Umgangsformen

08. Februar 2020 08:21; Akt: 08.02.2020 08:21 Print

«Ich sage demonstrativ nie Grüezi – das ist bünzlig»

von B. Zanni - Soll man grüssen oder nicht? Dass ein Pendler für sein «Grüezi» mit einem Gutschein beschenkt wurde, hat eine grosse Debatte ausgelöst.

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Während einige Leser der Meinung sind, dass das Grüssen das A und O unserer Gesellschaft sein müsse, pfeifen andere darauf. «Mit dem Grüssen zollt man den Mitmenschen in unserer Gesellschaft Respekt», sagt Hanspeter Vochezer, Knigge Coach und Butler in Küsnacht ZH. «Gerade für das Zugpersonal oder auch das Verkaufspersonal ist es extrem wichtig, dass die Kunden den Gruss erwidern», sagt Hanspeter Vochezer. Pendler A.S. kam auf seiner Zugfahrt unverhofft zu einem Gutschein. Er habe von der SBB soeben einen Gutschein erhalten, weil er freundlich gegrüsst habe, schrieb er kürzlich in einer Instagram-Story. Trocken fügte er an: «kein Witz». Reto Schärli, SBB-Mediensprecher, sagt: «Selbstverständlich darf das Zugpersonal Reisende positiv überraschen. Man freut sich immer über jedes nette Wort von Kundinnen und Kunden, auch wenn natürlich nicht jeder Gruss mit einem Kaffeegutschein belohnt wird.» Zugbegleiter treffen bei ihrer Arbeit jedoch immer wieder auf Passagiere, die nicht grüssen. Er könne die Kollegin verstehen, die den Bon ausgestellt habe, sagt Jordi DAlessandro, Zugbegleiter und Vizepräsident des Zugpersonals bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. «Auch ich wünschte mir, dass uns alle Kunden morgens grüssen», sagt d'Alessandro. Es sei bedauerlich, wenn einen Personen nicht grüssten, auf die man mit einem Lächeln und der Motivation, das Beste zu bieten, zugehe. Babette Sigg Frank, Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums, lobt das Verhalten der Zugbegleiterin, die dem Pendler fürs Grüssen einen Gutschein ausstellte. «Es ist fantastisch, dass das Zugpersonal auch reagiert, wenn ihm etwas Aussergewöhnliches auffällt.» Laut Sigg hat die Kundenfreundlichkeit aber tatsächlich eher abgenommen. «Ob im Zug oder im Laden – Kunden grüssen das Personal kaum mehr zurück.» Auch andere Pendler kamen im Zug schon unverhofft zu einem Gutschein für den Speisewagen.

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Der Zugbegleiter begrüsst den Passagier mit einem aufgestellten «Grüezi» – und zurück kommt nichts. Dass das Personal solche Situationen nicht immer auf die leichte Schulter nimmt, bewies kürzlich eine SBB-Zugbegleiterin: Sie schenkte einem Pendler einen Gutschein, weil er sie als Einziger gegrüsst hatte. Das Thema bewegte die Leser. In über 800 Kommentaren stritten sie sich, ob gegrüsst werden soll oder nicht.

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Auch als Taxifahrer mache er die Erfahrung, dass es Leuten immer schwerer falle, eine normale Begrüssung über die Lippen zu bringen, schreibt M.M.* aus St. Gallen. Vor einiger Zeit habe er sich deshalb dazu entschlossen, nach Mitternacht das Auto zu verriegeln und das Beifahrerfenster eine handbreit offen zu lassen. «Bevor ich nicht eine halbwegs vernünftige Begrüssung höre, steigt mir kein Gast ein.» Seit er dies eingeführt habe, fahre er zu 99 Prozent «lämpefrei».

