Verhafteter Salafist

22. Juni 2016 22:49; Akt: 22.06.2016 22:49 Print

Harmloser Konvertit oder raffinierter Manipulator?

Ein «Islamisten-Leitwolf», der in der An'Nur-Moschee in Winterthur verkehrte, sitzt seit Monaten in U-Haft. Steckt er hinter der Radikalisierung von Jugendlichen?

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Welche Rolle spielte S.* bei der Radikalisierung der Jihad-Reisenden aus Winterthur? Das versucht derzeit die Bundesanwaltschaft herauszufinden. Der 30-Jährige sitzt seit Februar in Untersuchungshaft, wie die SRF-Sendung «Rundschau» berichtet. Diese sei kürzlich verlängert worden.

Ein Moscheegänger sagte bereits vor Monaten zu 20 Minuten im Bezug auf die radikalisierten Jugendlichen: «S. spielt eine ziemlich grosse Rolle, er ist ein Manipulator.» Nicht nur die An'Nur-Moschee in Winterthur, auch andere Treffpunkte besuchte S. Ein Bild zeigt ihn in Trainingshosen im muslimischen MMA-Sunna-Gym von Valdet Gashi, der später zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reiste und in Syrien ums Leben kam.

«Nur einen Monat bei uns»

Der Italiener S. ist ein Konvertit, der sich laut «Rundschau» in der An’Nur-Moschee bewegte und dort als Respektsperson der Jugendlichen galt. Ein Informant sagt in der Sendung: «Er ist ein Salafist mit unberechenbaren Motiven. Die Gesänge, die er und seine Jungs hören, fordern zum Jihad gegen den Westen auf. Meistens stammen die Gesänge vom IS.»

Der Präsident der Moschee, Atef Sahnoun, widerspricht der Darstellung der «Rundschau»: «S. war nur einen Monat bei uns und ist dann gegangen, niemand wusste wohin», sagt er zu 20 Minuten. Gemäss Sahnoun hatte er weder mit den Imamen Kontakt («wir haben nur einen Prediger am Freitag hier») noch liess er den Verdacht aufkommen, Jugendliche zu radikalisieren oder selbst radikalisiert zu sein. «Ich habe mit Jugendlichen gesprochen, die ihn kennen.»

«Er hatte Familienprobleme»

Bei Sahnoun klingt es eher, als habe S. Hilfe gebraucht: «Er hatte grosse Probleme mit seiner Familie, da er konvertiert ist und seine Eltern offenbar katholisch sind. Das haben mir Jugendliche erzählt.» Als er verschwunden sei, habe niemand gewusst, was passiert sei.

Weniger harmlos stellt es Kriegsreporter Kurt Pelda dar. S. sei ein «Leitwolf» gewesen, die Jugendlichen hätten zu ihm aufgeschaut. Pelda sagt: «Die Bundesanwaltschaft wird irgendetwas bei der Hausdurchsuchung gefunden haben, sonst würde sie ihn nicht seit Februar in U-Haft halten und die Haft nun verlängert haben.» S. habe zudem die Koran-Verteilaktion «Lies!» in die Schweiz gebracht, nannte sich «Emir» – Befehlshaber.

S. soll Netzwerk gehabt haben

S. sei aber sehr vorsichtig vorgegangen, sagt Pelda. Auf seinem Facebook-Profil sind kaum radikale Tendenzen zu erkennen. «Ob er wirklich eine Terrororganisation – ob IS oder al-Qaida ist unklar – unterstützt hat, muss die Bundesanwaltschaft nun nachweisen.» Zeugen hätten aber beobachtet, wie er sich in der An’Nur-Moschee zusammen mit Jugendlichen ein Video angeschaut habe, in dem ein bekanntes Lied des IS zu hören ist.

Zudem, sagt Pelda, gebe es in der ganzen Szene in Winterthur Überschneidungen und Kontakte: «Er kannte sicher die beiden Jugendlichen E. und V., die nach Syrien gereist sind, er lebte im selben Haus.» Auch andere, die später zum IS reisten, soll S. gekannt haben.

Moschee-Präsident Sahnoun ist skeptisch, hält aber fest, dass S. nicht im Umfeld der An'Nur-Moschee radikalisiert worden sein könne. Denn: «Warum haben die Behörden denn niemanden von uns verhaftet oder wenigstens befragt?» Die Bundesanwaltschaft will sich zum Fall nicht äussern.

* Name der Redaktion bekannt.

(num)