Blähungen

08. August 2019 04:50; Akt: 10.08.2019 11:13 Print

Wer isst wie ein Influencer, bekommt Darmkrämpfe

von B. Zanni - Die Gier nach gesundem Essen beschert einer Vielzahl von Personen Magen- und Darmprobleme. Manche Betroffene wollen das nicht wahrhaben.

Bildstrecke im Grossformat »
In den sozialen Medien feiern Influencer täglich ihren gesunden Lifestyle: Zum Frühstück gibts ein Granola-Müesli, ... ... zum Abendessen einen Avocadosalat. Dazwischen halten sie sich mit einem Sellerie-Smoothie fit ... ... und snacken Edamame-Bohnen. Die vermeintlich gesunde Kost bereitet vielen Gesundheitsbewussten Magen- und Darmprobleme. «Weil sie nur noch das essen, was selbst ernannte Ernährungsapostel vorgeben, sind Patienten zunehmend im Speiseplan eingeschränkt und von Beschwerden betroffen», sagt der Aargauer Gastroenterologe Florian Riniker. «Eine junge Frau hatte nur noch Hummus und Karotten gegessen. Sie war mager und hatte vor lauter Karotin eine gelbe Haut», berichtet Riniker. Die Rohkost enthalte viele Gäralkohole und -zucker, was Blähungen, Krämpfe und Durchfall auslösen und am Ende zu einem Reizdarm führen könne, sagt der Luzerner Gastroenterologe Robert Bründler. Foodbloggerin Sylwina kann mit den kranken Gesundköstlern mitfühlen. «Ich habe schon fast alle Ernährungsstile ausprobiert. Den einzigen Stil, den ich abbrechen musste, war die sehr schwer verdauliche Rohkosternährung», sagt sie. Sylwina: «Am dritten Tag musste ich damit aufhören. Ich fühlte mich megavoll und aufgebläht, obwohl ich Hunger hatte.» Es gibt aber auch Rohköstler, die selbst nach der ärztlichen Diagnose an ihrem Ernährungsplan festhalten. «Diese Patientinnen glauben nicht, dass ihr Körper diese vermeintlich gesunde Kost nicht verträgt, und suchen die Ursache für ihr Unwohlsein beim nächsten Arzt», sagt Florian Riniker. Robert Bründler stellt fest: «Manchmal sind die Betroffenen erstaunt und konsterniert, weil die Diagnose ihre Theorie einer ‹gesunden› Ernährung auf den Kopf stellt.» Ernährungswissenschaftler Uwe Knop sagt: «Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt. Die Menschen sollten aufhören, auf Ernährungsgurus zu hören.» Man sollte nur essen, wenn man echten Hunger und Lust hat, und zwar das, was einem gut schmeckt und man gut verträgt, so Knop.

Zum Thema
Fehler gesehen?

In den sozialen Medien feiern Influencer täglich ihren gesunden Lifestyle: Zum Frühstück gibts ein Granola-Müesli, zum Abendessen einen Avocadosalat. Dazwischen halten sie sich mit einem Sellerie-Smoothie fit und snacken Edamame-Bohnen. Doch die gesunde Ernährung hat Folgen – eine Vielzahl junger Menschen landet deswegen beim Magen- und Darmspezialisten.

Umfrage
Wie wichtig sind Ihnen gesunde Lebensmittel?

«Weil sie nur noch das essen, was selbst ernannte Ernährungsapostel vorgeben, sind Patienten zunehmend im Speiseplan eingeschränkt und von Beschwerden betroffen», sagt der Aargauer Gastroenterologe Florian Riniker. Meist handle es sich um Patientinnen zwischen 20 und 40 Jahren, die sich vor allem von rohem Gemüse, Früchten und Smoothies ernährt hätten.

«Sie leiden unter Blähungen, Magenkrämpfen oder stören sich einfach daran, dass es in ihrem Bauch dauernd laut rumort», so Riniker. Im Extremfall seien die Patientinnen auch abgemagert. «Eine junge Frau hatte nur noch Hummus und Rüebli gegessen. Sie war mager und hatte vor lauter Karotin eine gelbe Haut.»

