Vaterschaftsurlaub

13. September 2019 09:52; Akt: 13.09.2019 09:55 Print

Gibt es wegen Papi-Urlaub bald mehr Kinder?

Vaterschaftsurlaube beeinflussen laut Experten die Familienplanung merklich: Die Geburtenrate würde steigen. Das legen Erfahrungen aus dem Ausland nahe.

Bildstrecke im Grossformat »
Frischgebackene Väter sollen in der Schweiz zwei Wochen Vaterschaftsurlaub erhalten. Nach dem Stände- hat am Mittwoch auch der Nationalrat dieser Lösung zugestimmt. Das könnte für mehr Nachwuchs sorgen, sagt Familienpsychologe Erhard Grieder. Habe ein junges Paar die Gewissheit, dass sich beide ums Baby kümmern könnten, entschieden sie sich viel eher dazu, Eltern zu werden. Ein Vaterschaftsurlaub wäre eine grosse Erleichterung bei der Familienplanung, sagt auch Leser Martin. Er und seine Frau würden auch darum noch zuwarten, bis dieser gesetzlich verankert sei. (Symbolbild) Eine mehrwöchige Elternzeit, wie sie viele Länder in Europa kennen, brächte Paaren eine finanzielle Entlastung. Sie würden sich dann viel eher entscheiden, Eltern zu werden. «Die Geburtenrate in der Schweiz würde klar steigen», so Familienpsychologe Grieder. Seit der Einführung von Elterngeld und -zeit in Deutschland stieg die durchschnittliche Kinderanzahl von 1,33 auf 1,57. In der Schweiz war der Anstieg von 1,44 auf 1,52 im selben Zeitraum klar geringer Als in Österreich die Elternzeit auf zwei Jahre verlängert wurde, stiegt die Geburtenrate laut einer Studie um 12 Kinder pro 100 Frauen. Auch Gudrun Sander von der Uni St.Gallen sagt, Vaterschaftschaftsurlaub und Elternzeit seien förderlich für die Geburtenrate. So fehle nicht ausschliesslich die Mutter am Arbeitsort, sondern auch der Vater. «Für Unternehmen ist es dann nicht mehr so entscheidend, ob sie Frauen oder Männer einstellen oder befördern. Das erhöht die Job- und Aufstiegschancen der Frauen», so Sander Das führe dazu, dass Frauen besser verdienten und selbstsicherer würden. «Und wenn Frauen mehr Vertrauen haben, dass sie die Familie selber ernähren können, haben sie auch mehr Kinder.» Eine mehrwöchige Elternzeit schiesse weit übers Ziel hinaus, sagt SVP-Nationalrätin Verena Herzog. «Man will Kinder und fordert zugleich die Unterstützung des Staates.» Das sei asozial und verantwortungslos. Einen weiteren Sozialabbau könne sich die Schweiz nicht leisten. Vor allem KMU würden bei dieser Lösung gewaltig zur Kasse gebeten und wegen der Arbeitsausfälle organisatorisch vor grosse Probleme gestellt. «Letztlich würden dadurch Arbeitsplätze gefährdet», ergänzt Herzog.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Frischgebackene Väter sollen in der Schweiz bald zwei Wochen bezahlte Ferien erhalten, nachdem auch der Nationalrat am Mittwoch dieser Lösung zugestimmt hat. Die Neuerung könnte für mehr Nachwuchs sorgen, sagt Familienpsychologe Erhard Grieder: «Haben junge Paare die Gewissheit, dass sie nach der Geburt beide für das Kind da sein können, fassen sie viel eher den Entschluss, Eltern zu werden.»

Umfrage
Befürworten Sie einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub?

Das bestätigt Leser Martin*: «Ein Vaterschaftsurlaub wäre eine grosse Erleichterung. So könnte ich in der stressigen Zeit meiner Frau beistehen, mich ums Baby kümmern und die Zeit nach dem Mutterschaftsurlaub organisieren. Bei meinem stressigen Job wäre das heute nicht möglich.» Sie planten derzeit Nachwuchs, würden aber noch zuwarten, bis der Papi-Urlaub Tatsache sei. Und auch aus finanziellen Gründen, so der 28-Jährige.

Mehr Geburten in den Nachbarländern

Das sei eines der Hauptargumente junger Paare, sich gegen Kinder zu entscheiden, so Grieder: «Sie haben Angst, dass ein Lohn nicht ausreicht, um über die Runden zu kommen. Und viele Frauen fürchten sich, den Beruf für längere Zeit aufzugeben.» Ohne diesen wirtschaftlichen Druck falle es Paaren deutlich leichter, eine Familie zu gründen. Ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub mindere diese Last aber nur bedingt.

«Aus finanzieller Sicht wäre eine gemeinsame mehrwöchige Elternzeit, wie sie viele europäische Länder kennen, ein Riesenvorteil», ergänzt Martin. Davon ist auch Grieder überzeugt: «Diese Absicherung wäre sehr entlastend. So könnten sich Paare entspannt und mit Freude ins Abenteuer Kleinfamilie stürzen.»

Eine Elternzeit führte gar zu einem Babyboom, ist sich der Familienpsychologe sicher: «Die Geburtenrate in der Schweiz würde klar steigen.» Zahlen aus Nachbarländern legen das nahe. Als in den 90er-Jahren in Österreich die Elternzeit von einem auf zwei Jahre verlängert wurde, stieg die Geburtenrate um 12 Kinder pro 100 Frauen. Das zeigt eine Metastudie der London School of Economics.

