Uetendorf, weltoffen

15. Dezember 2011 13:44; Akt: 15.12.2011 13:57 Print

Her mit den Asylanten!

von Sandro Spaeth - Niemand will eine Asylunterkunft im Dorf. Niemand? Eine kleine Gemeinde im Berner Oberland nimmt freiwillig 100 Flüchtlinge auf. Warum eigentlich? - Eine Reportage.

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Das Altersheim Turmhuus in Uetendorf: Am unteren Bildrand befindet sich die Zufahrtsrampe für die zur Asylunterkunft umfunktionierte Sanitätshilfestelle. (Bild: Bildquelle: PD)

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Der Name tönt vielversprechend: Amerika-Egge. Es ist ein Stück Land ganz am Rande von Uetendorf. 200 Jucharten Weide, einige Baumreihen, dahinter die Aare. Es ist keine besonders schöne Wiese. Aber eine wichtige in der Geschichte der Gemeinde. Diesen Flecken Land verpfändete Uetendorf 1854, um verarmten Dorfbewohnern die Reise nach Amerika zu bezahlen. Basel, Le Havre, New York – Auswanderung aus wirtschaftlichen Gründen.

Heute hat sich die Richtung des Flüchtlingsstroms geändert: Nordafrika, Lampedusa, Chiasso – Uetendorf. Am Donnerstag wird die 6000 Seelen zählende Gemeinde in der Agglomeration Thun 100 Asylbewerber aus dem Maghreb aufnehmen. «Freiwillig», wie der Gemeindepräsident Hannes Zaugg-Graf betont. Allerdings hätte der Kanton die Gemeinde bei einem Nein möglicherweise gezwungen.

Keine Proteste – trotz SVP-Dominanz

Die grossen Proteste, wie sie sich in der Aargauer 450-Seelen-Gemeinde Bettwil in Form von Transparenten – «Behördenwillkür! Nein» – oder «Wir sehen schwarz»-Flyern zeigen, gibt es in Uetendorf nicht. Dies obwohl die Unterkunft im Dorfzentrum – in einer ehemaligen Sanitätshilfestelle auf dem Gelände des Altersheims – zu stehen kommt.

Warum diese Gelassenheit? Uetendorf ist kein Nest der Nächstenliebe, keine Hochburg der Linken. Das Dorf ist eine normale Gemeinde, mit 40 Bauern- und 400 Gewerbebetrieben. Bei den vergangenen Nationalratswahlen haben über 37 Prozent der Bevölkerung SVP gewählt, fast 16 Prozent die BDP und lediglich 13 Prozent SP. Mit SVP-Nationalrat Albert Rösti hat Uetendorf seit letzter Woche auch einen direkten Draht nach Bern.

400 Meter von der Asylunterkunft entfernt im Sitzungszimmer des Gemeinderats sagt Zaugg-Graf: «Den typischen Uetendorfer gibt es nicht, trotz SVP dominiertem Gemeinderat». Statt mit einem Aktenberg erscheint der Gemeindepräsident mit einem Ipad im schlichten Sitzungszimmer. Er möge Begriffe wie «das Volk» oder «den Bürger» nicht. Man sei ein Kollektiv, weil es gewisse Überschneidungen gebe. Im Gemeinderat sei der Entscheid für die Asylunterkunft einstimmig gefällt worden, sagt Zaugg-Graf.

Mit dem Ja zur Asylunterkunft hat sich der Gemeindepräsident nicht nur Freunde geschaffen. Jemand schickte ihm ein Gratulationsmail zum «unfähigsten Gemeindepräsidenten». Ein anderer schrieb: Leute wie ihn hätte man früher an die Wand gestellt. Zaugg-Graf gibt sich gelassen, ignoriert die Protestmails, auch wenn ihn die Kritik unter der Gürtellinie zu kränken scheint.

Lange Tradition mit Flüchtlingen

Weshalb hat sich Uetendorf gemeldet? «Der Kanton ist in Schwierigkeiten», sagt Zaugg-Graf. Weil Bundesrat Blocher damals die Kapazität in den Aufnahmestellen des Bundes halbierte. Nun kommen die Flüchtlinge rascher in die Kantone. Den Vorwurf, Uetendorf habe aus Angst vor Widerstand erst spät über das Asylzentrum informiert, lässt Zaug-Graf nicht gelten. Und auch finanzielle Anreize hätten keine Rolle gespielt, obwohl der Kanton Bern der Gemeinde als Miete für die Sanitätshilfestelle laut Zaugg-Graf 10 000 Franken monatlich bezahlt. Den grössten Vorteil seiner Zusage sieht Zaugg-Graf in der Hoffnung, dass sich der Kanton seiner Gemeinde gegenüber auch mal kulant zeigt.

