Blut, Haar, Eizellen, Niere, Sex

17. August 2019 23:00; Akt: 19.08.2019 11:33 Print

Was für einen Wert hat mein Körper?

von Désirée Pomper - Der Handel mit dem menschlichen Körper floriert. 20 Minuten hat getestet, wie viel man als Frau für Blut, Haare, Eizellen, eine Niere und Sex bekommt.

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Vor einiger Zeit erhielt ich per Whatsapp eine Körpergrafik mit der Überschrift: «Lass dir nicht sagen, du seist wertlos.» Für eine Niere gäbe es 138'700 Dollar, für einen Liter Blut 630 Dollar, für die Augen 19'800 Dollar. So die angeblichen Preise verschiedener Körperteile auf dem Schwarzmarkt.

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Sollten Blutspender in der Schweiz Geld erhalten?

Doch ist es tatsächlich so einfach, den eigenen Körper zu Geld zu machen? Was für einen Wert haben einzelne Körperteile wirklich? Was darf gehandelt werden und was nicht? Auf der Suche nach Antworten habe ich mein Blut, Haare, Eizellen und eine Niere in der Schweiz und im Ausland feilgeboten – und mich in einem Erotikclub vorgestellt.

Organpreise auf dem Schwarzmarkt: In den sozialen Medien kursieren solche Körper-Grafiken.


Serie: Was für einen Wert hat mein Körper?

Teil 1: Ein Konfibrot für mein Blut
Teil 2: Wie viel zahlst du für mein langes Haar?
Teil 3: 1000 Euro für eine Eizellenspende in Spanien
Teil 4: Das illegale Geschäft dubioser Nierenhändler
Teil 5: «Für eine Stunde Sex gibt es 162 Franken»

Teil 1 – Ein Konfibrot für mein Blut

Das Geschäft mit menschlichem Blut boomt, denn Blut kann nicht künstlich hergestellt werden. Der weltweite Umsatz beträgt derzeit rund 21 Milliarden Franken (siehe Infobox). Auch Privatpersonen bekommen einen Stück des Kuchens ab: In Deutschland etwa vergüten private Spendedienste Vollblutspenden mit 15 bis 25 Euro. Für zeitintensivere Plasma- und Thrombozytenspenden gibt es 25 bis 40 Euro. In den USA versprechen Unternehmen sogar einen Monatsverdienst von bis zu 400 Dollar für Plasmaspenden. Seit der Wirtschaftskrise 2008 hat sich die Zahl der amerikanischen Plasmaspenden mehr als verdoppelt.

An einem warmen Julimorgen spaziere ich in ein Spendezentrum in Zürich. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Die rund zwanzig Liegen sind fast alle leer. Es hat mehr Personal als Spender. Alle in den Ferien, sagt die Pflegefachfrau. Sie pikst mir für eine Blutkontrolle in den Finger und drückt mir einen Fragebogen in die Hand: Nein, ich bin nicht tätowiert, trage kein permanentes Make-up und habe weder Piercings noch ein sexuelles Risikoverhalten. Ich bin volljährig, über 50 Kilo, gesund und war in den letzten sechs Monate nicht in einem Malariagebiet.


Tattoos, permanentes Make-up oder sexuelles Risikoverhalten? Ein Auszug aus dem Fragebogen zum Blutspenden.

Das freut die Ärztin beim anschliessenden Gespräch. Ob ich denn auch bereit wäre, Blutstammzellen oder Knochenmark zu spenden, die für Leukämie-Patienten lebensrettend sein können? Dafür wird das Knochenmark durch mehrere Punktionen unter Vollnarkose dem Beckenknochen entnommen. Der Spender ist fünf bis sechs Tage arbeitsunfähig. Ich verspreche, es mir zu überlegen. Aber insgeheim weiss ich, dass meine Solidarität mit Fremden nicht über die Blutspende hinausgehen wird - unabhängig davon, dass man dafür nicht bezahlt wird. Zu schmerzhaft erscheint mir der Eingriff, zu hoch der Preis, einige Tage krankgeschrieben zu sein. Und was, wenn bei der Vollnarkose etwas schief geht? Ich blicke auf den Krebskranken im Prospekt und habe ein schlechtes Gewissen. Die Blutspende erscheint mir auf einmal banal.

«Blut gegen Geld? Das ist nicht zu verantworten.»

Ich soll mich zur Stärkung bitte am Buffet bedienen, heisst es: Kaffee, Fruchtsäfte, Äpfel, Riegel, Joghurts und Sandwiches stehen kostenlos bereit. Ich schmiere mir ein Konfibrot und trinke eine Schoggimilch. Mein Blick wandert zur Geschenk-Vitrine, die zum Spenden animieren soll. Denn Geld gibt es keines für mein Blut. Dafür bekomme ich als Erstspender eine Pflasterbox, bei der 50. Spende gibt es eine Geldbörse aus Nappaleder vom Vollrind und zur 250. Spende ein Messerset von Victorinox. Da Frauen nicht mehr als dreimal pro Jahr Vollblut spenden sollten, rückt Letzteres für mich in weite Ferne.


Im Gegensatz zu anderen Ländern erhalten Blutspender in der Schweiz kein Geld, dafür eine kostenlose Stärkung und kleine Geschenke.

Im Gegensatz zu den USA oder Deutschland ist Blut in der Schweiz nicht kommerzialisiert, obwohl die Spenden seit Jahren abnehmen. «Würden Menschen aufgrund einer finanziellen Notlage Blut spenden, wäre das nicht zu verantworten», halten die Blutspendedienste des Schweizerischen Roten Kreuzes fest. Wer nicht an einer Blutspende verdiene, habe zudem kein Interesse, eine allfällige Risikosituation zu verschweigen.

In wessen Adern fliesst wohl mein Blut?

