Aufnahmestopps

16. April 2015 20:29; Akt: 16.04.2015 20:29 Print

Gravierender Ärztemangel in den Städten

von Pascal Michel - Hausärzte sind überlastet und können kaum neue Patienten aufnehmen. Das habe dramatische Folgen, sagen die Betroffenen.

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Verein Hausärzte Stadt Zürich: www.hausarzt.ch

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Der Ärztemangel hat die Städte erreicht: Immer mehr Hausärzte sind überlastet und können keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Sie sehen sich gezwungen, über einen Aufnahmestopp zu verfügen. «Es kommt vor, dass Leute nach einer Todesanzeige anrufen, in der Hoffnung, dass nun ein Platz frei geworden ist», sagte der Präsident des Hausärztevereins Baden zur «Aargauer Zeitung».

Auch in der Stadt Zürich sind die Terminkalender der Hausärzte voll. Der Verein Hausärzte Stadt Zürich führt auf seiner Homepage eine Liste mit Ärzten, die noch neue Patienten aufnehmen. In der gesamten Stadt nehmen nur 32 der gesamt fast 200 Hausärzte noch neue Kunden auf – das ist nicht einmal jeder Sechste. Dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern: Laut einer Studie des Schweizer Gesundheitsobservatoriums wird im Jahr 2030 jeder dritte Arzttermin nicht mehr durch einen Mediziner gedeckt werden können.

Pensionierungen verschärfen Mangel

Diese Entwicklung beobachtet auch Philippe Luchsinger, Vorstandsmitglied des Verbands Hausärzte Schweiz. «Dass Hausärzte keine neuen Patienten mehr aufnehmen, ist ein zunehmendes Problem, nicht nur in den Randgebieten, sondern in der ganzen Schweiz.» Laut Luchsinger wird sich der Mangel gar noch verschärfen: «Da in den nächsten fünf Jahren ein Drittel der Hausärzte in Pension geht, werden in Zukunft noch mehr Ärzte einen Aufnahmestopp erlassen.»

Der Verband Hausärzte Schweiz sieht im Aufnahmestopp ein Gesundheitsrisiko für die Patienten: «Die Leute könnten darauf verzichten, sich untersuchen zu lassen, weil sie keinen Termin beim Hausarzt erhalten», sagt Luchsinger. Das führe dazu, dass Symptome einer Krankheit nicht entdeckt würden, was erhebliche Gesundheitsschäden verursachen könne. Eine weitere Auswirkung der überlasteten Praxen: «Wenn keine Hausärzte verfügbar sind, werden die Patienten auch mit kleineren Beschwerden direkt die Notfallstation aufsuchen», so Luchsinger.

Statt zum Hausarzt in die Notfallpraxis

Die Zahlen des Universitätsspitals Zürich bestätigen diese Befürchtung. Zwischen Januar 2014 und März 2015 haben dort die Behandlungen leichter Verletzungen um 22 Prozent zugenommen. «Viele kommen mit Beschwerden, die ein Hausarzt gut hätte behandeln können: chronische Rückenschmerzen, Ausschlag, Fusspilz, verstauchte Knöchel», sagt Dagmar Keller, Leiterin der Notfallstation. Das Spital hat speziell für die leichten Behandlungen ein eigenes Team zusammengestellt. «Ansonsten hätten wir eine noch grössere Überfüllung der Notfallstation», so Keller.

Luchsinger sieht nun die Politik in der Pflicht, denn die Gesundheit der Bevölkerung stehe auf dem Spiel. Auch für Yvonne Gilli, Nationalrätin der Grünen und Ärztin, sind die Folgen dramatisch. «Leider scheint in der Schweiz kein politischer Wille vorhanden zu sein, um mehr Ärzte auszubilden.»

