Gymi-Schüler

01. April 2019 04:56; Akt: 01.04.2019 09:27 Print

«Gymi-Coaching kann aus ‹Deppen› Genies machen»

von B. Zanni - Gymischüler haben oft Mühe, weil sie die Prüfung nur dank Coachings schafften. Entscheidend seien Fleiss und «Grundintelligenz», sagt ein Coach.

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Rund 30 Prozent der Gymischüler sind für ETH-Professorin Elsbeth Stern an den Hochschulen fehl am Platz. Gemessen am Intelligenzquotienten seien sie eigentlich zu dumm fürs Gymi, sagt sie. So sässen sogar einzelne Schüler mit einem unterdurchschnittlichen IQ in der Kanti, sagt Stern in der «SonntagsZeitung». Die Professorin vertritt die These, dass viele Eltern ihre Kinder ins Gymi boxen, weil sie sich mit einem anderen Weg nicht abfinden könnten.

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Im Internet wimmelt es von Lerncoachs, die um Schüler buhlen. «Wir bringen dich aufs Gymi» oder «auf direktem Flug ins Gymi» lauten einschlägige Slogans. Lerncoachs betonen, dass Lernen und Motivation für eine erfolgreiche Gymiprüfung entscheidend seien. «Die Erfolgsquote bei der Aufnahmeprüfung liegt deutlich über 50 Prozent», sagt Doris Friess, Geschäftsführerin von Lernoase Schweiz GmbH. Durch die ausserschulischen Angebote werde oft der Knopf im Kopf gelöst.

Sogar Mathe-Coach Philip von Tutor24.ch gibt zu: «Mit Nachhilfestunden und Coaching kann man aus jedem ‹Deppen› ein Genie machen. » Schon Einstein habe gesagt, dass Genie ein Prozent Talent und 99 Prozent Fleiss ausmachten.

«Habe schon manche Schüler ins Gymi gebracht»

Besonders aus «Patienten», so nennt Philip seine Schüler, könne man viel rausholen, starteten sie bereits mindestens ein Semester vorher mit der Gymivorbereitung. «Ich habe schon manche Schüler ins Gymi gebracht, auch solche mit einem Schnitt unter 5 am Anfang.» Eltern, die das Coaching aber als Ticket ins Gymi sähen, lägen falsch. «Es braucht Fleiss, Zeit, Motivation und eine gewisse Grundintelligenz.»

Laut den Lerncoachs können aber auch Schüler, die mit viel Fleiss den Sprung ins Gymi geschafft haben, die Matur schaffen. «In der Regel müssen die Gymilehrer einen Drittel rausekeln, weil sie sonst mehr Klassen führen müssten», sagt Ursi Neurohr, Leiterin von Learnwell. Wichtig sei aber, dass der Stoff auch gut vermittelt werde und die Lehrpersonen alles täten, um die Schüler zur Matur zu bringen.

Fragwürdige Leistungen

Die boomenden Coachings haben Folgen. Um die Kanti zu schaffen, brauche es sowohl Intelligenz als auch Motivation, sagt Lucius Hartmann, Lehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland und Vizepräsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer VSG. «Es gibt natürlich immer wieder Fälle, bei denen man sich fragt: ‹Wie hat es dieser Schüler oder diese Schülerin ans Gymi geschafft?›», sagt Hartmann.

Diese Schüler fallen laut Hartmann sofort auf. «Sie schreiben von Anfang an in vielen Fächern schlechte Noten.» Es sei nicht auszuschliessen, dass es diese Schüler nur aufgrund von intensiven Lerncoachings ins Gymi geschafft hätten.

Hartmann: «In der Probezeit kommen sie dann an den Anschlag, weil sie plötzlich viele verschiedene Fächer haben und für jedes einzelne davon nicht mehr so viel Vorbereitungszeit investieren können wie in die Gymiprüfung.» Besonders auch im Fach Latein kämen die Schwächen schnell zum Vorschein. Viele im Gymi gefragte Fähigkeiten zeigten sich beim Lernen der Sprache.

Prüfung müsse abgeschafft werden

Damit weniger Schüler ins Gymi geboxt werden, fordert Hartmann eine andere Informationspolitik. «Die Bildungspolitik muss Eltern und Schülern klarmachen, dass das Gymnasium nicht der einzige Weg zur Hochschule ist.»