Gleich soll mir eine Pflegefachfrau mit einer dicken Nadel die Vene in der Ellenbeuge punktieren und mir innerhalb von 10 Minuten einen halben Liter Blut entnehmen. Ich frage mich, in wessen Adern mein Blut wohl fliessen wird. In die eines Unfallopfers? Oder eines Krebspatienten? Doch dann schüttelt die Ärztin den Kopf. Der Blutdruck ist zu tief. Ich würde nach der Blutentnahme wohl zusammenklappen. Auch ein zweiter Versuch drei Wochen und zwei Tassen starker Kaffee später scheitert. Ich beschliesse, in Zukunft nun wirklich mehr zu trinken und endlich wieder Sport zu treiben.

Der Handel mit dem «gelben Gold»

Der weltweite Umsatz mit Blut betrug im Jahr 2002 noch 5 Milliarden Franken. Heute sind es 21 Milliarden. Ein Grund dafür sind neue Krebsbehandlungen, für die es Immunglobuline braucht, wie der «Beobachter» berichtete. Besonders begehrt auf dem Weltmarkt ist das Blutplasma, aus dem über 30 verschiedene Medikamente hergestellt werden. Das «gelbe Gold» ist heute teurer als Erdöl. Entsprechend drängen immer mehr private Anbieter auf den Markt.

Die EU-Staaten haben zwar 1997 ein Abkommen gegen die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers unterschrieben, dennoch gibt es in Deutschland, Österreich oder Tschechien bereits kommerziell betriebene Plasmazentren.

Die aktuelle Situation werfe ethische Probleme auf, sagt Jean-Daniel Tissot von der Biologischen und Medizinischen Fakultät an der Universität Lausanne im Dokumentarfilm «Das Geschäft mit dem Blut»: «Das Blut der Armen wird den Reichen in die Arme gespritzt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 19.08.2019 06:49 Report Diesen Beitrag melden

    Distanz & Spendezeit

    Früher hat den meisten Orten der ansässige Samariterverein einen Blutspendeanlass organisiert oder das Blutspendezentrum war gleich um die Ecke. Heute muss ich ons nächste Zentrum rund eine Stunde fahren und kann nur Mo-Fr zwischen 9 und 16Uhr vorbeigehen. So muss ich um zu spenden mindestens einen halben Tag frei nehmen und auf meine Kosten hinfahren. Wie währe es, wenn z.B. das ÖV-Bilett bezahlt bzw. Die Einladung (mit Datum und Zeit) als Ticket zählen würde? Es braucht keine finanzielle Entschädigung. Aber es dürfen dem Spender keine Mehrkosten dadurch entstehen.

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  • Marc am 19.08.2019 07:40 Report Diesen Beitrag melden

    Geht es noch

    Wie Abartig ist der Mensch geworden

  • Londinium Cross am 19.08.2019 08:52 Report Diesen Beitrag melden

    Kämpferblut

    Ich habe vor 39 Jahren in einem Feldlazarett in Israel eine Bluttransfusion bekommen. Dort macht man nicht viel Federlesens und ist froh, irgendwas zu kriegen. Die beiden Ärzte, die mir das Leben retteten, waren ein Israeli und ein Russe, und die operierten unter ziemlich einfachen Umständen, die Energie kam von einem alten Generator. Leider darf ich nicht spenden, aber ich lebe seit diesem Eingriff glücklich und gesund und bin ihnen unendlich dankbar. Den Ärzten und den Spendern, wer immer das auch gewesen ist. Hätten sie Vorurteile gehabt, hätte ich nicht überlebt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter am 19.08.2019 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Blut = kein Blut

    Wer kein Blut spendet bekommt auch keins, simpel oder?

  • EMMM am 19.08.2019 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Schlimmsten

    Sind die Organmafia, und man kann nie Wissen ob der "Spender" keine Krankheiten haben die dann den Patient Schwer erkrankt. Ich sage dann nur, selber Schuld wer solche Machenschaften unterstützt....

  • Informiert Euch am 19.08.2019 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    Böses Blut

    Es werden nachweislich viel zu viele Bluttransfusionen gemacht. Zudem ist fremdes Blut in den Adern gesundheitlich gefährlich. Die Genesung geht länger als ohne und es kann Langzeitfolgen geben. Googelt nach der ARD Doku "Böses Blut". Warum wohl würden viele Ärzte selber nur im äussersten Notfall Blut nehmen?

    • Jackeline am 19.08.2019 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Informiert Euch

      Im Notfall lieber eine Bluttransfusion als sterben.

    • Denk mal etwas weiter! am 19.08.2019 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Informiert Euch

      Wenn du selber auf dem OP-Tisch liegst und ohne Bluttransfusion sterben würdest, zählen all deine Argumente plötzlich nichts mehr, denn auch du willst leben!

    • Markus am 19.08.2019 14:51 Report Diesen Beitrag melden

      Verschwörungstheoretiker

      So etwas kann nur ein Verschwörungstheoretiker sagen. Einfach mal eine TV Sendung schauen und dann irgend etwas drauflos reden. Selber wahrscheinlich noch nie Fremdblut gebraucht Sie gehen sicher auch nicht Blutspenden?

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  • Ernst Volleweier am 19.08.2019 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Realist

    Mir kommen da zwei Sachen in Sinn, 1. Ramush Haradinaj und 2. das Gelbe Haus. kennt Ihr die Taten dahinter?

  • Denker kein Zyniker am 19.08.2019 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    Die Welt der Menschen ist nur noch krank

    Krank und degeneriert so was. Die Verteilung stimmt nicht mehr. Da müssen die Verzweifelten ihre Organe verscherbeln, damit 1-2% die es sich leisten können, ihr sinnloses Konsum-Leben verlängern können.