Gewalt im Elternhaus

24. Juli 2015 05:52; Akt: 24.07.2015 17:35 Print

Genf eröffnet erstes Schutz-Haus für Schwule

von J. Büchi - Ein Wohnhaus in Genf nimmt Schwule auf, die von der Familie verstossen wurden. Auch Deutschschweizer Organisationen orten Handlungsbedarf.

storybild

Nicht alle Eltern akzeptieren es, wenn ihr Söhne auf Männer stehen. (Bild: Keystone/AP/Michael Reichel)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Eine muslimische Mutter erwischt ihren Sohn dabei, wie er einen anderen Mann küsst. Sie ist so entsetzt, dass sie den 19-Jährigen aus dem Haus wirft. Diese Geschichte erzählt Alexia Scappaticci von der Genfer Einrichtung «Le Refuge» in der Westschweizer Zeitung «24 heures». Dank ihr hat der junge Muslim jetzt wieder ein Dach über dem Kopf. Seit Anfang Juni bietet die Vereinigung Dialogai Betroffenen in solchen Situationen im «Le Refuge» Unterschlupf.

Derzeit leben zwei schwule Männer in der Einrichtung. Platz hätte es für maximal vier Personen. Das Angebot richtet sich an unter 25-Jährige, die wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder von den Eltern auf die Strasse gesetzt wurden. Fachleute und Freiwillige kümmern sich um die Jugendlichen, vermitteln zwischen ihnen und ihren Familien oder helfen ihnen, sich ihren Ängsten zu stellen. Die Betroffenen dürfen bis zu einem halben Jahr in der WG bleiben. Im aktuellen Fall stammen beide Bewohner aus muslimischen Familien. Aber auch in anderen religiösen Umfeldern kommt es laut den Verantwortlichen von Dialogai nach dem Coming-out immer wieder zu Problemen.

«Geschlagen und verfolgt»

Dies bestätigt auch Bastian Baumann, Geschäftsleiter des Schweizer Dachverbands der Schwulen Pink Cross. Junge Schwule aus konservativen Familien, egal ob christlich oder muslimisch, seien nach ihrem Coming-out oft mit bedrohlichen Situationen konfrontiert. «Sie dürfen nicht mehr nach Hause, werden geschlagen oder gar verfolgt.» Auch im schulischen oder beruflichen Umfeld drohe ihnen teilweise Mobbing und Gewalt. «Fälschlicherweise glauben viele Leute, dass dieses Problem in der toleranten Schweiz nicht besteht.» Dass dem nicht so sei, zeige jedoch unter anderem der Umstand, dass die Selbstmordrate bei jungen Schwulen in der Schweiz so hoch sei wie sonst fast nirgends in Europa.

In der Deutschschweiz können sich betroffene Jugendliche bei der Plattform «Du bist Du», einem Angebot der Zürcher Aids-Hilfe, beraten lassen. Gewalt und Ausgrenzung im Elternhaus sei immer wieder ein Thema, sagt Geschäftsführer Franco Rogantini. «Jugendliche aus Osteuropa und dem Balkan geraten nach dem Coming-out öfter in eine Notlage, weil Homosexualität in ihrer Kultur nach wie vor ein grosses Tabu ist.» In solchen Fällen versuchten die Berater, gemeinsam mit den Jugendlichen eine Lösung zu finden. Manchmal kämen die Betroffenen bei Gleichaltrigen unter. «In Notfällen, etwa in akuten Bedrohungssituationen, haben wir auch schon Personen dem Zürcher Schlupfhuus zugewiesen.» Auch dort bekommen Jugendliche in Krisensituationen ein Dach über dem Kopf. Allerdings ist das Angebot nicht speziell auf schwule Jungs und lesbische Mädchen ausgerichtet.