Erst am Mittwoch lehnte die Gesundheitskommission des Nationalrats einen Vorstoss der GLP-Nationalrätin Margrit Kessler mit 13 zu 8 Stimmen ab. Sie forderte, dass mehr Studierende zum Medizinstudium zugelassen werden. «Wenn man schon keine Anhebung der Studierendenzahlen will, muss jetzt dringend der Beruf Hausarzt an den Universitäten attraktiv gemacht werden», sagt sie. Kessler fordert deshalb, dass angehende Mediziner ein Praktikum bei einem Hausarzt absolvieren müssen. «Es hat sich gezeigt, dass viele Studierende den Weg des Hausarzts einschlagen, nachdem sie gesehen haben, wie abwechslungsreich dieser Beruf ist.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • notfallpflegende am 16.04.2015 20:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    überfüllter Notfall

    und deshalb kommen viele Patienten auf die Notfallstation , aber ich bitte euch verstàndnis zu haben wenn man mit Fieber,Halsschmerzen , Verstauchten Knöchel usw auf dem Notfall warten muss! Jeder Mensch ist uns wichtig aber bitte versteht das diese Fälle kein Notfall ist bei dem ihr nach 1 Stunde drankommen müsst . Stellt euch vor ihr hättet ein lebensbedrohliches Problem .... ich bitte um Verständnis da es wirklich belastend ist wenn man noch von Leuten bezüglich den Wartezeiten angeschrien wird. wir geben unser bestes :)

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  • P.Eter am 16.04.2015 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Numerus Clausus

    Wenn ich sowas lese, werde ich richtig wütend. Es gibt über 4000 Anmeldungen pro Jahr in der ganzen Schweiz für das Medizinstudium, jedoch nehmen sie nur 600-700 Studenten pro Jahr, trotz massivem Ärztemangel. Wo ist da die Logik?

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  • Hans N. am 16.04.2015 20:43 Report Diesen Beitrag melden

    Numerus Clausus abschaffen

    Solange es einen Numerus Clausus an den Universitäten gibt, die nur eine bestimmte Prozentzahl an Studenten aufnimmt, statt einfach eine Mindestnote bei Aufnahmeprüfungen zu verlangen, muss man sich über zu wenig Ärzte nicht wundern!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • zorro am 17.04.2015 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    POLMED?

    Kein Problem. Wir haben ja scheinbar in Zürich genug Polizisten, die auch als Mediziner einspringen könnten. ;)

  • Peter Böhi am 17.04.2015 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Staatsmedizin

    De facto haben wir eine Staatsmedizin - vieles ist subventioniert bzw. vom Steuerzahler getragen, zudem ist alles kontrolliert und reguliert, von der Ausbildung bis zum Tarifwesen. Da kann der Markt ja nicht spielen, und Ungerechtigkeiten und Engpässe sind die logische Folge. Vielleicht sollten wir wieder zu einem weniger regulierten, offeneren System zurückkehren, aus dem sich der Staat zurück zieht. Dann werden Hausärzte automatisch besser verdienen und mehr Leute werden sich in diese Richtung ausbilden lassen, da die staatlichen Einschränkungen (Tarif!) wegfallen.

  • Nadine am 17.04.2015 14:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zum glück auch

    es gibt sicher einen guten grund dafür das nicht alle es schaffen! sollen wird doch froh sein!! man sieht ja immer mehr angehende ärtzte die nicht viel ahnung haben was vor ihnen steht

  • Fabian Schmidt am 17.04.2015 11:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu hohe Kosten

    Es ist nur eine Frage des Geldes. Jeder Medizinstudent kostet den Staat immense ausbildungskosten (weit mehr als andere Studenten in anderen Studiengänge). Daher ist es günstiger bereits ausgebildete Ärzte aus anderen Ländern anzustellen. Klar bin ich der Meinung, dass dies nicht die richtige Lösung ist, da man sieht, dass es einfach zu wenig Allgemeinärzte gibt. Ein zweiter Aspekt ist, dass viele Medizinstudenten (so wie ich) nicht mehr Allgemeinarzt werden möchten, da diese einerseits weniger Geld verdienen als Spezialisten und andererseits der Adminstrative Teil der Arbeit ernorm zugenommen hat.

    • Markus am 17.04.2015 12:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ Fabian

      Es geht nicht nur ums Geld. Medizin entwickelt sich und Allgemeinmedizin ist für einen angehenden Arzt nicht das fachlich gesehen interessanteste . Wenn Sie 6 jahre Studieren und weitere 4-5 jahre Facharztausbildung machen dann wollen sie nicht nur Schnupfen und Halsweh behandeln. Folglich für die Allgemeinmedizin entscheiden sich oft die , die Spezialarztausbildung nicht schaffen. So ist leider die Realität

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  • patientin am 17.04.2015 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nope

    habe kein verständnis tut mir leid ich musste als ich 9 jahre alt war 3 stunden warten...