Verletzter am Bahnhof

27. September 2018 05:46; Akt: 27.09.2018 09:21 Print

Haben wir verlernt, anderen zu helfen?

Die Fälle häufen sich, in denen Personen in einer Notlage von Mitmenschen keine Hilfe bekommen. Unsere Gesellschaft trage eine Mitschuld daran, so ein Experte.

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Ein verletzter Mann liegt blutüberströmt am Boden. Passanten machen ein Foto und gehen anschliessend weiter – statt ihm zu helfen. Offenbar ein verbreitetes Problem: Derzeit laufen mehrjährige Präventionskampagnen, mit denen die Polizei dazu aufruft, nicht wegzuschauen, sondern zu helfen. Amnesty Schweiz bietet Zivilcourage-Workshops an und auch die Kriminalprävention Schweiz wird Anfang 2019 eine neue Kampagne lancieren.

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Der Mann in Dietikon, der ein Foto gemacht hatte und weitergegangen war, statt zu helfen, begründete sein Verhalten auch damit, dass er nichts mit der Polizei zu tun haben wolle. Dafür gebe es keine Entschuldigung, sagt Andres Büchi, Chefredaktor des «Beobachters», der alljährlich den Prix Courage für Heldentaten verleiht. Das Verhalten des Zeugen in Dietikon sei exemplarisch schlecht.

«Das Wir-Gefühl geht verloren»

Leider sei das kein Einzelfall: «Man starrt aufs Handy, hat Kopfhörer in den Ohren und kümmert sich nicht um die Umgebung. Ich stelle fest, dass das Wir-Gefühl, auch für andere Verantwortung zu übernehmen, zunehmend verloren geht.» Die Gesellschaft richte sich im Zuge der Individualisierung stärker an Ego-Zielen aus. Umgekehrt gebe es aber immer noch Leute, die ohne zu zögern zivilcouragiert eingreifen würden – wie die Kandidaten des Prix Courage. «Es kommt stark darauf an, welche Werte man zu Hause mitbekommt», so Büchi.

Dirk Baier, Leiter Kriminalprävention an der ZHAW, sagt, ein kurzer Anruf mit dem Mobiltelefon koste nichts und sei das Minimum, was es in so einer Situation zu tun gelte. Der Griff zum Mobiltelefon sei heute bei vielen ja geradezu reflexartig. Aber: «Wir leben in einem von Bildern dominierten Zeitalter und sehen jeden Tag im Internet und Fernsehen Fotos von Verletzten oder Gefahrensituationen. Oftmals handelt es sich dabei auch um gestellte Bilder. Das kann dazu führen, dass wir Mühe bei der Interpretation einer entsprechenden Situation haben .»

«Je mehr Leute es hat, desto weniger wird eingeschritten»

Von einem generellen Trend hin zur Feigheit zu sprechen, sei aber falsch, so Baier. Gerate man in eine entsprechende Situation, gelte es, durchdacht zu handeln. «Je mehr Leute in der Nähe sind und je uneindeutiger die Situation, desto kleiner ist die Chance, dass jemand einschreitet.» Sei man unsicher, empfehle es sich, bei umstehenden Leuten nachzufragen, ob bereits jemand geholfen habe oder nicht. «Es geht höchst selten darum, den Helden zu spielen. Man darf aber unter keinen Umständen nicht einfach denken, die anderen würden schon eingreifen», sagt Baier.

Von dieser fehlenden Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, spricht auch Michelle Meier von der Menschenrechtsorganisation Amnesty Schweiz. Es gebe mehrere Punkte, die herumstehende Personen vom Einschreiten abhalten würden. «Erstens nehmen wir in unserem hektischen Alltag die Notlagen häufig gar nicht bewusst wahr und übersehen sie. Zweitens neigen wir dazu, eine Situation, die wir beobachten eher zu verharmlosen. Schliesslich haben wir auch zu wenig Kenntnisse von möglichen Strategien, die ein korrektes Einschreiten ermöglichen, das schnell hilft oder einen selbst nicht gefährdet», erklärt Meier.

