Kampf gegen Littering

19. September 2019 07:32; Akt: 19.09.2019 10:47 Print

Politiker wollen 1 Franken Depot auf PET-Flaschen

Parlamentarier von links bis rechts haben genug von Littering: Sie fordern ein Pfand für Dosen, PET- und Glasflaschen. Laut Swiss Recycling lässt sich damit das Problem nicht lösen.

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Sie liegen am Strassenrand, in Zugabteilen, auf Wiesen: Achtlos weggeworfene PET-Flaschen und Getränkedosen ärgern CVP-Nationalrat Alois Gmür. Er will darum ein Pflichtpfand auf alle Getränkeflaschen und -dosen einführen. «Ein Pfand gibt leeren Flaschen und Dosen einen Wert. So werden sie nicht weggeworfen, sondern zurückgebracht», sagt Gmür. Mindestens 50 Rappen bis maximal einen Franken soll das Depot betragen. Mit einem Pfandsystem gebe es weniger Abfall, es würden viel eher Mehrwegflaschen genutzt und die Ressourcen geschont, führt Gmür aus. Grünen-Präsidentin Regula Rytz unterstützt den Vorschlag. Das Recyclingsystem in der Schweiz funktioniere zwar gut, aber habe Schwachstellen, sagt sie. Vor allem Einwegflaschen seien ökologischer Unsinn – egal, ob aus Plastik oder Glas. Die Reproduktion von Altglas benötige sehr viel Energie, und nur 83 Prozent der PET-Flaschen würden recycelt: «Sie sind mitverantwortlich für die Plastikrückstände in unseren Böden und Gewässern», so Rytz. SVP-Nationalrat Markus Hausammann unterstützt Gmürs parlamentarische Initiative vor allem aus Tierschutzgründen. Aus Bauernsicht sei Littering fatal, sagt er. Würden Tiere weggeworfene Scherben, Dosen- oder Plastikteile fressen, kämen sie qualvoll ums Leben. Hausammann plädiert gar für ein Pfand von bis zu zwei Franken. Nur so könne man Fehlbare erziehen. Ein Pflichtpfand habe viele Nachteile, sagt Patrik Geisselhardt, Geschäftsleiter von Swiss Recycling. «Es ist nicht kundenfreundlich, bringt keinen ökologischen Mehrnutzen und die Kosten würden explodieren.» Wegen neuen Pfandautomaten und aufwendigerer Logistik stiegen laut Swiss Recycling die Kosten von heute 90 auf 290 Millionen Franken. Zudem gäbe es – statt wie heute 100'000 Sammelstellen – nur noch rund 7000. Auch der Umwelt bringe ein Pfand nichts: Heute könnten Konsumenten meist ganz in ihrer Nähe Getränke fachgerecht entsorgen. Bei so wenigen Abgabestellen würden noch mehr Flaschen und Dosen einfach am Strassenrand oder in der Natur liegen gelassen.

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Sie liegen am Strassenrand, in Zugabteilen, auf Wiesen: Achtlos weggeworfene PET-Flaschen und Getränkedosen ärgern CVP-Nationalrat Alois Gmür. Seine Lösung gegen das Littering-Problem: ein Pflichtpfand auf alle Getränkeflaschen und -dosen. Das fordert er in einer parlamentarischen Initiative.

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«Ein Pfand gibt leeren Flaschen und Dosen einen Wert. So werden sie nicht weggeworfen, sondern an die Verkaufsstellen zurückgebracht», sagt Gmür. Mindestens 50 Rappen bis maximal einen Franken soll das Depot betragen. Das gebe weniger Abfall, es würden viel eher Mehrwegflaschen genutzt und die Ressourcen geschont, führt er aus.

«PET-Littering belastet die Umwelt massiv»

Die gleiche Initiative hatte Gmür schon 2013 eingereicht – damals ohne Erfolg. Diesmal rechnet er sich bessere Chancen aus: «Das Abfallproblem ist seither schlimmer geworden, und das Parlament nimmt den Klimaschutz viel ernster.» 31 Parlamentarier von links bis rechts unterstützen seine Initiative.

So auch Grünen-Präsidentin Regula Rytz. Sie betont, dass das Recyclingsystem in der Schweiz gut funktioniere: «Aber es hat Schwachstellen.» Einwegflaschen seien ökologischer Unsinn – egal, ob aus Plastik oder Glas: «Um aus den 344'000 Tonnen Altglas, die jährlich im Land anfallen, neues Glas herzustellen, braucht es die Energie von 52 Millionen Litern Öl.»

Und nur 83 Prozent aller PET-Flaschen würden recycelt. Falsch entsorgt, belasteten sie die Umwelt stark. «PET-Flaschen sind mitverantwortlich für die Plastikrückstände in unseren Böden und Gewässern», so Rytz. Das bestätigt eine Empa-Studie (siehe Box). Deshalb seien Mehrwegflaschen viel sinnvoller, sagt Rytz. «Dank des Pfand-Obligatoriums sind sie in Deutschland viel verbreiteter als bei uns.»

200 Millionen Franken mehr, nur 7000 Sammelstellen

SVP-Nationalrat Markus Hausammann unterstützt die Initiative vor allem aus Tierschutzgründen. «Aus Bauernsicht ist Littering fatal. Fressen Tiere weggeworfene Scherben, Dosen- oder Plastikteile, sterben sie qualvoll daran.» Er plädiert gar für ein Pfand von bis zu zwei Franken. Nur mit einem hohen Preisaufschlag könne man Fehlbare erziehen.