«Fühlte mich voll und aufgebläht»

Die Opfer der Gesundkost suchen auch beim Luzerner Gastroenterologen Robert Bründler Hilfe. «Ich behandle zunehmend Patientinnen und Patienten mit Reizdarmbeschwerden aufgrund von Rohkost», sagt Bründler. Die Rohkost enthalte viele Gäralkohole und -zucker, was Blähungen, Krämpfe und Durchfall auslösen und am Ende zu einem Reizdarm führen könne. «Im Glauben, sich besonders gesund zu ernähren, manövrieren sich einige Betroffene in eine ungesunde Ernährung hinein.» Es sei denkbar, dass Foodblogger und Influencer dabei einen grossen Einfluss ausübten. «Manche Patientinnen sind am Ende verunsichert, was sie essen sollen.»

Zahlen aus Deutschland bestätigen den Trend. Laut dem Barmer-Arztreport 2019 stiegen zwischen 2005 und 2017 die Reizdarmdiagnosen bei den 23- bis 27-Jährigen um 70 Prozent an. Dazu könnten veränderte Ernährungsgewohnheiten beigetragen haben. Für die Schweiz liegen keine offiziellen Zahlen vor.

Foodbloggerin Sylwina kann mit den kranken Gesundköstlern mitfühlen. «Ich habe schon fast alle Ernährungsstile ausprobiert. Der einzige Ernährungsstil, den ich abbrechen musste, war die sehr schwer verdauliche Rohkosternährung», sagt sie. Gerade mal zwei Tage habe sie es ausgehalten, sich von Salat, Zucchini, Gurken, Avocados, Smoothies und Nüssen zu ernähren. «Am dritten Tag musste ich damit aufhören. Ich fühlte mich megavoll und aufgebläht, obwohl ich Hunger hatte.»

Diagnose stelle Ernährungskonstrukt auf den Kopf

Nur mit Rohkost sei es ohne genauen Ernährungsplan kaum möglich, die für den Körper nötige Menge an Kalorien abzudecken, sagt Sylwina. «Ansonsten müsste man Unmengen von Avocados und Nüssen essen.» Ihrem gescheiterten Experiment trauert Sylwina nicht nach. «Ich bin fest davon überzeugt, dass es verschiedene Ernährungstypen gibt.» So habe sie etwa gemerkt, dass ihr Körper viele Kohlenhydrate brauche und sie deshalb auf Kartoffeln nicht verzichten könne.

Es gibt aber auch Rohköstler, die selbst nach der ärztlichen Diagnose an ihrem Ernährungsplan festhalten. «Diese Patientinnen glauben nicht, dass ihr Körper diese vermeintlich gesunde Kost nicht verträgt, und suchen die Ursache für ihr Unwohlsein beim nächsten Arzt», sagt Florian Riniker. Die meisten Patientinnen seien aber einsichtig, wenn er erkläre, dass der Mensch ein Allesfresser sei und er ansonsten die Steinzeit nicht überlebt hätte. Robert Bründler stellt fest: «Manchmal sind die Betroffenen erstaunt und konsterniert, weil die Diagnose ihre Theorie einer ‹gesunden› Ernährung auf den Kopf stellt.»

«Einteilung in gesunde und ungesunde Ernährung hat keinen Sinn»

Herr Knop, viele junge Menschen essen sich durch eine vermeintlich gesunde Ernährung krank. Spüren diese Menschen ihren Körper noch?
Nein. Oder sie ignorieren ihn. Sie zwingen sich in eine Ernährung hinein, die sie eigentlich gar nicht vertragen. Dabei orientieren sie sich meist an missionierenden Ernährungsaposteln, die in gesunde und ungesunde Lebensmittel einteilen.