Nothilfe statt Zivilcourage

Dieses fehlende Wissen sei eher der Grund für ein Nicht-Einschreiten als Angst. Amnesty Schweiz biete darum Zivilcourage-Kurse an, die Nachfrage sei steigend», so Meier.
Doch im Beispiel von Dietikon sei weniger Zivilcourage gefragt als vielmehr Nothilfe, sagt Marc Besson, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich. «In unserem Alltag sind denn meist auch nicht Heldentaten gefragt, sondern eher beherztes Eintreten für mehr Gerechtigkeit.» Es sei sei das Mindeste, dass man als Beobachter die Polizei oder die Sanität anrufe, hält Besson fest. Wer es unterlässt, Nothilfe zu leisten, kann Ärger mit dem Richter bekommen. Auf das Offizialdelikt stehen bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe, wie Besson ausführt.

(jk/dk/daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sulp_HD am 27.09.2018 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fatal

    Verstehe nicht wieso man ein Foto machen sollte und warum nicht jemand Helfen kann!? Alle jugendlichen sollten ja den Nothelfer vor nicht allzu langer Zeit absolviert haben.

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  • Pralinchen am 27.09.2018 06:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    oje

    Echt traurige Welt... wie kann man nur... da kann man nur hoffen, dass einem selber nichts passiert, wenn einem danach keiner helfen würde

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  • Orakel am 27.09.2018 08:58 Report Diesen Beitrag melden

    das wirkliche Problem

    Vielleicht sollte man sich eher darüber Gedanken machen wieso immer mehr Leute verprügelt, ausgeraubt, belästigt....werden und nicht darüber wieso keiner mehr gewillt ist zu helfen!!! Dieses Problem hat nämlich drastisch zugenommen, auch wenn die offiziellen Stellen genau das Gegenteil behaupten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • xxxx am 27.09.2018 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Das war eigentlich schon lange klar..

    Jeder schaut nur auf sich selbst, Familie und Freunde sind nicht mehr dasselbe wie früher. Wenn man schon für die nicht da ist, kann man nicht erwarten das die Leute, fremden Menschen helfen. Traurig aber wahr.

  • Mark Libner am 27.09.2018 10:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaft

    Warum wohl hat sich unsere Gesellschaft so verändert? Aber bei gewissen Leuten kann es ja schon gefährlich sein, wenn man sie schon nur falsch anschaut. Auf dem Land und in den Bergen ist es glücklicherweise noch anders.

  • P.H. am 27.09.2018 10:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Helfen macht glücklich

    Ein gutes Beispiel: Mein Sohn, 19( ist egal, könnte auch ein anderer junger Mensch gewesen sein) hat vor kurzer Zeit im Bus ( Ausland) einen Mann reanimiert. Nach 5 Min. Herzmassage kam er wieder zu sich. Die Ambulanz kam später und übernahm, er bekam ein riesengrosses Dankeschön von allen Seiten. Dadurch kam er zu spät in die Schule, das war ihm in diesem Fall egal. Im Gegenteil, er war darüber sehr glücklich, dass er einem wildfremden Menschen sein Leben retten konnte. Er will nächstes Jahr Medizin studieren, doch leider wird das beim NC-Test nicht berücksichtigt.

  • T.M. am 27.09.2018 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht fair

    Ja super, dann hilfst Du einer Person dadurch, dass Du den oder die Angreifer schachmatt setzt und bekommst selber eine Anzeige wegen körperlicher Gewalt. Toll oder? Selber vor Jahren erlebt.

  • Martina S. am 27.09.2018 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Gefährliche Hilfsbereitschaft

    Ich wollte als unbeteiligte Pflegefachfrau nach Ende einer wüsten Schlägerei nur helfen. Von einem, der noch nicht genug hatte, wurde ich grundlos brutal angegriffen. Als aktive Kampf-Sportlerin wehrte ich mich erfolgreich, aber etwas (zu) hart. Die Anzeige gegen mich lautete: "Teilnahme an einem Raufhandel." Mein Anwalt erreichte zwar einen vollen Freispruch. Aber etwas bleibt immer hängen. Zumindest bin ich jetzt 'Polizei-bekannt'. Beim nächsten Mal würde ich mir eine Hilfeleistung unter eigener Gefährdung vorher gut überlegen. Der schweizerische Täterschutz lässt grüssen.