Uetendorf hat eine Tradition mit Ausländern .Vor rund 15 Jahren zogen Flüchtlinge aus Somalia in eine Barackenanlage am Dorfrand. Sie sind teilweise geblieben. Die Statistik der Gemeinde zeigt 19 Personen mit somalischem Pass. Es sei meist gut gelaufen. Und wenn nicht, hat der Gemeindepräsident gleich selbst nach dem Rechten geschaut. «Somalier sind sehr autoritätsgläubig – ich bin für sie eine Art Dorfkönig», so Zaugg-Graf.

Kein Zutritt für Asylbewerber

Zurück zum Gelände der Asylunterkunft geht es durch die Dorfstrasse. Migros und Coop haben hier die Bauernhäuser schon vor Jahrzehnten verdrängt. Die Bewohner des Altersheims hätten die Nachricht über die neuen Nachbarn gut aufgenommen, sagt Heimleiter Andreas Gugger. Der Mann in den Fünfzigern, mit Hornbrille und ruhiger Stimme hatte die Neuigkeiten beim Essen per Megafon verkündet. «Eine gewisse Weisheit kommt wohl erst mit dem Alter», findet Gugger.

Zwischen Dezember 2008 und Februar 2010 hatte Uetendorf die Sanitätshilfestelle schon einmal zum Asylzentrum umfunktioniert. Gugger erinnert sich: Unangenehm sei gewesen, dass die jungen Männer den alten Damen die Einkäufe bis aufs Zimmer haben bringen wollen. Und mit Nachdruck Trinkgeld verlangten. Das hat die Heimleitung schliesslich unterbunden. Zutrittsverbot für Asylbewerber.

Bei der Ausschaffungsinitiative in November 2010 zeigte ich Uetendorf restriktiv: 1652 Ja zu 798 Nein. Deswegen sei Uetendorf noch keine SVP-Hochburg, sagt Pfarrerin Nicole Schultz, die mit ihrer Familie ein stattliches Pfarrhaus etwas unterhalb der Kirche bewohnt. Zur Asylunterkunft sind es 300 Meter. Uetendorf sei nicht so konservativ wie die typischen Berner Oberländer Gemeinden. Hier sei die bäuerliche Bevölkerung mittlerweile in der Minderheit.

Missionierungsverdacht

2008 sind mehrere Schwarzafrikaner zu Schulz in den Gottesdienst gekommen und haben nach englischsprachigen Bibeln gefragt. Als Schultz die heiligen Schriften in die Unterkunft bringen wollte, stiess sie zunächst auf Widerstand der Zentrumsleitung: Missionierungsverdacht!

Wird Frau Pfarrer das Asylzentrum in einen ihrer Gottesdienste aufnehmen? «Ich predige eigentlich nicht politisch», sagt Schultz. Einmal hat sie eine Ausnahme gemacht. Ausgehend vom Zitat «Wer seinen Nächsten einen Idioten nennt, hat ihn in Gedanken schon getötet», thematisierte die Pfarrerin ein Schäfchenplakat der SVP.

Nur 50 Meter von der Asylunterkunft entfernt wohnt eine Mutter mit zwei Kindern. Die Gemeinde stelle die Situation viel zu positiv dar, erzählt sie. Nichts sei reibungslos gelaufen vor zwei Jahren. Sie erzählt von Anpöbeleien. Und dass die Afrikaner nächtelang in ihre Telefone geschrien hätten. Zeitweise ist die Polizei laut der Anwohnerin jeden Tag vorgefahren.

Wirtschaftsflüchtlinge

Gemeindepräsident Zaugg-Graf ist froh, wenn er die Sanitätshilfestelle 2012 ans Altersheim verkaufen kann. Das Heim möchte eine Tiefgarage bauen. Dann kann Uetendorf nicht mehr einspringen, wenn der Kanton Plätze sucht. «Wir haben unsere Schuldigkeit getan», sagt Zaugg-Graf. Er verweist auf die 300 weiteren Gemeinden im Kanton Bern.

Das Problem also einfach weiterreichen? So wie es Uetendorf 1854 tat, als es den Amerika-Egge für 30 000 Franken verpfändete, um die Emigration seiner verarmten Einwohner ins ferne New York zu berappen. Der Betrag für die Schifffahrtsgesellschaft wurde übrigens erst freigegeben, als das Schiff den Hafen Le Havre verlassen hatte – und eine Rückkehr der 134 Uetendorfer Wirtschaftsflüchtlinge ausgeschlossen war.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau Meier am 17.12.2011 02:35 Report Diesen Beitrag melden

    Asylanten unterbringen wo erwünscht

    Es ist sinnvoll, die Asylanten, die die Schweiz nehmen muss, dort unterzubringen, wo sie auf weniger Abneigung stossen. Das Klima ist dann bestimmt auch besser und bestimmt verhalten sich die Asylanten auch positiver.

