Bundesrat und PLO

12. Februar 2016 20:25; Akt: 12.02.2016 21:19 Print

Grabers geheime Krisenagenda

Für Geheimverhandlungen mit Palästinensern in Genf blieb Aussenminister Pierre Graber im September 1970 praktisch keine Zeit. Das zeigt ein Blick in seine Privatagenda.

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Es existiert bis heute kein einziger schriftlicher Beleg dafür, dass Aussenminister Pierre Graber im September 1970 mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) einen Geheimdeal abgeschlossen hat. Und es gibt auch jetzt keinen Hinweis darauf, da dem «Tages-Anzeiger» Grabers persönliche Agenda für diese Zeit vorliegt.

Das Dokument, welches die Bibliothek von La Chaux-de-Fonds aufbewahrt und das neu auf der Internetseite der Diplomatischen Dokumente der Schweiz einsehbar ist, zeigt auf, wie dicht gedrängt die Termine in Grabers Agenda während der Entführung einer DC-8 der Swissair nach Jordanien waren. Nach der Geiselnahme am 6. September 1970 arbeitete der Waadtländer zeitweise fast rund um die Uhr.

Einmal kurz in Lausanne

Die Arbeit schien den Waadtländer also permanent in der Bundesstadt zu halten, zumal er selbst Abendtermine, wie ein Diner zu Ehren des französischen Staatssekretärs Jean de Lipkovski und ein Treffen der amtierenden und ehemaligen Bundesräte auf dem Landsitz Lohn, nicht einfach absagen konnte.

Dennoch soll der Aussenminister in diesen Tagen ohne Wissen des Bundesrats nach Genf gereist sein und dort an mehreren Tagen den Palästinenser Farouk Kaddoumi getroffen haben. Das ist die These, die NZZ-Journalist Marcel Gyr in seinem Buch «Schweizer Terrorjahre» vertritt.

Ex-Staatssekretär lehnt These von Autor ab

Traf Graber Kaddoumi tatsächlich in Genf, wird dieser Termin kaum in seiner Agenda stehen. Denn wäre ein Deal dieser Art bekannt geworden, hätte der Waadtländer sofort zurücktreten müssen. Graber hätte den Bundesrat wie auch den internationalen Krisenstab desavouiert.

Grabers ehemalige Mitarbeiter, darunter Alt-Staatsekretär Franz Blankart, lehnen Gyrs These darum ab. Blankart sagt: «Graber war zu karrierebewusst, aber auch zu loyal gegenüber dem Gesamtbundesrat.»

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