Auch in Deutschland haben Elterngeld und die 36-monatige Elternzeit merklich Einfluss auf die Geburtenrate: Seit 2006 stieg die durchschnittliche Kinderanzahl von 1,33 auf 1,57. In der Schweiz war der Anstieg von 1,44 auf 1,52 im selben Zeitraum klar geringer. «In Deutschland haben Mütter zudem eine zweijährige Arbeitsplatzgarantie», so Grieder. Ein weiterer Bereich, wo die Schweiz noch weit hinterher hinke.

«Elternzeit erhöht Jobchancen der Frauen»

Auch Gudrun Sander, Direktorin des Kompetenzzentrums für Diversity&Inklusion an der Uni St.Gallen, sagt, Vaterschaftschaftsurlaub und Elternzeit trügen zu einem Kinderboom bei – wenn auch indirekt. Sie begründet das aus ökonomischer Sicht. Bei einer gemeinsamen Elternzeit sinke für Unternehmen das Risiko, Frauen einzustellen. Bei einer Geburt fehle dann nicht ausschliesslich die Mutter am Arbeitsort – sondern auch der Vater.

«Für Unternehmen ist es dann nicht mehr so entscheidend, ob sie Frauen oder Männer einstellen oder befördern. Das erhöht die Job- und Aufstiegschancen der Frauen.» Das führe dazu, dass Frauen besser verdienten und selbstsicherer würden. «Und wenn Frauen mehr Vertrauen haben, dass sie die Familie selber ernähren können, haben sie auch mehr Kinder», ergänzt Sander. Dies sei aber nur ein Puzzleteil in einem komplexen Bereich.

«Verantwortungslos und asozial»

Die Forderung nach einer mehrmonatigen Elternzeit schiesse weit übers Ziel hinaus, sagt dagegen SVP-Nationalrätin Verena Herzog. «Das zeigt einmal mehr die Fünfer- und Weggli-Mentalität: Man will Kinder und fordert zugleich die Unterstützung des Staates.» Das zeuge nicht von Eigenverantwortung.

Einen weiteren Sozialausbau könne sich die Schweiz schlicht nicht leisten. «Das wäre verantwortungslos und absolut asozial, auch gegenüber Kinderlosen», so Herzog. Zudem entstünden indirekte Kosten: Vor allem KMU würden gewaltig zur Kasse gebeten und wegen der Arbeitsausfälle organisatorisch vor grosse Probleme gestellt. «Letztlich würden dadurch Arbeitsplätze gefährdet.»

Dass so die Geburtenrate stiege, wäre zwar wunderbar – aber sehr kurzsichtig, ergänzt Herzog. Eltern trügen bis zum 18. Lebensjahr die Verantwortung für ihre Kinder, müssten auf vieles verzichten und sich auch finanziell einschränken. Zudem zeigten Studien in Spanien genau das Gegenteil. «Dort war die Geburtenrate in den Jahren nach der Einführung des zweiwöchigen Vaterschaftsurlaubs rückläufig.»

*Name der Redaktion bekannt

(rol)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Statussymbol Kind am 13.09.2019 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    weshalb wollt ihr Kinder?

    Wenn ihr nur deswegen Kinder zeugen wollt, dann lasst es lieber ganz sein!

    einklappen einklappen
  • Dryg am 13.09.2019 09:58 Report Diesen Beitrag melden

    Genau

    Als ob ich eher ein Kind bekomme wegen paar Wochen mehr Zeit

  • wirzwei am 13.09.2019 09:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zuerst überlegen bevor Schwanger

    Wenn Paare Angst haben, dass der Lohn nicht reicht mit Kindern, sollten sie auf keinen Fall Kinder aufstellen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Michelle müller am 14.09.2019 23:03 Report Diesen Beitrag melden

    Immer das gleiche

    Die Fünfer und Weggli Mentalität zeigt hier wohl die SVP....wollen die Familien nicht unterstützen und wenn es dann kaum mehr Schweizer Kinder gibt ist es ihnen auch nicht Recht....viele können sich Kinder nicht mehr leisten....

  • Kurtz am 14.09.2019 20:37 Report Diesen Beitrag melden

    Im ernst?

    Ist schon wieder 1 april?

  • Sepp Trub am 14.09.2019 19:36 Report Diesen Beitrag melden

    Vater soll Geld verdienen, nicht windeln

    Der Papi soll arbeiten, bueffeln und schwer Geld verdienen fuer die gute Familie. Nicht immer an Urlaub und Ferien an der Adria denken, Bloedsinn. Mami ist zuhause und wenn Mami hilfe braucht soll der Papi jemand anstellen der putz, kocht oder auf sonst der Mami hilft.

  • Lea am 14.09.2019 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder, nein merci!

    Ich lasse mir trotzdem kein Kind anhängen. Ich habe meinen Traumjob gefunden, jetzt schmeisse ich nicht alles hin, um nachher am Herd zu stehen!

  • Vater am 14.09.2019 16:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    2 Wochen?

    Klar, nach 2 Wochen ist die strenge Zeit vorbei und das Geld reicht dann auch auf einmal wieder. Nur ein bisschen kurzsichtig.