Ein Pflichtpfand sei absolut unnötig, zerstöre das «hervorragende Sammelsystem» in der Schweiz und brächte diverse Nachteile, sagt Patrik Geisselhardt, Geschäftsleiter von Swiss Recycling. «Es ist nicht kundenfreundlich, bringt keinen ökologischen Mehrnutzen und die Kosten würden explodieren.» Wegen Gmürs Initiative hat der Verein ein Faktenblatt erstellt und dort die Konsequenzen einer Pfandpflicht aufgelistet.

Beim Pfandsystem stiegen die Kosten von heute 90 auf 290 Millionen Franken. «Das vor allem wegen der neuen Pfandautomaten und der aufwendigeren Logistik», so Geisselhardt. Zudem gäbe es – statt wie heute 100'000 Sammelstellen – nur noch rund 7000. «Dafür müsste aber jeder einzelne Laden im Land Pfandflaschen und -dosen zurücknehmen.»

«Pfand kann Littering begünstigen»

Auch der Umwelt bringe Gmürs Initiative nichts – im Gegenteil. Heute richte man Sammelstellen nahe bei den Konsumenten ein, sagt Geisselhardt. «So können sie Getränke dort fachgerecht entsorgen, wo sie sie konsumieren.» Denn die meisten seien nicht bereit, leere Flaschen oder Dosen nach Hause zu nehmen oder kilometerweit mitzutragen. «Sie würden dann vielleicht noch häufiger am Strassenrand oder in der Natur liegen gelassen.»

Gmür sieht das anders: «Dort, wo Getränke mit Pfand gekauft werden, muss man sie auch zurückgeben können.» So könne man beim nächsten Einkauf das Leergebinde gleich mitnehmen, der Gang zur Sammelstelle entfalle. Aber er rechnet mit Widerstand gegen seine Initiative: «Für Getränkefirmen und Detailhändler sind Einwegflaschen einfacher und billiger.» Diese Kreise würden jetzt gegen seinen Vorstoss lobbyieren.

Die Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz, zu der auch Migros, Coop und Manor gehören, sprach sich schon mehrfach gegen ein Pfand oder Depot auf Getränkeflaschen aus. Das heutige Recyclingsystem funktioniere gut, betonten die Sprecher jeweils.

(qll/rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • popi am 19.09.2019 07:47 Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Ansatz

    Das Littering ist das Ergebnis, die Ursache dafür liegt im Verhalten der Menschen und ist somit in der Erziehung und Gesellschaft zu suchen. Das ist das Ergebnis der liberalen Erziehung und des nicht Vorhandenseins eines Bezugs zum Heimatort, gepaart mit zu viel Wohlstand auf Schuldenbasis, was wiederum mit Werten und Erziehung zu tun hat.

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  • Büezer am 19.09.2019 07:41 Report Diesen Beitrag melden

    Rad neu erfinden?

    Hinterfragt mal bei den Grossverteiler, warum man das Depot damals aufgehoben hat. Aber ja das Littering Problem ist da, und das liegt an der Erziehung und Einstellung der Leute. Gut wenn es hilft, mit einem Depot geht dem Konsument nichts verloren.

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  • Schnitzel Bank am 19.09.2019 07:38 Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Ansatz

    Warum sollen wieder alle leiden, wegen 2 bis 5% Macht auf das wegwerfen von Müll 200 CHF und setzt das auch durch, dann löst sich das Problem ganz schnell von selbst, und die Allgemeinheit leidet nicht drunter. Oder ist das so schwer einen mit einer Buse zu belegen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jimmy am 20.09.2019 22:02 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Einnahme-Quelle + Problem bleibt

    Das Problem muss an den Wurzeln angepackt werden, und das heisst Produktion-Verbot.

  • Frau53 am 20.09.2019 18:12 Report Diesen Beitrag melden

    zurück zum Glas mit Depot

    Gesünder und besser für die Umwelt wäre es, wenn man wieder alles in Glasflaschen abfüllen würde und darauf ein Depot erheben würde. Gerade so wie in vergangenen Zeiten. der Müll heute ist schon sehr bedenklich. Ich kann mich an keine Zeit meiner Kindheit und Jugend erinnern, in der es Müll an den Strassenränder gehabt hätte. So gesehen ist es also das menschliche Verhalten mit Abfall, das dazu zwingt eine erzieherische Lösung für das Problem PET und Abfall zu finden. Traurig, da wir in einem Land leben wo es wahrhaftig genügend Abfalleimer am Wegesrand gibt. Nur nutzen muss man diese.

  • arno am 20.09.2019 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Finde ich gut, sehr gut

    Hab schon fleissig Pet-Flaschen gesammelt, sobald das Pfand kommt werde ich diese verkaufen und mir ein schickes E-Cabriolet kaufen. Ich hoffe auch weiterhin noch viele Flaschen weggeworfen werden, mit dem Pfand werden die sicher nicht lange liegen bleiben.

  • Florentin am 20.09.2019 16:44 Report Diesen Beitrag melden

    Aluminium

    Fünfzig Rappen Depot auch auf Alu-Getränkedosen

  • Spool am 20.09.2019 12:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ist es nun

    Die Detailhändler wehren sich. Logisch. Gerade sie sollen in die Pflicht genommen werden. Ein Pfand von einem Franken kann nur positiv auswirken. Das Argument, es würde noch mehr Flaschen und Dosen herumliegen, ist schlicht eine bequeme Farce. All die, die auf Geld angewiesen sind, Obdachlose, working poor Familien usw. könnten mit einsammeln von herumliegenden Dosen und Flaschen zusätzlich Einnahmen generieren. Auch steuerfrei. In Deutschland funktioniert es. Warum soll das bei uns nicht auch gehen? Nur über Geld lässt sich Herr und Frau Schweizer umerziehen. Tatsache aber traurig.