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14. November 2016 20:06; Akt: 15.11.2016 09:46 Print

Gewalt gegen Schwule wird jetzt registriert

Wie häufig sind Angriffe auf Schwule und Lesben? Eine Meldestelle soll Klarheit bringen – und den Opfern helfen.

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Gewalt gegen Beamte, in Paarbeziehungen oder zwischen Eltern und Kindern: All diese Kategorien erfasst die Schweizer Kriminalstatistik fein säuberlich. Anders verhält es sich bei Delikten gegen Homosexuelle und Transmenschen: Sie werden in der Schweiz in keiner Statistik separat ausgewiesen.

Umfrage
Sollen die Behörden Straftaten gegen Schwule und Lesben statistisch erfassen?
54 %
6 %
38 %
2 %
Insgesamt 5168 Teilnehmer

Das soll sich nun ändern: Seit heute gibt es in der Schweiz eine private Meldestelle für homophobe Gewalt. Über eine 24-Stunden-Hotline oder einen Online-Fragebogen können Opfer oder Zeugen Delikte gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen (LGBT) melden. Hinter dem Angebot LGBT Helpline Schweiz stehen verschiedene Organisationen, darunter Pink Cross und Amnesty International.

Hate Crimes systematisch erfassen

Rund 30 Beraterinnen und Berater unterstützen die Anrufer, vermitteln psychologische und medizinische Hilfe oder helfen beim Gang zur Polizei. Künftig will die Meldestelle zudem jährlich sämtliche Vorfälle in einem Bericht veröffentlichen und die Daten anonymisiert an die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) weitergeben, die sogenannte Hate Crimes gegen LGBT-Menschen systematisch erfasst.

Bastian Baumann, Geschäftsleiter von Pink Cross, sagt, eine wirksame Verfolgung und Prävention von Hassverbrechen gegen LGBT-Menschen sei nur möglich, wenn das ganze Ausmass des Problems bekannt sei. «Ohne Statistik ist das nicht der Fall. Was nicht erfasst wird, ist auch nicht auf dem Radar von Verwaltung, Polizei und Politik.» Auch die Bevölkerung wisse heute zu wenig Bescheid über diese Art von Gewalt.

Übernimmt der Bund die Statistik?

Baumann verweist auf eine Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, wonach in den vergangenen fünf Jahren über ein Drittel aller LGBT aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität angegriffen oder bedroht wurden. Anders als die Schweiz erfassen Staaten wie Deutschland, Italien oder Grossbritannien solche Delikte bereits heute offiziell und rapportieren sie an die OSZE.

«Ziel ist ganz klar, dass auch in der Schweiz in Zukunft die offiziellen Behörden diese Aufgabe wahrnehmen», so Baumann. Entsprechende Vorstösse aus den Reihen von BDP und GLP sind im Parlament bereits hängig. Wie der Bundesrat in seiner Antwort darauf schreibt, erachtet er eine Erfassung von Hate Crimes grundsätzlich als sinnvoll. Allerdings gelte es, Kosten und Nutzen der Statistik abzuwägen.

«Polizei behandelt alle gleich»

Baumann sagt, viele Polizeistellen seien bereits heute sensibilisiert. So gibt es in Zürich die sogenannten Pink Cops, einen Verein homosexueller Polizisten und Polizistinnen, die in solchen Fällen «tolle Ansprechspartner» seien. «Leider gibt es aber starke regionale Unterschiede, vor allem aus ländlichen Regionen hören wir oft, dass die Anzeigen nicht ernst genommen werden.»

Johanna Bundi Ryser, die Präsidentin des Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter VSPB, betont, die Polizei behandle alle Personengruppen gleich – «unabhängig von ihrer sexuellen Neigung». Während der Ausbildung werde Polizistinnen und Polizisten heute bereits die nötige Sensibilität vermittelt, um adäquat auf solche Delikte reagieren zu können.

In einer systematischen Erfassung von homo- und transphober Gewalt sieht Bundi Ryser auch Vorteile: «Eine Statistik würde zum Vorschein bringen, ob es sich um einen Trend oder nur um Einzelfälle handelt.» Anhand der Zahlen könnten falls nötig gezielte Präventionsmassnahmen geplant und durchgeführt werden. Auf die Polizeiarbeit hätte diese aber keinen Einfluss.

(jbu)