Auf ein Bier mit ...

09. Dezember 2013 18:38; Akt: 10.09.2015 08:42 Print

Herr Glättli, wann werden Sie Bundesrat?

von J. Büchi - Er ist der Senkrechtstarter der Grünen: Balthasar Glättli sprach mit 20 Minuten über seinen Anzug, seine Erfolgsrezepte und seine schwere Krankheit in der Kindheit.

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Zum Auftakt unserer Wintersessions-Serie trifft sich 20 Minuten auf ein Bier mit Balthasar Glättli. Oder auf eine «Einheitspfütze», wie der 41-Jährige lacht, als wir die beschränkte Bierauswahl in der Karte des «Chez Edy» auf dem Berner Bärenplatz studieren. Eigentlich hätte er, der Mitglied im Verein zur Förderung der Biervielfalt ist, gern mit einer Spezialität aus einer Schweizer Kleinbrauerei angestossen. «Die Paul-Biere etwa, kennen Sie die? Die gibt es in verschiedenen Ausführungen, Paul 1 bis 10», holt der 41-Jährige aus. «Im Sommer zum Beispiel war das erfrischende Paul 4 mein Favorit.»

Glättlis Talent, zu begeistern, führte ihn in seiner politischen Karriere steil nach oben – sehr steil. Als er Anfang der 90er-Jahre der Grünen Partei des Zürcher Bezirks Hinwil beitrat, wurde er gleich in den Vorstand gewählt. Mit 26 zog er nicht nur als jüngstes je gewähltes Mitglied in den Zürcher Gemeinderat ein, sondern übernahm auch gleich das Fraktionspräsidium. Und nach seiner Wahl in den Nationalrat 2011 dauerte es nicht lange, bis man sein Gesicht in der ganzen Schweiz kannte.

Die Krönung erfolgte zu Beginn dieser Wintersession: Nach nur zwei Jahren im Parlament wählte ihn die Bundeshausfraktion zu ihrem Chef. Andere haben sich in dieser Zeit wohl knapp eingelebt im Bundeshaus. Wie er das mache, will ich von ihm wissen. «Ich habe immer gern gearbeitet», sinniert der Grüne. «Gern und viel.»

Der «Jesus» mit der Note Sechseinhalb

Glättli, der Musterschüler? Im Gymnasium habe er keine Sechsen, sondern Sechseinhalber geschrieben, erzählte man sich an der Kantonsschule Wetzikon. «Das muss beim Deutschaufsatz bei Herrn Lippuner gewesen sein», schmunzelt Glättli, «das hätte ich gar nicht mehr gewusst.» Aber nein, ein Musterschüler im klassischen Sinn sei er nie gewesen. Vielmehr habe er sich schon damals für seine Überzeugungen engagiert, mitgestalten wollen, durchaus zuweilen auch provoziert.

«Jesus» habe man den Zürcher Oberländer mit seinen langen Haaren an der Kanti genannt. Geige spielend habe er die anderen Schüler um sich geschart, heisst es. Stimmt das? «Mit Kleidung und Auftreten zu experimentieren gehört in diesem Alter wohl dazu», wiegelt Glättli ab. Der zuweilen missionarische Eifer ist ihm jedoch geblieben. Dass er noch heute gern mit seinem Aussehen kokettiert, gibt der 41-Jährige zu.

Eine silberne «Uniform» für den Grünen

Natürlich: Mit silbernem Anzug, dunkelblauem Hemd und grünem Filzschal hat Glättli längst eine eigene Marke geschaffen - «ganz bewusst», wie er sagt. «Da ich im Wahlkampf 2011 nicht viel Geld zur Verfügung hatte, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen, damit man mich wiedererkennt.» Seine «Uniform» habe er so gewählt, dass ihn auch seine bürgerlichen Kollegen ernst nehmen können. Denn: «Ich provoziere mit Worten schon genug, da muss ich nicht noch mit zerrissenen Jeans und langen Haaren herumlaufen.»

Inzwischen hat Glättli 20 bis 25 dunkelblaue Hemden, fünf grüne Filzschals («man weiss nie, wann man diese das nächste Mal findet») und drei silbergraue Anzüge («plus ein paar weitere, die etwas hermachen»). Verleidet sei ihm der Einheitslook noch nicht: «Es ist eigentlich ganz angenehm, wenn man am Morgen vor dem Kleiderschrank nicht lang überlegen muss», sagt Glättli. Nur in der Freizeit, da lege er die Politik-Uniform ab. «Der private Balthasar Glättli trägt Jeans und T-Shirt.»

Die Leukämie hat ihn geprägt

Das Spiel mit den verschiedenen Rollen beherrscht der Nationalrat perfekt. «Mir wurde früh bewusst, dass ein Mensch verschiedene Funktionen verkörpern kann», erzählt er. «Mein Vater war gleichzeitig auch mein Primarlehrer. Das hat mich viel über die Bedeutung von Autorität und Rollen gelehrt.»

