Managed-Care-Vorlage

04. November 2011 06:08; Akt: 04.11.2011 10:26 Print

Hausärzte stellen sich gegen eigenen Verband

von Jessica Pfister - Die Gesundheitsreform Managed Care stellt die Ärzteschaft vor eine Zerreissprobe. Während der Verband FMH das Referendum unterstützt, wollen die Hausärzte für die Vorlage kämpfen.

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Die Mehrheit der Hausärzte sieht in der Managed-Care-Vorlage eine Chance - im Gegensatz zu den Spezialärzten. (Archivbild) (Bild: Keystone)

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Nachdem sich schon National-und Ständeräte nur mit Mühe zu einem Kompromiss bei der Managed-Care-Vorlage durchringen konnten, hinterlässt die Gesundheitsreform bei der Ärzteschaft einen tiefen Graben. Seit Donnerstag ist nämlich klar, dass der Verband «Hausärzte Schweiz» die vom Parlament beschlossene Managed-Care-Vorlage unterstützt. Diese sieht vor, dass tiefer in die Tasche greifen muss, wer seinen Arzt frei wählen will. Ziel ist, dass sich dadurch möglichst viele Patienten in Gruppenpraxen und Ärztenetzwerken behandeln lassen. «Für uns ist die Vorlage zwar nicht perfekt, aber sicher eine Chance, um die Hausarztmedizin ins Zentrum der ambulanten Vorsorgung zu stellen», sagt Vorstandsmitglied Margot Enz gegenüber 20 Minuten Online.

Das Problem: Mit der Entscheidung stellen sich die Hausärzte gegen den eigenen Dachverband FMH. Dieser hat schon eine Abstimmung bei den Mitgliedern durchgeführt, bevor die definitiven Eckwerte der Reform feststanden. Dabei haben sich zwei Drittel für ein Referendum gegen die Vorlage ausgesprochen. Hauptargumente gegen Managed Care waren die Einschränkung der freien Arztwahl und die zwingende Budgetverantwortung der Mediziner.

«Nicht gegen FMH, sondern für Vorlage»

Bei den Hausärzten hingegen haben an der Delegiertenversammlung von Donnerstag drei Viertel eine Unterstützung der Vorlage beschlossen. «Wir haben uns damit nicht gegen die FMH, sondern für Managed Care entschieden», sagt Enz. Es sei aber auch klar geworden, dass sich die Hausärzte nicht von der FMH verdrängen lassen wollen. «Ich hoffe nun, dass wir innerhalb des Verbandes auch die Reife haben, mit unterschiedlichen Haltungen umzugehen.»

Jacques de Haller, Präsident des Ärzteverbandes FMH glaubt nicht, dass diese Meinungsverschiedenheiten zu einem Bruch innerhalb der Ärzteschaft führen werden. «Auch bei den Hausärzten gab es Stimmen für ein Referendum. Das zeigt, wie umstritten die Vorlage ist», sagt de Haller. Man müsse nun einfach aufpassen, dass man regelmässig mit den beiden Interessengruppen die Diskussion führe. «Ansonsten habe ich kein Problem damit, dass nun ein Teil der Ärzteschaft dem Volk die Nachteile und der andere Teil die Vorzüge der Vorlage aufzeigt.»

Unheilige Allianz für Referendum

Auch beim Referendumskomitee «für eine freie Arztwahl» gibt man sich betont demokratisch. «Wenn eine Minderheit für die Vorlage einsteht, ist das legitim», sagt Referendumsmitglied Marcus Maassen. Er sei überzeugt, dass das Referendum auch ohne Unterstützung der Hausärzte zustande komme. Die Chancen dafür stehen tatsächlich nicht schlecht. Denn die Unterstützung für das Referendum kommt nicht nur von Seiten der Spezialisten und der FMH, sondern auch von Seiten der Gewerkschaften - allerdings aus ganz anderen Beweggründen. Während die Spezialärzte ihre eigenen, oftmals hohen Löhne verteidigen wollen, wehren sich der Gewerkschaftsbund (SGB) und der Verband der Angestellten des öffentlichen Dienstes (VPOD) gegen stärkere ökonomische Anreize in der Gesundheitspolitik.

Ob die SP, die sich teilweise schon im Parlament gegen die Vorlage wehrte, ebenfalls dieser unheiligen Allianz beitritt, ist noch offen. Klar ist, dass für ein Referendum bis zum 18. Januar mindestens 50 000 beglaubigte Unterschriften gesammelt werden müssen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sio M. am 04.11.2011 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe ich nicht!