Regenbogenhaus geplant

«Wir von der Zürcher Aids-Hilfe denken schon seit längerem darüber nach, ein spezielles Regenbogenhaus zu gründen, in dem schwule Jugendliche in solchen Situationen untergebracht und speziell betreut werden könnten», so Rogantini. Ein Problem sei die Finanzierung. «Dafür bräuchten wir finanzielle Mittel – von Jugendorganisationen, Privaten oder von der öffentlichen Hand.» In diesem Punkt sei Genf im Vorteil, dort würden Schwulenorganisationen stärker von der öffentlichen Hand unterstützt, sagt Bastian Baumann. Auch er würde es begrüssen, wenn in der Deutschschweiz bald ein entsprechendes Angebot errichtet würde. Das Projekt «Le Refuge» kostet jährlich 250‘000 Franken. Finanziert wird es von der Stadt Genf, privaten Stiftungen und der Westschweizer Lotterie.

Wurden Sie nach Ihrem Coming-out von Ihrer Familie verstossen? Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen und schreiben Sie uns unter feedback@20minuten.ch

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pascal Chuat am 24.07.2015 06:58 Report Diesen Beitrag melden

    Super Sache!

    Ich finde das einer super Sache! Ich denke, dass es für junge schwule aber auch Jahr für Jahr besser wird... Wenn man auf die 70iger / 80iger Jahre zurück blickt ist es heute viel besser geworden. Junge schwule outen sich auch viel früher und das wiederum gibt anderen schwulen Mut und Hoffnung! Auch weltweit ist dies festzustellen... Siehe USA, Irland, etc. Die Sozialen-Medien tragen auch ihren Teil dazu bei... Nur Mut... outet Euch, das Leben ist sehr schön da draußen...

  • Silvia am 24.07.2015 10:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gut

    Sehr bedenklich,dass es so einen Zufluchtsort überhaupt braucht.Wo um Himmelswillen ist denn dass Problem wenn jemand Homosexuell ist?

    einklappen einklappen
  • Hope am 24.07.2015 08:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Muttergefühle?!

    Ich finde es immer wieder erstaunlich wie Mütter Ihre kleine Kinder beschützen.. Man sieht es ja auch täglich auf der Strasse, im Zug oder in der eigenen Familie.. und sie wollen alle nur das Beste für das eigene Kind.. Dann werden sie älter und merken, dass sie Homosexuell sind und man fragt sich ob dass die selbe Mutter ist, welche vor 15/20 Jahren noch für Ihr Kind getötet hätte?! Wo ist der Beschützerinstinkt geblieben?! Selbst erlebt.. Bei mir was es so, dass die Mutterliebe nach 2 Jahren stärker war.. Happy End!

Die neusten Leser-Kommentare

  • M.P. am 24.07.2015 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Ideee

    Bringt mich auf eine gute Idee. Meine Frau und ich haben ein grosses Haus mit Einliegerwohnung (Kinder ausgeflogen) und wären sofort bereit, diese Wohnung für homosexuelle Jugendlich in Not kostenlos zur Verfügung zu stellen.

  • sarah am 24.07.2015 13:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schön

    danke Genf! das sollte überall in der Schweiz geben...

  • LoveWins am 24.07.2015 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Akzeptanz

    Ich kann mich glücklich schätzen dass meine Familie und Freunde so verständnisvoll und unterstützend reagiert haben. Seit meinem comming-out vor 4 Jahren wurde ich kein wenig anderst behandelt von den Leuten in meinem umfeld und auch meinen Freund haben sie ohne probleme akzeptiert. Das ist es, was ich jedem Homosexuellen wünsche der/die sein/ihr comming-out plant! Es ist schön wenn man sich ein Leben lang anderst fühlt aber dann doch genau so akzeptiert wird, wie man ist.

  • Pascal am 24.07.2015 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Solche Organisationen sollten selbstverständlich sein. Auch wenn es heute vielleicht einfacher ist als vor ein paar Jahren. Ich habe es im Freundeskreis selbst erfahren, wie Freunde von mir auf Grund ihrer Sexualität vom einen auf den anderen Tag aus dem Elternhaus geworfen wurden. Für ein jungen Menschen gibt es wohl kaum Schlimmeres, als wenn selbst die eigene Familie nicht mehr hinter einem steht.

  • Corina am 24.07.2015 11:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist doch ganz egal

    traurig dass es in der heutigen Zeit so etwas braucht. Ob jemand homo,- heterosexuell oder lesbisch ist, sollte heutzutage nun wirklich kein Thema mehr sein, hauptsache die Person ist dabei glücklich.