Doch nicht nur die väterliche Doppelrolle prägte den jungen Balthasar. Mit gerade einmal sechseinhalb Jahren erkrankte er an Leukämie. «Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich mich heute so stark engagiere», überlegt Glättli, «Ich will etwas zurückgeben – und zwar besser heute als erst morgen.» Während seiner Krankheit habe er auch viel gelesen. «Alles, was mir in die Finger kam, habe ich verschlungen.» Das komme ihm heute zugute.

Eine politische Wassermelone

Wie ein offenes Buch steht Glättli Rede und Antwort – auch das ein Markenzeichen von ihm. Doch wenn er spricht, schliesst er immer wieder die Augen, als erfordere die Antwort höchste Konzentration. Droht die ständige Medienpräsenz, das ständige Onlinesein, manchmal zu viel zu werden? «Ich glaube, ich merke sehr gut, wenn ich es etwas ruhiger angehen muss, und gönne mir dann auch bewusst Auszeiten», sagt Glättli. «Die Politik ist mein grösstes Hobby und es ist ein Privileg für mich, damit meinen Lebensunterhalt verdienen zu dürfen.»

Die Leidenschaft für Politik teilt er mit seiner Partnerin, der SP-Lokalpolitikerin Min Li Marti. Früher, als sie noch zusammen im Gemeinderat gesessen hätten, seien sie mit ihren verschiedenen politischen Ansichten zwar manchmal aneinandergeraten. Für ihn gehörten soziale und ökologische Werte aber zusammen, betont Glättli, der sich in früheren Interviews als «Wassermelone» bezeichnet hatte («aussen grün, innen rot»). «Eine grüne Wirtschaft ist für mich genauso wichtig wie ein fairer Umgang mit den Arbeitskräften.»

«Da können Sie lange warten»

Getreu diesen Werten setzte sich Glättli in dieser Wintersession etwa wortgewaltig für die Mindestlohninitiative ein. Auch in anderen Debatten stand der Mann im silbernen Anzug und dem grünen Schal immer wieder am Rednerpult, versuchte seine Kollegen mit improvisierten – Kritiker würden sagen: ausschweifenden – Reden zu überzeugen.

Es scheint klar: Der Senkrechtstarter hat noch nicht genug, er will noch höher hinaus. Herr Glättli, wann werden Sie Bundesrat? «Da können Sie lange warten», sagt er lachend. Als Fraktionspräsident wolle er die Positionen der Grünen prononciert zum Ausdruck bringen und hart verhandeln. «Von Bundesratskandidaten wird erwartet, dass sie angepasst und zurückhaltend sind. Das verträgt sich irgendwie schlecht mit meiner Person.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schweizer am 09.12.2013 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    NEIN

    Wenn Herr Glättli Bundesrat wird, gebe ich meinen Schweizer Pass ab und beantrage Asyl in Liechtenstein.

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  • Herr Forst am 09.12.2013 22:05 Report Diesen Beitrag melden

    Unser Asylfreund Balthasar Glättli

    Herr Glättli ist mit Abstand vermutlich der radikalste Asylfreund der Schweiz. Wenn der in den Bundesrat kommen sollte eines Tages, dann wandere ich nach Australien aus!

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  • Bündner am 09.12.2013 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein danke

    Bitte nicht Bundesrat. Das erträgt die Schweiz nicht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Visionär am 11.12.2013 09:15 Report Diesen Beitrag melden

    Das wär's noch...

    Da gehören wohl eher Politiker aus der SVP in den Bundesrat, weil diese z. Zt. den meisten Zuspruch des Volkes hat. In diesem Zusammenhang sollte man auch über das absetzen von Politikern diskutieren - mir kämen da gleich mehrere Politikerinnen in den Sinn.....

  • Dick Turpin am 10.12.2013 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    Nein Danke Herr Glättli als BR

    Nein und nochmals nein, nein niemals dieser Herr Glättli als Bundesrat mir langt schon was der immer von sich gibt!

  • Marianne Malapati am 10.12.2013 15:49 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht??

    Wär doch mal nicht schlecht, eine etwas andere Sicht im Bundeshaus! Ich finde den Glättli cool.

  • T. M- am 10.12.2013 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    Weshalb sich noch engagieren?

    Herr Glättli tut einem irgendwie leid. Einige - zumindest nach diesen Kommentaren - wollen anscheinend im unendlichen Konsumrausch lieber an der Nase herumgeführt werden oder machen sich etwas vor und wundern sich eines Tages über schwindende Lebensgrundlagen und gravierende Fehlentwicklungen. Was im Leben zählt, eigentlich Aufgabe wäre und echte Feiheit bedeutet, sehen viele (noch) nicht.

  • Zürcher am 10.12.2013 08:16 Report Diesen Beitrag melden

    BR? Bitte erst nach dem er mal

    gearbeitet hat und nicht nur das Geld anderer Leute verteilt.