Wollen Sie damit auch sagen, dass ein Hamburger so gesund ist wie eine Avocado?
Entscheidend ist einerseits die Frage: Warum esse ich? Und andererseits die Menge, die man vom jeweiligen Lebensmittel verzehrt. Die generelle Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn – das sagen die Ernährungsgesellschaften in der Schweiz, Deutschland und Österreich unisono.

Was heisst das konkret?
Wenn jemand kein Vollkornbrot mag, weil er davon einen Blähbauch und Flatulenzen bekommt, ist das Weissbrötchen die bessere Wahl. Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt. Die Menschen sollten aufhören, auf Ernährungs-Gurus zu hören. Man sollte nur essen, wenn man echten Hunger und Lust hat, und zwar das, was einem gut schmeckt und was man gut verträgt.



Uwe Knop* ist Ernährungswissenschaftler. Als Autor kritisiert er in verschiedenen Büchern den Hype um die gesunde Ernährung. Sein neustes Buch heisst «Dein Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten».

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Igel am 08.08.2019 05:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Self made

    Jeder Mensch ist ein Individium für sich selber. Und daher einzigartig. Jeder muss auf sich selber hören was für ihn das beste ist. Da kann auch ein Influencer nichts ändern daran. Wer nur noch auf Follower macht um Inn zu sein, dem ist nicht zu helfen. Daher bin ich mein eigener Influenzer.

    einklappen einklappen
  • Expat am 08.08.2019 05:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Essen was natürlich ist.

    Esse was ich gerne mag und mir gut tut, dazu brauche ich keinen Influencer. Über meinen Körper entscheide ich alleine. Ich esse fast alles, Kohlenhydrate, Fleisch, Fisch, Gemüse und Früchte. Eben das was die Natur fpür den Menschen vorgesehen hat. Ergebnis, keine Blähungen oder Magenprobleme und Spass beim Essen.

    einklappen einklappen
  • mh am 08.08.2019 05:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das leben eines influencer

    sie berichten über alles, leckeres essen,schönheit, muskeln, "natürlichkeit" aber ihr stuhlgang ist hald nicht mehr schön genug um darüber zu berichten ;-)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • CWeiss am 09.08.2019 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    Lustessen ist gesund

    Ich habe "worauf ich Lust habe" angekreuzt. Dadurch esse ich aber auch ausgewogen und gesund. Insbesondere meine psychische Verfassung bezüglich Essen ist gesund. Das kann man von jenen Unglückseligen nicht behaupten, die auf jeden Schwachsinn der "Ernährungsberater" und der Gesundheitsämter hereinfallen, die einem immer wieder erzählen wollen, was gesund und was ungesund sein soll.

  • Doofe Begriffe am 09.08.2019 07:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Influencer & Co

    Ach ja...die heutige Zeit. Ich hätte mir ja früher ja auch nie träumen lassen, dass ichs mal zum PornoProduzenten schaffe. Zum FoodpornoProduzenten...!

  • Papa Bär am 09.08.2019 00:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kann man nicht...

    ...auf Influencer verallgemeinern. Absoluter Blödsinn. Abgelaufene Lebensmittel jeglicher Art, schön auf appetitlich hochgepeppt trügen unser Auge und der Darm wird sich rächen. Jeder kann da betroffen sein, ausser der Flatulenzer. Der verdaut, klemmt die Muffe und gibt Abgase ab. Kühe tun das auch. Freu mich schon auf das dramatische Ozonschichtthema demnächst auf diesem Kanal.

  • No Fluencer am 08.08.2019 23:18 Report Diesen Beitrag melden

    Essen wie wer??

    wer isst wie ein "Influencer" hat sowieso Probleme.

  • Ernährung - am 08.08.2019 22:59 Report Diesen Beitrag melden

    was essen oder nicht...

    ein Thema, das immer zieht und selbst der Sommerflaute zu trotzen vermag. Hierzulande hat man die Qual der Wahl, kann sich auf Grösse Zero runterhungern und wünscht sich trotzdem noch: Guten Appetit.