Lob für tadelnden Chauffeur

Ähnliches erlebt eine Kassierin. «Leider ist zu grüssen heute zu viel verlangt. Das ist anstandslos, deshalb verstehe ich das Zugpersonal», schreibt diese. Dani findet: «Wenn man nicht grüsst oder nur darauf wartet, bis man zuerst gegrüsst wird, ist dies einfach respektlos.» Das Grüssen müsse das A und O unserer Gesellschaft sein.

Ein weiterer Leser findet es erschreckend, wie heute bereits die einfachsten Formen des Anstands fehlten. Er lobt die Reaktion eines Buschauffeurs im Berner Oberland. Dieser habe einen Fahrgast, der grusslos an ihm vorbeigegangen sei, zurechtgewiesen: «Auso Grüesse wär etz emu ned grad gfluechet!» Und dem «Grüezi» von Leser «tom winti» entkommt offenbar kein Zugbegleiter. Er findet nämlich: «In dem Fall wäre ich schon reich durchs Zugfahren.»

«Ich sage demonstrativ nie ‹Grüezi›!»

«TheBöng» hingegen macht klar: «Ich sag demonstrativ nie ‹Grüezi›!» Die Grussformel sei verstaubt und nur etwas für absolute Bünzlis. «So eine indirekte Erziehungsmassnahme.» Auch «Vielpendler» verzichtet lieber auf den Gruss. Wenn er praktisch die ganze Woche und manchmal täglich sogar mehrmals kontrolliert werde, empfinde er dies manchmal nur noch als Belästigung und Ruhestörung. «Vor allem nach einem harten Arbeitstag. Dann bin ich auch nicht mehr sehr freundlich ...»

Ein weiterer Leser findet: «Naja, also, wenn ein Zugbegleiter einmal ‹Guten Morgen› in die Kabine ruft und dann nur noch ‹Billett bitte›, dann fühle ich mich auch nicht gerade persönlich wahrgenommen.»

*Name der Redaktion bekannt.


Grüssen oder nicht? Das sagt der Experte


Herr Vochezer*, eine SBB-Kundenbegleiterin schenkte einem Pendler einen Gutschein, weil er sie gegrüsst hatte. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Dass man eigentlich schon positiv überrascht wird wegen etwas, das selbstverständlich sein sollte.

Sind wir ein Volk von Ignoranten geworden?
Nein, wir sind keine ignorante Gesellschaft. Wir haben einen hohen Konsens in Sachen Grüssen. Auch beim Wandern grüssen sich alle. Aufgrund der stetig steigenden Einwohnerzahl wird aber vieles anonymer. Das ist aber noch lange keinen Grund, nicht zu grüssen. Auch danke zu sagen, haben wir verlernt.

Warum ist das Grüssen wichtig?
Umgangsformen wie das Grüssen oder Danken schweissen eine Gesellschaft zusammen. Damit zollt man den Mitmenschen in unserer Gesellschaft Respekt. Gerade für das Zugpersonal oder auch das Verkaufspersonal ist es extrem wichtig, dass die Kunden den Gruss erwidern. Auch wenn man bei der Billettkontrolle beschäftigt ist, sollte man dem Zugbegleiter zeigen, dass man ihn als Menschen wahrnimmt. Das geht auch ohne «Grüezi» zu sagen.

Wie?
Indem man das Handy kurz weglegt oder die Kopfhörer abnimmt und ein freundliches Lächeln aufsetzt. Im besten Fall sagt man dann noch Danke und wünscht einen schönen Tag. Ist man gerade am Telefon, ist ein kurzes Nicken völlig okay. Den ganzen Tag um Leute herum zu sein, ist anstrengend. Ein «Grüezi» oder «Guten Tag» ist ein Aufsteller für das Personal. Freundliche Umgangsformen setzen zudem viel positive Energie frei und sind ein grosser Türöffner.

*Hanspeter Vochezer ist Knigge Coach und Butler in Küsnacht ZH.


Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Senjor A. Mennle am 08.02.2020 08:26 Report Diesen Beitrag melden

    wir haben das in der Kindheit gelernt

    Den Gruss haben wir in der Kindheit gelernt und es prägt das heutige Alter. Freundlichtkeit kostet nichts.