    Das verstehe ich nicht, aber vielleicht kann mir jemand weiter helfen. Die Mehrheit der FMH sind Hausärzte. Richtig? Die FMH resp. die Hausärzte (da ja Merheit) hat mit 2/3 FÜR das Referendum gestimmt. Dennoch untestützen die Hausärzte des Verbandes «Hausärzte Schweiz» die MC Vorlage. Richtig? Wie soll das gehen? Dann muss ich aber ehrlich sagen, sollten sich die Hausärzte des Verbandes «Hausärzte Schweiz» selber an der Nase nehmen! Sie hätten doch Gelegenheit gehabt, bei der Abstimmung FMH teil zu nehmen und sich GEGEN das Referendum auszusprechen, dann hätten wir jetzt das Theater nicht...

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  • Verena Glatz am 04.11.2011 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Managed Care

    Managed Care, ich finde es gut, dass es diese Netzwerke gibt, aber bitte nur für die Personen die sich für das entscheiden. Die freie Arztwahl soll weiterhin bestehen, wir sind mündig und können uns selbst entscheiden. Der hohe Kostendruck kann so auch nicht gemindert werden, wenn alles befohlen wird.

  • Susi am 04.11.2011 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    SWICA am schlimmsten!

    Wo sparen die Kassen eigentlich bei ihren Verwaltungskosten? Immer wird der Patient geschröpft aber von den Kassen wird niemals offen gelegt, wie sie ihre Verwaltungskosten senken können. Gerade die SWICA setzt auf Manage-Care, sieht man aber die Prämien die sie verlangen, fragt man sich, wo ist da der Spareffekt?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Max Steffen am 05.11.2011 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    Managed-Care

    Das Problem, sehr geehrte Sandra J. ist, wenn der Hausarzt nicht auf der Hausarztliste ihrer Krankenkasse ist. Denn jede Krankenkasse hat Ihre eigene Hausarztliste. Oder wenn Ihr Hausarzt sich weiterbildet und jetzt wohl Hausarzt und Spezialist ist. Jetzt wird er bei den einten Krankenkassen auf der Hausarztliste gestrichen, bei den anderen wird er gleichwohl akzeptiert. Sie sehen es ist ein Chaos. Es gäbe noch viele Beispiele.

    • M. B. am 29.08.2012 13:43 Report Diesen Beitrag melden

      Es gibt immer Vor- und Nachteile

      Sehr geehrter Herr M. Steffen, Das ist bereits heute der Fall, das es verschiedene Hausarztlisten gibt, wäre also nichts neues! Dann zählen Sie mal weitere Bespiele auf, wenn die auch so sind wie das vorher genannte, dann sind Sie nicht Nennenswert. Es gibt immer Vor- und Nachteile, die entscheidene Frage ist was überwiegt und das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

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  • Sandra J. am 04.11.2011 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Pro Managed-Care

    Ich habe seit eh und je einen Hausarzt. Mir käme es gar nicht in den Sinn, jedes Mal (je nach Krankheit, die mich plagt) zu einem anderen Mediziner zu gehen. Wieso auch? Mit meinem Hausarzt habe ich doch in der Regel ein Vertauensverhältnis, er kennt meine Akte, kann auf mich eingehen und verweist mich zu einem kompetenten Spezialisten, wenn es nötig ist. Vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen und mir erklären, wo genau das Problem ist?

    • Sabine Meier am 04.11.2011 11:40 Report Diesen Beitrag melden

      Hausärzte können auch irren

      Liebe Frau J. Würde Managed Care und das Hausartzmodell für alle zwangsmässig eingeführt, dann würden die Alten, "teuren" Patienten, die Netzwerke extrem verteuern. Die Hausärzte kommen dann, wie überall auf der Welt, wo Managed Carezwang besteht, unter einen enormen Kostendruck, sie müssten Patienten wegen der "Budgetverantwortung" (noch so ein schönes Managed Carewort) abweisen, in Wartelisten abschieben usw. Ausserdem: Der Wissenschatz in der Medizin wächst ständig. Wie soll da ein einziger Arzt, noch dazu nicht im Fachgebiet ausgebildet mithalten können? Was, wenn ihr Hausarzt irrt?

    • Markus Müller am 04.11.2011 18:10 Report Diesen Beitrag melden

      Managed Care Zwang: NEIN DANKE!