Philippe Wampfler, Lehrer an der Kanti Enge ZH, vertritt eine andere Meinung. «Das Gymi ist nicht nur eine Schule für die intelligentesten Schüler», sagt er. Etwa der Kanton Zürich müsse von der starken Selektion wegkommen. Die Aufnahmeprüfung setze einen enormen Druck auf und sei nicht lernförderlich. «Durch den Prüfungsdruck können Schüler keinen eigenen Lernantrieb entwickeln.» Wampfler macht sich deshalb für eine «sofortige Abschaffung» der Gymiprüfung stark.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Su am 01.04.2019 05:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geldmaschine

    Bei Eltern die das Geld dafür haben, drücken ihre Kinder ins Gymi. Eltern die das Geld dafür nicht haben, sind wieder einmal mehr benachteiligt... Gute Voraussetzungen für die Zukunft unsere Kinder.

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  • asdf am 01.04.2019 05:34 Report Diesen Beitrag melden

    Südtirol

    In Südtirol kann jeder ans Gymnasium (oder andere Oberschulen, beibdenen man die Matura ablegen kann), der das möchte. Man muss sich einfach nur einschreiben und die vorherigen gemeinsamen 8 Schuljahre bestanden haben (für lernschwache Schüler gibt es in den ersten 8 Jahren Stützlehrer). Der Qualität schadet es nicht, Südtirol bewegt sich zumindest bei der PISA-Studie in ähnlichen Gefilden wie CH. Damit will ich sagen: Einfach das Ansehen der Berufslehren erhöhen und das Gymnasium für alle öffnen und man erspart Jugendlichen den Stress bei gleichbleibendem Ergebnis.

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  • Röby am 01.04.2019 05:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Wirtschaft und Politik zeigen das ja

    Das ist nichts Neues ! Aber um den Verstand der Menschen mache Ich mir mehr Sorgen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ina Messmer am 02.04.2019 11:14 Report Diesen Beitrag melden

    IQ???

    Was heisst schon "Intelligenz" und wer hat die IQ-Tests erschaffen? Eben! Genau jene, die nicht gerade zu den unteren sozialen Schichten gehören und ein Interesse daran haben, die Gymi-Plätze für ihre eigenen Nachkommen freizuhalten. Sehr fraglich auch, einen Drittel der Schüler "herauszuekeln". Um welche Schüler handelt es sich dabei? Wohl nicht um jene, die den Lehrern äusserst sympathisch sind oder "höherschichtige" Eltern haben. Jeder, der will, sollte doch das Recht haben, diese "ehrenwerte" Schule zu absolvieren oder es wenigstens zu versuchen.

  • ZürischiintdSunnä am 01.04.2019 23:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doch doch

    ...schickt Eure Kinder ins Gymi, dann hat auch mein Sohn eine Chance auf eine gute Lehrstelle. Meine Töchter würden es locker schaffen, wollen aber nicht so viel lernen. Lieber auch etwas mehr Freizeit.

  • Kurt USA am 01.04.2019 23:41 Report Diesen Beitrag melden

    Fleiss und talent

    Fleiss und talent ist das wichtigste im Berufsleben. Ohne Feiss kein Preis, und ohne Talent kein Absolvent.

  • ottima am 01.04.2019 22:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    IQ allein hat "kurze Beine"

    Intelligenz alleine reicht nicht. Vor allem später braucht es auch andere Fähigkeiten. Mir ist als Klassenbester immer alles einfach gefallen. Ich lernte erst spät, dass die reale Welt nicht viel auf Intelligenz gibt. Harte Arbeit, Durchhaltevermögen und Kommunikation sind genauso wichtig. Das haben Schüler mit einem 4.5 Schnitt eben schon viel früher gelernt. Und die sind vielleicht gerade deswegen oft sehr erfolgreich!

    • V.Hita Mihn am 01.04.2019 23:33 Report Diesen Beitrag melden

      gute Beziehungen

      Nicht zu vergessen: gute Beziehungen sind entscheidend.

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  • Priska am 01.04.2019 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Berufslehre mit BM

    Das eizig sinnvolle für schlaue Köpfchen!