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  • Jojo am 08.02.2020 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch

    Bünzlig? Tragisch wenn ein einfaches, freundliches Grüssen als "bünzlig" angesehen wird. Etwas Freundlichkeit macht doch den Alltag einfacher und manchem mag eine so kleine Geste ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Schade, dass Grüssen nicht mehr "normal" ist, sondern belohnt werden muss!

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  • .::A.K::. am 08.02.2020 08:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie mans nimmt

    An de «TheBöng» In diesem Fall bin ich gern ein Büenzli. Lieber ein freundlicher Büenzli als ein ignoranter, unfreundlicher Zeitgenosse ! Unsere Gesellschaft wird immer Respekt - sowie Anstandsloser ! Schade !

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ardit am 18.02.2020 22:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grüssen

    Ja Ich Begrüsse au nicht immer aber meistens und wenn ich begrüsse Die Leute begrüssen mich nicht zurück das Verletzt mich und nehme es Persönlich mann Sollte schon Anstand Haben

  • Anonym am 17.02.2020 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    Habt ihr es nötig?

    In den Kommentaren lese ich heraus, wie nötig es die meisten haben, dass ein fremder sozial zu ihnen ist. Habt ihr keine Freunde oder Familie, die mit euch socializen wollen?? Wen kümmerts bitte, ob eine fremde Person euch grüsst. Und die ultraschlauen Menschen, die vor dem Bahnhof die Leute anquatschen, sind sowieso die grössten Parasiten. Ist ja der beste Ort, um Leute die schnell auf den Zug müssen, noch anhalten zu wollen. Diese Menschen schaue ich stillschweigend an und laufe an ihnen vorbei als wären sie Luft.

  • C.f am 16.02.2020 04:27 Report Diesen Beitrag melden

    Grüezi

    Ich frage mich wieso soll man wegen einen "harten Arbeitstag" nicht grüssen? Klar läuft man nicht auf der Strasse rum und grüsst jeden der einen entgegen lauft! Was ist- oder wie sieht ein harter Arbeitstag in der Schweiz aus? Arbeiten unter geregelten Arbeitsbedingungen und am 25. ist Zahltag? In anderen Länder leben die Menschen in Holzbaracken und müssen sich selbst versorgen, dennoch wird dort respektvoller miteinander umgegangen!!

  • Noemi am 15.02.2020 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Ausrede

    Im Bezug auf die Aussage: "Vor allem nach einem harten Arbeitstag. Dann bin ich auch nicht mehr sehr freundlich" - sind Sie der einzige mit einem harten Job? In diesem Moment wird man von jemandem angesprochen der gerade "jetzt" seinem Job nachgeht. Wie es dieser Person wohl geht, wenn sie so unfreundlich und verachtend behandelt wird. Ganz ehrlich; ist es wirklich so ANSTRENGEND allgemein kurz hallo zu sagen? Dann frage ich mich wie die Definition von einem "harten Arbeitstag" aussieht? Eine freundliche Geste freut doch jeden.. vor allem nach einem harten Tag.

  • Sophie am 13.02.2020 14:18 Report Diesen Beitrag melden

    Freundlichkeit wird überbewertet

    Wow. Wollen wir jetzt alle bevormunden? Niemand muss anständig sein, wenn er/sie keine Lust hat. Gewöhnt euch lieber daran, die Schweizer Gesellschaft ist im Wandel und das ist erst der Anfang. Ich finde zwar, dass Freundlichkeit hier und da schön wäre aber übertreiben muss man nicht. Es ist ja nicht so als würde man fremden Menschen etwas Schulden. Schlussendlich am Ende des Tages interessiert es doch niemanden, wer wen gegrüsst hat. Es macht nicht jemanden zum besseren Menschen, daür braucht effektiv viel mehr! Eine direkte und ehrliche Kommunikation würde ich mehr schätzen!!