  • empty()set am 15.12.2011 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Anmerkung

    Gemeindepräsident Hannes Zaugg ist übrigens von der SP. Nicht, dass ihn dies disqualifiziert. Auf Gemeindestufe zählt für mich die Parteizugehörigkeit ohnehin weniger, aber der Vollständigkeit halber sollte es dennoch erwähnt werden.

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  • Weltoffener am 15.12.2011 14:17 Report Diesen Beitrag melden

    Migration

    Wichtig scheint mir, dass im Artikel wieder einmal darauf hingewiesen wird, dass die Schweiz lange Zeit ebenfalls ein Auswanderungsland war. Jetzt bezahlen wir für unseren Wohlstand (und wir leben zu einem grossen Teil ja auf Kosten armer Länder) damit, dass wir für Einwanderer attraktiv sind. Ich finde das in Ordnung.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hans Fiechter, Bern am 18.12.2011 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleiben Schengen und Dublinabkommen ?

    Asylbewerber aus Nordafrika gehören nicht in die Schweiz. Sie sind aus Italien in die Schweiz eingewandert und müssen sofort wieder nach Italien spediert werden. Der Bevölkerung wurde in der Abstimmung über Schengen und Dublin genau diese Vorgehensweise von den Linken vorgegaukelt. Haltet Euch endlich mal an abgestimmte Artikel über Ausschaffung und Rückweisungen in die Herkunftsländer.

    • Marc Huber am 18.12.2011 18:27 Report Diesen Beitrag melden

      Genau

      Wir haben eigentlich geltende Gesetze..

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  • My Name am 18.12.2011 02:28 Report Diesen Beitrag melden

    Und vorher?

    Wo waren diese Asylbewerber vor dem Umzug einquartiert? Oder kamen die ca. 100 Flüchtlinge an einem Tag in die Schweiz

  • arsenius am 17.12.2011 17:42 Report Diesen Beitrag melden

    Steuergelder

    Das Ganze wird ja mit Steuergelder finanziert. Das sind nicht nur die sogen. Flüchtlinge/Asylanten sondern auch die zahlreichen Schweizer "Fachhelfer". Die Wirtschaftslage ist ja eher schwächelnd und die Arbeitslosigkeit wird sich ausdehnen. Die Chance dass das Steueraufkommen der CH mal zwangsweise für wichtigere Dinge gebraucht wird vergrössert sich!

  • Herr Gurundi am 17.12.2011 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schreiende Asylbewerber

    Das einzig glaubwürdige an diesem Artikel sind die Schilderungen der direkt Betroffenen, die in der Nähe des Asylzentrums wohnen (nächtelang in's Telefon schreiende Afrikanerinnen). Ich vermute mal, die Gemeinde hat für ihre 'Opferbereitschaft' viel Geld bekommen.

    • Hans am 17.12.2011 19:15 Report Diesen Beitrag melden

      @Herr Gurundi

      Ich vermute wiederum, dass Sie gezielt nur auf solche Aussagen fahnden, da Sie sämtlichen positiven Meldungen aus Prinzip schon mal keinen Glauben schenken. Liege ich da richtig?

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  • Tinu am 17.12.2011 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kolonien

    Interessante Sachen gibt es hier zu lesen! Aber so leid es mir tut, die Schweiz hatte nie Kolonien! Diese Städte wurden vielleicht von Schweizer Auswanderern gegründet, aber sie waren nie Kolonien der Schweiz! Kolonien wären der Schweizer Regierung unterstellt und nicht der Landesregierung! Soooo viel Macht hatten wir Schweizer noch nie - wir haben nämlich keine Marine, die dies ermöglichen würde! St. Louis in Amerika - wie St. Louis im Elsass. Da Amerika hauptsächlich aus Flüchtlingen aus Europa besteht, gibt es viele solcher Beispiele: York (England) - New York (USA)

    • Hans am 17.12.2011 19:16 Report Diesen Beitrag melden

      @Tinu

      Nicht zu vergessen die typischen Orte New Glarus und New Berne!

    • Lumpi am 18.12.2011 11:45 Report Diesen Beitrag melden

      New Hintertupfingen

      Gibt es auch ein New Hintertupfingen oder ein New Hoppdäbäse? Das wär doch was...

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