerungswachstumsstopp. keine Einwanderung mehr und eine 2 kindpolitik mit vorbild aus asiatischen ländern. Die einschnitte müssen radikal gemacht werden sonst kennen unsere Kinder den Wald bald nur noch von Fotos!

Die neusten Leser-Kommentare

  • rene.baron am 27.01.2011 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Pendler sind nicht nachhaltig

    Es ist nicht fair, wenn sich Leute welche sich um einen Heimarbeitsplatz bemühen oder einen jobbedingten Umzug in Kauf nehmen, den weiteren Ausbau der Mobilitätskomfortinfrastruktur mitfinanzieren sollen. Für die Umwelt und damit für uns alle wären z.B. Home- und NearHomeWorking bedeutend nachhaltiger, gesünder und risikoärmer. Pendeln ist und bleibt ungesund und die Diskussion darüber, hier noch mehr Geld investieren zu wollen, welches uns dann im Gesundheitswesen doppelt fehlt zeigt nicht unbedingt dass Pendler ihre im öffentlichen Verkehr vergeudete Zeit zum Denken nutzen.

  • Claudia am 22.01.2011 20:32 Report Diesen Beitrag melden

    CVP - GARTENHAG - DENKEN

    Von Optimismus kann überhaupt nicht die Rede sein - das ganze ist ein Wirtschaftlicher - Blödsinn sondergleichen, der sich nur noch mehr verschlechtert als verbessert. Man kann nur hoffen, dass diese Raumkonzept nicht in die ernehmlassung geht.

  • georg am 22.01.2011 19:33 Report Diesen Beitrag melden

    verlorener kampf....

    ohne ausländerfeindlich zu sein, aber das boot isch schon lange übervoll. die zersiedelung ist nur ein problem, zuwenig energie- landwirtschaft usw. schon bald müssen wir hunderte von km fahren um noch natur erleben zu können. schon dürrenmat hat von zerscherbeln des landes gesprochen. einer der besten dichter der schweiz, der im irrenhaus war. aber schon bald lässt es sich im irrenhaus ruhiger leben als ausserhalb. gott sei dank, gibt es dann noch die irrenhäuser wo ruhe und ein wenig natur herscht, ein baum für einen irren.

  • P. Stettler am 22.01.2011 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    Gewerbe auf dem Land ermöglichen

    Solange der Aufbau von Gewerbebetrieben auf dem Land praktisch verunmöglicht wird ist klar, dass die Leute in die Agglomerationen flüchten oder pendeln. Bessere Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Land würden beides reduzieren!

  • Moritz am 22.01.2011 11:00 Report Diesen Beitrag melden

    Glaubwürdig?

    Jede Sekunde einen Quadratmeter? Ich hab mal ein bisschen gerechnet: Ein Jahr hat 31'536'000 Sekunden. Die Schweiz hat gem. Wikipedia 41'285'000 Quadratmeter. So, wie lange würde es genau dauern, bis alles verbetoniert wäre?

    • Roger am 22.01.2011 20:31 Report Diesen Beitrag melden

      Ja schon

      Dumm nur, dass ein Quadratkilometer (von denen hat die Schweiz 41'285) nicht nur 1000 m2 hat....

    • Ahu am 22.01.2011 22:14 Report Diesen Beitrag melden

      Falscher Faktor

      Stimmt nicht ganz: Es sind 41'285'000'000m2. Bei einer komplett leeren Fläche würde es somit über 1300 Jahre dauern, bis alles überbaut wäre, wenn pro Sekunde 1m2 bebaut würde.

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