      Wenn erst einmal Managed Care per Zwang und mit Budgetverantwortung in der ganzen Schweiz etabliert ist, dann hat ihr lieber Hausarzt auch nichts mehr zu lachen. Dann passiert das, was wir überall sehen, wo dieses kranke Gatekeeping praktiziert wird. Die Hausärzte schielen ständig nach ihrem Budget, weil sie sonst ruiniert sind. Nicht mehr der Patient steht im Mittelpunkt, sondern das Budget. Der Arzt sitzt mit dem Versicherer in einem Boot und die Patienten können schauen, wo sie bleiben. Managed Care: NEIN DANKE!

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  • Sio M. am 04.11.2011 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe ich nicht!

    Das verstehe ich nicht, aber vielleicht kann mir jemand weiter helfen. Die Mehrheit der FMH sind Hausärzte. Richtig? Die FMH resp. die Hausärzte (da ja Merheit) hat mit 2/3 FÜR das Referendum gestimmt. Dennoch untestützen die Hausärzte des Verbandes «Hausärzte Schweiz» die MC Vorlage. Richtig? Wie soll das gehen? Dann muss ich aber ehrlich sagen, sollten sich die Hausärzte des Verbandes «Hausärzte Schweiz» selber an der Nase nehmen! Sie hätten doch Gelegenheit gehabt, bei der Abstimmung FMH teil zu nehmen und sich GEGEN das Referendum auszusprechen, dann hätten wir jetzt das Theater nicht...

    • f.f. am 04.11.2011 14:21 Report Diesen Beitrag melden

      Richtigstellung

      Das stimmt so nicht. Bei der FMH sind 1/3 Spitalärzte, 1/3 Spezialisten und 1/3 Hausärzte. Bei der Urabstimmung haben nur 15% aller Mitglieder gestimmt. Davon sicher nicht alles Hausärzte. Zudem gibt es nicht "das Referendum"; es gibt 3 Referendum-Komitees die alle etwas anderes wollen. Die genaue Stellungnahme ist auf zu finden.

    • Dr A Meier. zurich am 04.11.2011 15:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Hausärzte sind Minderheit

      Es ist falsch, dass die Mehrheit der FMH Mitglieder Hausärzte sind. Im Gegenteil. Es sind Spezialisten und Spitalärzte. Deswegen sind alle Tarife hausarztfeindlich zu Gunsten der Spezialisten (welche gemäß neuer Studien einen deutlich simpleren und weniger verantwortungsvollen Job haben). Die Hausärzte fühlen sich seit Jahrzehnten von der FMH vernachlässigt und sind eine von ihr vernachlässigte Minderheit

    • Markus Müller am 04.11.2011 15:42 Report Diesen Beitrag melden

      ManagedCareLobby und die liebe Wahrheit

      @Herr F.F. bitte verbreiten Sie hier keine Managed Care-Unwahrheiten¨: 15000 FMH-Ärzte haben abgestimmt. D.h. 45% , eine sehr gute Wahlbeteiligung also. Es gibt verschiedene Komitees, weil der Wiederstand gegen das im Ausland gescheiterte Managed Care geht von SP bis SVP-Anhängern. Es gibt viele Argumente gegen die Abschaffung der freien Arztwahl und nur eines spricht dagegen: Der Profit, den die Gatekeeper auf Kosten unserer Gesundheit mit Managed Care erwirtschaften.

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  • Susi am 04.11.2011 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    SWICA am schlimmsten!

    Wo sparen die Kassen eigentlich bei ihren Verwaltungskosten? Immer wird der Patient geschröpft aber von den Kassen wird niemals offen gelegt, wie sie ihre Verwaltungskosten senken können. Gerade die SWICA setzt auf Manage-Care, sieht man aber die Prämien die sie verlangen, fragt man sich, wo ist da der Spareffekt?

    • Robert Mosimann am 04.11.2011 13:49 Report Diesen Beitrag melden

      Wo ist die Aufsicht über den Leerlauf???

      Es ist ärgerlich. Jedes Jahr im Herbst verpulvern alle Krankenkassen Millionen für die Werbung bzw. Abwerbung. Wir bezahlen das mit den Prämien. Höchste Zeit für eine Einheitskasse - ähnlich der AHV. Wir leisten uns diesen Leerlauf weil es uns zu gut geht.

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  • Christian Schürch am 04.11.2011 09:32 Report Diesen Beitrag melden

    nicht stärkere, nur andere anreize

    die gewerkschaften sollten sich fragen, ob es wirklich zu stärkeren ökonomischen anreizen in der gesundheitspolitik kommt. wahrscheinlich verschieben sich diese anreize nur von den spezialisten die möglichst viel verschreiben wollen, hin zu den ärztenetzwerken, die das maximum aus dem geld rausholen wollen. ob das erstere wirklich für patient/innen besser ist?